Coronavirus schlägt zurück: Maßnahmen haben Auswirkungen auf Psyche

Die Corona-Pandemie nagt an der Psyche. Das macht auch unter Umständen Angst. Andauernd fallen Regeln weg, dann kommen wieder neue hinzu. Unsicherheit ist da keine Seltenheit. Was sagen Psychologen dazu?

Homeoffice (Bild: Chantal Scheuren/BRF)

Während der Corona-Pandemie ist das Homeoffice für viele Arbeitnehmer alltäglich geworden (Illustrationsbild: Chantal Scheuren/BRF)

Es hätte alles viel leichter sein sollen. „70 oder 80 Prozent Impfquote und wir sind aus dem Schneider, können die Corona-Maßnahmen zu den Akten legen“, hieß es einmal. Doch das war vor der Delta-Variante. Die ist viel ansteckender und fordert eine höhere Impfquote und auch die Impfstoffe lassen in ihrer Wirkung schneller nach als erhofft. Dass die Regierung die Schrauben wieder anzieht und Freiheiten einschränken muss, um das Gesundheitssystem zu schützen, liegt auf der Hand.

Eigentlich kennen wir das schon von den vergangenen Infektionswellen und doch ist es diesmal anders, sagt Olivier Luminet, Psychologe an der UC Löwen. Diese vierte Welle ist die Welle zu viel. Dass jetzt wieder Einschränkungen nötig sind, trifft uns unerwartet. Diese Unvorhersehbarkeit ist es, was Angst macht und besonders an der Psyche nagt.

Vergangenes Jahr war der Lockdown härter, aber wir wussten, was auf uns zukommt. Es war klar, dass die Einschränkungen einige Wochen dauern und dass sie enden, wenn die Corona-Zahlen wieder sinken. Auch der Impfstoff machte Hoffnung. Olivier Luminet glaubt, dass die Bürger weiterhin viele Maßnahmen mittragen werden. Quarantäne oder Lüften seien kein Problem. Aber wenn es das Private betrifft, werde es sehr viel schwieriger. Kontaktblasen scheinen nicht mehr durchsetzbar zu sein, weil das Sozialleben zu wichtig für unser Wohlbefinden ist.

Wie viel Homeoffice ist verträglich?

Die Pandemie hat auch gezeigt, wie wichtig der persönliche Kontakt zu Kollegen an der Arbeit ist – für das Wohlbefinden, aber auch für die Kreativität im Job. Arbeitgeberverbände sind zwar nicht gegen mehr Homeoffice, wollen es aber jedem Betrieb selbst überlassen, wie viel Homeoffice verträglich ist. Gesundheitsminister Vandenbroucke fordert hingegen, dass wenigstens an vier Tagen pro Woche Homeoffice verpflichtend ist.

Lode Godderis, Arbeitsmediziner von der KU Löwen, erklärt, dass sich am Arbeitsplatz die Infektionszahlen in den vergangenen Wochen vervielfacht hätten. Schuld seien vor allem die informellen Kontakte. In einer Sitzung hielten viele die Hygiene-Regeln noch ein, anschließend gehe man gemeinsam Essen und schlage die Regeln in den Wind. Das sei der Moment, in dem das Virus zuschlage. Arbeitgeber würden daher lieber auf das Covid-Safe-Ticket setzen. Denn noch dürfen sie nicht kontrollieren, ob Arbeitnehmer geimpft, genesen oder getestet sind.

Debatte über allgemeine Impfpflicht

Immer lauter wird auch die Debatte über eine allgemeine Impfpflicht. Für den Psychologen Olivier Luminet würde das die Fronten aber nur verhärten. Impft man Menschen gegen ihren Willen, wären sie weniger geneigt, die anderen Schutzmaßnahmen einzuhalten. Die seien aber weiterhin auch nötig.

Eine allgemeine Impfpflicht wäre laut Olivier Luminet ein Rückschritt in der Pandemie-Bekämpfung und im gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für ihn müsse das Gegenüberstellen von den „guten Geimpften“ und den „bösen Ungeimpften“ aufhören. Daher ist ihm das Covid-Safe-Ticket so sympathisch. Denn es sorge einerseits für mehr Sicherheit, verrate aber andererseits nicht, ob sich jemand für oder gegen eine Impfung entschieden hat.

Die Freiheit, auch mit einem negativen Test Zugang zu Aktivitäten zu bekommen, sei sehr psychologisch wichtig. Das Schwarz-Weiß-Denken über eine Impfung könne so aufgelöst werden.

Olivier Krickel