Für wen lohnt sich die dritte Impfung?

In der Regel gilt: Zwei Impfungen braucht es, um vor Corona geschützt zu sein. Inzwischen zeigt sich aber, dass in manchen Fällen auch eine dritte Impfdosis nötig ist. Allerdings ist noch nicht ganz klar, für wen genau eine solche Booster-Impfung wirklich Sinn macht.

Corona-Impfung (Illustrationsbild: Jack Guez/AFP)

Illustrationsbild: Jack Guez/AFP

Menschen mit schwachem Immunsystem erhalten eine dritte Corona-Impfung. So viel ist bekannt und viele aus dieser Risikogruppe haben auch schon eine Einladung zur dritten Impfung erhalten. Bis zu 400.000 Menschen sind davon nach Schätzungen betroffen. Doch diese Gruppe könnte noch deutlich größer werden. Gesundheitsminister Vandenbroucke hat sich schon am Wochenende dafür ausgesprochen, zumindest alle Einwohner von Pflegeheimen ein drittes Mal zu impfen.

Vandenbroucke wollte noch den Bericht des Hohen Rats für Volksgesundheit abwarten, der ihm inzwischen vorliegt. Und Vandenbroucke geht davon aus, dass dieser Bericht wissenschaftlich untermauert, dass es sinnvoll ist, in Pflegeheimen eine dritte Impfrunde zu starten. Offen ist die Frage, ob auch Senioren, die noch zu Hause leben, ebenfalls eine dritte Dosis erhalten sollen. Laut Medienberichten empfiehlt der Bericht, dass alle Senioren über 85 Jahren ebenfalls eine Auffrischimpfung erhalten sollen.

Jan Maeseneer ist emeritierter Professor der Uni Gent für Medizin und Mitglied der Impf-Taskforce. Und er ist skeptisch. Die wissenschaftliche Basis sei nicht gegeben. Außerdem hätten 85-Jährige, die zu Hause wohnten, ein anderes Risikoprofil. Im Gegensatz zu Einwohnern von Pflegeheimen seien sie oft noch gesundheitlich fit und hätten weniger intensiven Kontakt zu anderen Betagten.

Überhaupt scheint die Altersgrenze von 85 Jahren recht willkürlich. Denn es gibt fitte Menschen über 85, die weniger Risiko laufen als ein 83-Jähriger, der womöglich gebrechlicher ist. Außerdem war in den bisherigen Kampagnen nie von einer Altersgrenze 85 die Rede. Das mache sie schwer zu vermitteln.

Wichtiger sei es, chronisch Kranken eine Booster-Impfung zu verabreichen. Das sind Menschen mit beispielsweise Diabetes oder Nierenleiden. In dieser Gruppe gebe es derzeit oft Probleme, auch wenn sie im Frühjahr schon geimpft worden seien.

Anders sieht das Professor Michel Goldman von der Freien Uni Brüssel. Er plädiert in der Zeitung Dernière Heure für eine generelle Auffrischimpfung ab einem gewissen Alter, das er irgendwo zwischen 55 und 75 Jahren sieht. Erfahrungen aus anderen Ländern hätten gezeigt, dass in dieser Altersgruppe die Impfwirkung mit der Zeit nachlasse und eine Auffrischung den Schutz erhöhe.

Goldman lässt auch nicht das Argument gelten, dass zuerst Menschen aus ärmeren Ländern eine Impfung erhalten sollen, bevor wir in eine dritte Impfrunde gehen. Dass die Impfquote in ärmeren Weltregionen niedrig sei, liege vor allem an logistischen Problemen vor Ort. Jan Maeseneer würde es hingegen bevorzugen, zunächst die Weltbevölkerung durchzuimpfen. Gerade in Afrika liegt die Quote in den meisten Ländern noch deutlich unter zehn Prozent.

Solange die Menschen in Afrika nicht vor Corona geschützt seien, seien wir es auch nicht, sagt Jan Maeseneer. Denn ohne Impfschutz könnten dort neue Corona-Varianten entstehen, die dann auch für Geimpfte hierzulande gefährlich werden.

Bei aller Corona-Debatte darf man in diesem Jahr die klassische Grippe nicht vergessen. Die Abstandsregeln haben im letzten Jahr dafür gesorgt, dass die Grippewelle komplett ausgefallen ist. Die Rahmenbedingungen sind dieses Jahr aber wieder andere. Die sozialen Kontakte sind deutlich intensiver. Zwar hat Belgien mehr Grippeimpfstoff bestellt als üblich. Wie gut er wirkt, kann man aber nie genau sagen, da die Forscher nicht wissen, welcher Grippeerreger sich am Ende durchsetzt. Und auch an der klassischen Grippe sterben jedes Jahr etliche Menschen.

Olivier Krickel