Vierte Welle: Erste lokale Notmaßnahmen

Die vierte Welle lässt inzwischen einen Hauch von Panik durchs Land wehen. Angesichts der unverändert steigenden Corona-Zahlen ergreifen erste lokale Verantwortungsträger eigene Maßnahmen, um das Infektionsgeschehen einzudämmen. Die Gouverneure haben am Mittwoch zusammen mit dem föderalen Krisenzentrum über die Lage beraten.

Reha-Zentrum für Covid-Patienten in Spa (Bild: Virginie Lefour/Belga)

Illustrationsbild: Virginie Lefour/Belga

„Das schreckliche L-Wort fällt immer häufiger“, konnte die Zeitung De Morgen am Mittwoch nur resigniert feststellen. Und tatsächlich: Die Lage verbessert sich nicht. Das räumte auch der Sciensano-Virologe Steven Van Gucht in der VRT ein: „Wir sehen keine Verlangsamung des Infektionsgeschehens; vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Das Virus verbreitet sich immer schneller. Und die Auswirkungen werden wohl leider auf die Krankenhäuser zurückfallen“.

Nur die drei wichtigsten Zahlen: Im Moment stecken sich im Durchschnitt täglich knapp 16.000 Menschen mit dem Coronavirus an. Über 3.300 Covid-Patienten müssen aktuell in Krankenhäusern behandelt werden, davon 656 auf der Intensivstation. Das entspricht einem Drittel der theoretisch verfügbaren Intensivbetten.

Auf dem Terrain ist die Lage aber vielerorts wesentlich angespannter, als es die Theorie vielleicht suggeriert. Das Personal der Krankenhäuser aus dem Großraum Antwerpen wandte sich jetzt mit einer Videobotschaft an die Bevölkerung: „Nur zusammen können wir das schaffen! Helfen Sie uns! Jetzt!“. „Helfen“, indem jeder eben seinen Beitrag dazu leistet, dass die Infektionszahlen zurückgehen.

Erste Weihnachtsmärkte abgesagt

Inzwischen haben auch lokale Behörden damit angefangen, Maßnahmen zu erlassen. Die ersten Weihnachtsmärkte werden abgesagt, wie z.B. in Courcelles bei Charleroi. Das Ganze wäre nicht mehr wirklich festlich gewesen, begründete Bürgermeisterin Caroline Taquin ihre Entscheidung. „Wir hätten das CST und auch die Einhaltung der Maskenpflicht kontrollieren müssen. Kontrollieren, das heißt im Zweifel auch sanktionieren. Wir wollten aber keine Konflikte; das Fest muss ein Fest bleiben.“

In Courcelles agierte man vielleicht noch in erster Linie aus praktischen Gründen heraus. In der Provinz Ostflandern war es die epidemiologische Lage, die die örtliche Gouverneurin zum Handeln bewogen hat. Carine Van Cauter hat alle Festlichkeiten verboten, die nicht von Profis organisiert werden. Konkret geht es hier in erster Linie um Jugend-Partys. Solche Events seien schwierig zu kontrollieren. Und deswegen werden sie für die nächsten vier Wochen untersagt.

Nervosität nimmt zu

Der Alleingang der ostflämischen Gouverneurin stößt nicht überall auf Zustimmung. Der flämische Ministerpräsident Jan Jambon kann die Entscheidung offensichtlich nicht so ganz nachvollziehen. Natürlich sei sie befugt, eigene Corona-Maßnahmen zu erlassen. Aber, er frage sich: Sind die Zahlen hierzulande wirklich so viel schlechter als anderswo? Also, er rufe dazu auf, erstmal die Wirkung der nationalen Maßnahmen abzuwarten.

Aber, ist es nicht denkbar, dass Carina Van Cauter nur das ausspricht, was viele denken? Fakt ist: Die Nervosität ist inzwischen unübersehbar.

Provinzgouverneure für strengere Maßnahmen

Am Mittwochnachmittag haben die zehn Provinzgouverneure des Landes über die Lage beraten. Auch die können nur feststellen, dass die Situation überall sehr angespannt sei, sagte der westflämische Gouverneur Carl Decaluwé in der VRT. Es gelte Alarmstufe 5. Und deswegen rufe man den Konzertierungsausschuss auf, früher als geplant zusammenzukommen, um Maßnahmen zu treffen, die dann landesweit gelten würden.

Auch Erica Vlieghe, Vorsitzende der Expertengruppe GEMS, fordert strengere Maßnahmen, um die vierte Corona-Welle zu brechen. Hausärzte seien seit Wochen erschöpft und die Krankenhäuser stünden unter immer höherem Druck. Das Gesundheitswesen drohe zusammenzubrechen, so Vlieghe. Es stelle sich die Frage, ob man in Kauf nehmen wolle, dass die Lage außer Kontrolle gerate.

Wie die VRT unter Berufung auf einen Kabinettssprecher berichtet, wolle Premierminister Alexander De Croo den Konzertierungsausschuss aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht verfrüht zusammenrufen. Die neuen Maßnahmen seien schließlich erst Anfang der Woche in Kraft getreten. Entsprechend sei es noch zu früh für eine Bewertung.

Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke hat derweil am Nachmittag in der Kammer seine Besorgnis zum Ausdruck gebracht. Das würden jetzt schwere Wochen. Vandenbroucke hatte ja schon gleich nach dem letzten Konzertierungsausschuss öffentlich zu verstehen gegeben, dass die dort beschlossenen Maßnahmen seiner Ansicht nach nicht reichen würden. Zumindest im Moment scheinen ihm die Ereignisse leider Recht zu geben. Wenn doch noch eine Schubumkehr kommt, dann wird das jedenfalls schnell passieren müssen.

Roger Pint

2 Kommentare
  1. Margarete Rossberg

    Herr Jambon, auf Wählerstimmen zu schielen ist jetzt der falsche Zeitpunkt.
    Sehen Sie sich um. Muss es erst wieder soweit kommen wie in Deutschland Österreich oder Schweiz?
    Wieviel Tote nehmen Sie billigend in Kauf bevor die Politik eingreift?
    Ich bin jetzt das 3te mal geimpft, habe meine Solidarität gezeigt.
    Wofür? Damit eine Minderheit von Ungeimpfte darüber bestimmen darf ob wir noch eine 5te Welle bekommen?

  2. Uwe Chemnitz

    Frau Rossberg, ich stimme Ihnen zu, es ist auch irgendwie verstörend, das das nicht nur in B so ist.
    Oder soll ich denken, das die politik sagt…ach neee…das wie letztes Jahr machen wir nicht mehr….man müsste es eigentlich mehr vom gesundheitlichen Aspekt sehen…..
    Man muss mal dieses und letztes Jahr vergleichen……und ehrlich gesagt, versteh ich die Politiker gar nicht mehr, weil das sich jetzt zum richtigen Knaller was Corona betrifft, entwickelt.