Was viele befürchtet hatten, scheint nun doch noch einzutreten. Nach der Serie von Infektionen mit dem STEC-Bakterium in Flandern stand schnell die Frage im Raum, ob außer den bisher bekannten sechs Pflegeeinrichtungen nicht auch weitere betroffen sein könnten. Die flämischen Gesundheitsbehörden hatten deshalb alle Fühler ausgestreckt. Hausärzte waren dazu angehalten, mögliche Verdachtsfälle sofort zu melden, damit man schnell reagieren konnte. Doch - Stand Freitagabend - scheint die Kontamination in Flandern eingegrenzt. Und mit jedem Tag sinkt ja die Wahrscheinlichkeit, dass noch neue Fälle auftreten. Denn: E. Coli-Bakterien - zu denen ja auch die seltene Unterart STEC gehört - werden meist über kontaminierte Lebensmittel übertragen. Man kann also davon ausgehen, dass die Infektionsquelle irgendwann versiegt.
Doch gerade in dem Moment, als der eine oder die andere wohl schon aufatmen wollte, wurden dann doch noch neue Fälle bekannt. Erstmal in Brüssel, wo offenbar in einem Seniorenheim bei einem erkrankten Bewohner das ominöse STEC-Bakterium nachgewiesen wurde. Das haben die Brüsseler Gesundheitsbehörden offiziell bestätigt. Mehr weiß man bislang aber nicht, weder in welchem Pflegeheim das Problem aufgetreten ist noch welche genauen Ausmaße es hat.
In der Wallonie schrillen derweil die Alarmglocken. In einem Seniorenheim in Ottignies in der Provinz Wallonisch-Brabant "seien acht Menschen erkrankt", sagte in der RTBF Lara Kotlar, die Sprecherin der Wallonischen Gesundheitsagentur Aviq. "Die betreffende Einrichtung habe selbst Untersuchungen in Auftrag gegeben. Zwei Menschen würden in einem Krankenhaus behandelt, und es soll ein Todesfall zu beklagen sein."
"Sei", "habe", "würde" … Die Aviq-Sprecherin benutzt auffallend viele Konjunktive. Dafür gibt es auch einen Grund: Sie weiß es nicht besser, sie kann nur zitieren. Und das gibt sie auch offen zu: "Trotz der Tatsache, dass solche Infektionen meldepflichtig sind und der Aviq mitgeteilt werden müssen, wurden wir erst vor wenigen Stunden über die Lage in Kenntnis gesetzt", beklagte Lara Kotlar. "Dabei muss man davon ausgehen, dass das Problem schon vor einigen Tagen aufgetreten ist." Das allein ist eigentlich schon ein Skandal, wenn die Sprecherin das Wort auch im RTBF-Interview nicht in den Mund nimmt…
Die Aviq muss jetzt jedenfalls erst mal den Fakten buchstäblich hinterherlaufen. Angefangen mit den Ergebnissen der Untersuchung, die ja nicht von der Agentur selbst in Auftrag gegeben wurde, sondern eben von der Pflegeeinrichtung. Stand jetzt seien die Testergebnisse negativ, sagt Lara Kotlar, könne man also nicht besagtes STEC-Bakterium für die Infektion verantwortlich machen. "Wir haben die betreffenden Labore aber darum gebeten, ihre Analysen noch einmal zu vertiefen." Die Aviq will sich aber auch nicht weiter ausschließlich darauf verlassen und hat umgehend selbst ein Team in das betreffende Pflegeheim geschickt.
Gleiches gilt natürlich auch für die Afsca, die Föderale Agentur für Lebensmittelsicherheit. "Unsere Inspektoren sind vor Ort und analysieren die Mahlzeiten, die den Bewohnern in den letzten Tagen serviert wurden", sagte Sprecherin Aline Van den Broeck in der RTBF. "Wir versuchen natürlich auch zu ermitteln, bei welchen Lieferanten die Lebensmittel bezogen wurden und ob es da Gemeinsamkeiten mit den anderen betroffenen Einrichtungen gibt."
Nach Informationen der RTBF ist das so, also gibt es mindestens ein Unternehmen, das sowohl die Einrichtung in Ottignies beliefert hat als auch die sechs bisher bekannten Seniorenheime in Flandern, in denen das STEC-Bakterium nachgewiesen wurde. Wenn sich das bestätigt, dann könnte man die Suche nach der Infektionsquelle doch schon mal erheblich eingrenzen.
In jedem Fall sollte man jetzt aber einen kühlen Kopf bewahren, mahnt Lara Kotlar, die Sprecherin der Aviq. Im Moment geht es hier größtenteils um Mutmaßungen. "Wir werden die Lage in den nächsten Tagen genauestens im Auge behalten und in ständigem Kontakt bleiben mit allen Akteuren."
Besorgnis in Flandern: Fünf Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sterben nach STEC-Infektion
Roger Pint