Für den Les-Engagés-Politiker ist eine Sache glasklar: Beim aktuellen Streik geht es nicht etwa um die Alltagssorgen der Menschen, die bei SNCB und Infrabel arbeiten, sondern um Ideologie. Das habe der Vorsitzende der sozialistischen Gewerkschaft doch selbst im Interview gesagt, so Crucke am Montagmorgen in der VRT. Für ihn aber habe Ideologie nichts verloren in öffentlichen Dienstleistungen.
Und noch etwas stellt Crucke unmissverständlich klar: In einer Demokratie entscheide das Parlament über Gesetze, nicht die Straße. Und in einer Demokratie sei es auch das Recht der Regierung, gegen Widerstände Reformen zu beschließen. Schließlich hätten die Bürger ihr eine Mehrheit und damit ein Mandat gegeben.

Als Mobilitätsminister sieht er sich auch in der Verantwortung, die SNCB fit zu machen für das Jahr 2032. Dann wird nämlich der Schienenverkehr liberalisiert, das hat Europa so beschlossen. Vereinfacht gesagt: Dann dürfen auch dem belgischen Schienennetz auch andere mitmischen, die SNCB bekommt also Konkurrenz.
Er wolle nicht, dass Menschen bei der Bahn dann ihre Jobs verlören, weil man sich nicht auf den Wettbewerb vorbereitet habe. Alle müssten sich anpassen, das gelte auch für das Personal von SNCB und Infrabel. Hinzu komme, dass die Entscheidung über die Liberalisierung des Schienenverkehrs schon 2007 gefallen sei, seitdem in Belgien aber quasi nichts unternommen worden sei in puncto Vorbereitung darauf.
Crucke führt als mahnendes Beispiel die Deutsche Bahn an: In Deutschland habe die Bahn 40 Prozent ihres alten Marktes verloren. Sei es das, was die Streikenden auch für Belgien wollten? Er jedenfalls wolle das sicher nicht. Er wolle vielmehr, dass die SNCB auch selber international eine Rolle spielen könne.
Um die belgische Bahn also fit zu machen für 2032, will Crucke unter anderem ein Ende statutarischer Ernennungen bei SNCB und Infrabel ab dem 1. Juni. Also dass neue Arbeitnehmer nicht mehr verbeamtet werden, sondern normale Arbeitsverträge bekommen. Passiere das nicht, kämen auf die Bahn Mehrbelastungen in Höhe von 150 Millionen Euro zu, die wieder vom Steuerzahler getragen werden müssten.
Darüber will er auch nicht mehr mit den Gewerkschaften verhandeln. Die Zeit für Verhandlungen sei vorbei. Es hätten lange Verhandlungen stattgefunden, zweimal habe er sich mit den Gewerkschaftsführern geeinigt, beide Male sei die Vereinbarung von der Basis wieder gekippt worden. Genug sei genug, man könne nicht ewig weiterverhandeln, wenn die Zeit dränge. Und die Gewerkschaftsführer hätten im Übrigen im Vorfeld zugestimmt, dass der zweite Versuch der letzte sein würde. In dem Sinne habe er sich nichts vorzuwerfen, auch wenn seit Dezember nicht mehr miteinander gesprochen worden sei.
Der Mobilitätsminister unterstreicht auch, dass die geplante Änderung ausschließlich zukünftiges Personal betreffen wird: Für die Menschen, die jetzt schon für SNCB und Infrabel arbeiteten und die jetzt streikten, werde sich überhaupt nichts ändern. Außerdem werde ja niemand gezwungen, bei SNCB oder Infrabel zu arbeiten, wenn einem die Konditionen nicht passten, so der Minister sinngemäß.
Er fegt auch die Warnung der Gewerkschaften vom Tisch, dass der Beamtenstatus und die damit verbundenen Privilegien notwendig seien, um überhaupt ausreichend qualifiziertes Personal zu finden. Er bekomme jeden Tag Bewerbungen von Menschen, die bei der Bahn arbeiten wollten. Und noch nie habe jemand dafür eine statutarische Ernennung zur Bedingung gemacht.

Menschenkette vor Regierungssitz
Im Zentrum von Brüssel haben sich einige hundert Gewerkschaftsmitglieder zu einer Protestaktion versammelt. Mit der Aktion erklären sie sich solidarisch mit den Bahnbeschäftigten, die in Streik getreten sind.
Nach Polizeiangaben waren bis zu 1.500 Menschen an der Aktion beteiligt. Dabei fanden sich die Demonstranten zu einer Menschenkette vor dem Regierungssitz zusammen.
Minimaldienst bei der SNCB
Es ist bereits das 27. Mal seit Januar 2025, dass bei der Bahn gegen die Reformen der Regierung gestreikt wird. Der fünftägige Streik wird den Zähler auf dann 32 Streiktage bringen.
Jeden Tag streikt ein anderer Teil des Personals, sowohl bei der SNCB als auch beim Schienennetzbetreiber Infrabel. Am Montag und Dienstag sollen drei Viertel der IC-Züge fahren und zwei Drittel der L- und S-Züge. Zu den Stoßzeiten werden jedoch deutlich weniger Züge eingesetzt.
Auch bei der wallonischen Nahverkehrsgesellschaft TEC wird diese Woche gestreikt. Im TEC-Bezirk Lüttich-Verviers fallen am Montagvormittag bis zu 80 Prozent der Busse aus. In Charleroi wurden alle Busverbindungen bis auf zwei gestrichen.
Am Freitagabend endet der Arbeitsausstand.
Raum Lüttich-Verviers: Starke Beeinträchtigungen im Busverkehr
schb/sh/km