„Nicht nachhaltig“: Neue Studie des Hohen Gesundheitsrates zur Kernenergie in Belgien

Der Hohe Gesundheitsrat ist eine Institution, die die meisten Menschen aktuell wohl am ehesten mit der Corona-Krise assoziieren. Die multidisziplinäre Studie, die der Rat am Montag veröffentlicht hat, beschäftigt sich aber mit einem ganz anderen Thema. Einem Thema allerdings, das auch ein sehr heißes Eisen ist: die Atomkraft in Belgien.

Tihange

Bild: Tanguy Jockmans/Belga

In Belgien soll in den kommenden Wochen eine Entscheidung über den Atomausstieg fallen. Genauer gesagt muss die Föderalregierung im November beschließen, ob die Kernreaktoren bis 2025 ganz runtergefahren werden – oder ob die zwei jüngsten länger am Netz bleiben. Das Dossier hatte bekanntermaßen schon immer viel Sprengkraft – und die jüngste Explosion der Energiepreise hat sicher nicht dazu beigetragen, die Debatte zu beruhigen.

Man habe aus der Corona-Krise gelernt, dass man die Erkenntnisse von Experten ernstnehmen müsse, so die föderale Energieministerin Tinne Van der Straeten von Groen in der VRT. Die Experten des Hohen Gesundheitsrates sollten die Kernenergie also unter ethischen, sanitären und Umweltgesichtspunkten beleuchten, auch bezüglich der Auswirkungen auf kommende Generationen. Analysiert werden sollte außerdem die mögliche Rolle der Atomkraft in einem zukünftigen, nachhaltigen Energiemix.

Beim jetzt vorliegenden Gutachten des Hohen Gesundheitsrates habe eine ganze Reihe von Experten mitgewirkt, darunter Nuklearexperten, Ingenieure, Toxikologen, Philosophen. Das mache das Gutachten besonders wertvoll für die kommende Debatte innerhalb der Föderalregierung, so die Energieministerin.

Der Bericht spricht jedenfalls eine sehr deutliche Sprache: Die Atomkraft in ihrer jetzigen Form entspreche weder in umwelttechnischer, ethischer noch in gesundheitlicher Hinsicht den Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung. Ein Ende der Atomkraft in Belgien sei nicht nur möglich, sondern relativ betrachtet mit nur begrenzten Kosten verbunden. Hierbei seien die Auswirkungen des Atomausstiegs in Belgien auf die CO2-Emissionen bereits eingerechnet.

Radioaktiver Abfall

Dabei hat der Hohe Gesundheitsrat einen Aspekt besonders berücksichtigt: Nämlich die Problematik des radioaktiven Abfalls und die dadurch entstehenden Kosten. Das sei ein Problem, für das bislang keine ausreichende Lösung gefunden worden sei.

Diese Abfälle bleiben sehr lange radioaktiv und damit höchst problematisch über mehrere Generationen hinweg. Das betreffe insbesondere mögliche gesundheitliche Folgen für die Bevölkerung. Selbst wenn die Abfälle bestmöglich, also stabil in großer Tiefe gelagert würden, müssten diese Lager bewacht und die notwendigen Fachkenntnisse über einen sehr langen Zeitraum bewahrt werden – möglicherweise über Jahrtausende. Existierende Recyclingtechnologien böten unter den aktuellen Gegebenheiten keine Abhilfe.

Sicherheit

Ein weiterer großer Kritikpunkt ist die Sicherheit der Technologie an sich beziehungsweise ihrer Einrichtungen: Eine nukleare Katastrophe – sei es nun durch einen Unfall, einen militärischen Angriff oder durch einen Terroranschlag – könne nie vollständig ausgeschlossen werden, hebt der Bericht hervor. Auch nicht für die besten Anlagen. Die Folgen einer solchen Katastrophe könnten enorm sein, sowohl was die Reichweite, Dauer und auch mögliche Kosten betreffe.

Belgien sei in dieser Hinsicht sogar sehr problematisch: Seine Atommeiler befinden sich in der Nähe großer Städte und internationaler Verkehrsachsen. Die hohe Auslastung des belgischen Verkehrsnetzes und die hohe Bevölkerungsdichte machten das Land besonders verwundbar. Dieses Risiko um zehn oder zwanzig Jahre verlängern zu wollen, werfe Fragen in vielerlei Hinsicht auf.

Anlassen oder abschalten?

Was die Entscheidung betrifft, ob Belgien seine zwei jüngsten Meiler länger als 2025 am Netz lassen sollte, konnten die Experten keine ausschlaggebenden Argumente für die eine oder die andere Vorgehensweise finden. Beide Optionen brächten ihre jeweils eigenen Risiken und Implikationen mit sich.

Aber egal, wofür sich die Regierung entscheide: Wichtig sei ein fester politischer Wille, um möglichst schnell die notwendigen technologischen und industriellen Entwicklungen gewährleisten zu können. Das betreffe insbesondere etwa die Bereiche Energie- und CO2-Speicherung oder das Netzmanagement.

Der Hohe Gesundheitsrat weist auch explizit darauf hin, dass die ausgestoßenen Treibhausgase zu kaum 14 Prozent aus der Produktion von Elektrizität stammten. Der Rest ginge vor allem auf das Konto des Heizens von Gebäuden, des Verkehrs und der Industrie. Hier seien also auch große Anstrengungen und gezielte Investitionen notwendig.

Damit aber nicht genug: Der Hohe Gesundheitsrat kommt auch zu dem Schluss, dass wir noch mehr ändern müssen, um neue Ungleichgewichte zu vermeiden. Der notwendige Energiewandel müsse kompatibel bleiben mit den Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung. Das aber könne nur dann funktionieren, wenn das Paradigma des unbegrenzten Wachstums infrage gestellt werde. Dafür müsse man auch bereit sein, über neue Wirtschaftssysteme nachzudenken, die nicht auf den Konsum ausgerichtet seien. Und man müsse bereit sein, Änderungen hin zu sozial gerechteren und positiveren Lebensweisen zu fördern, so die Empfehlung.

Boris Schmidt

Ein Kommentar
  1. Philip Vise

    Zum Glück hatten die ersten Menschen, die das Feuer bändigten, keinen „hohen Gesundheitsrat“. Der hätte zur Förderung der „positiven Lebensweise“ Wasser drauf geschüttet.

    Und was bedeutet eigentlich, dass die Treibhausgase zu kaum 14% aus der Erzeugung von Elektrizität stammen?
    Durch die Abschaltung erhöht sich der durch die Energieerzeugung bedingte CO2-Ausstoss von jetzt ungefähr 31Mt auf ca. 41Mt bis 2030. Anders gesagt um ca. 32%! Oder noch anders um ca. 8% des gesamten belgischen CO2 Ausstoßes.

    Wenn wir nach Corona auf den Stand von 2019 zurückkehren, bringt uns die Abschaltung ungefähr auf den Stand von 2010 zurück. Alle zwischenzeitlichen Maßnahmen wären dadurch umsonst gewesen.

    Aber zum Glück haben die „Philosophen“ im „hohen Gesundheitsrat“ ja einen Plan … zumindest für sich. Sie werden Hohepriester der neuen Gesellschaftsform.