Zwei Chefs - eine Botschaft: Der Streik bei der Bahn stößt auch bei Benoît Gilson auf kein Verständnis. Gilson ist Generaldirektor des Teils der Bahn, der in der Öffentlichkeit weniger im Fokus steht. Gilson kümmert sich nicht primär um die fahrenden Züge - das macht seine Kollegin Sophie Dutordoir als Generaldirektorin der SNCB - sondern um die Gleise und Signale, die Bahnübergänge und Bahnhöfe - alles, was mit der Infrastruktur der Bahn zu tun hat.
Infrabel nennt sich sein Betrieb. Doch die Gründe, warum zurzeit bei der Bahn gestreikt wird, sind auch für ihn die gleichen. Im Kern geht es den Streikenden um die Abschaffung des Beamtenstatus bei der Bahn, sowohl bei SNCB als auch bei Infrabel. Die Streikenden finden das nicht gut. Gilson dagegen sieht darin eine Notwendigkeit und erinnert: Belgien sei mittlerweile das einzige Land in Europa, das bei der Bahn noch Beamte einstelle.
Allerdings ist das noch kein Grund, den Beamtenstatus abzuschaffen, nur weil alle anderen es auch gemacht haben. Weshalb Gilson noch eine andere Begründung hinterher schiebt: "Der Beamtenstatus macht alles unflexibel und erschwert die Organisation der Arbeit in einem Umfeld, das immer mehr von Konkurrenz geprägt wird. 2032 werden andere Bahnbetreiber auf den belgischen Markt kommen. Die SNCB möchte auf Augenhöhe mit diesen Konkurrenten sein - und dafür braucht sie mehr Flexibilität.
Für die Angst, dass die Gewerkschaften fürchten, dass die Arbeitsbedingungen als Angestellte bei der Bahn schlechter würden als die von Beamten, hat Gilson durchaus Verständnis. Dieses Problem bekäme man aus seiner Sicht aber nicht durch Streiks gelöst. Vielmehr müsse miteinander gesprochen werden. "Meine Kollegin Sophie Dutordoir als SNCB-Chefin und ich laden die Gewerkschaften dazu ein, sich gemeinsam mit uns an den Tisch zu setzen, um gemeinsam zu schauen, wie wir die Berufe bei der Bahn für die neuen Mitarbeiter attraktiv gestalten können, die als Angestellte mit Vertrag zu uns kommen werden."
Leider sehe es zurzeit aber nicht danach aus, als ob die Gewerkschaften die ausgestreckte Hand der Arbeitgeber annehmen würden. Nächste Woche hätten die Gewerkschaften schon wieder streiken wollen. Das sei aber abgelehnt worden, so der Infrabel-Chef, weil die Mitglieder vorher nicht befragt und andere Alarmglocken nicht aktiviert worden seien.
Mit dem Verlauf des aktuellen Streiks ist der Infrabel-Chef eher zufrieden - wenn man so etwas überhaupt in einer Streiksituation von einem Arbeitgeber sagen kann. "Rund 15 Prozent des Personals streiken", gibt Gilson an. Im Umkehrschluss hieße das, dass 85 Prozent der Menschen arbeiten. Im Durchschnitt würden immerhin rund 60 Prozent der Züge fahren. Auf den meisten Strecken gebe es immer eine Lösung für die Kunden, die auf den Zug angewiesen sind.
Kay Wagner