Electrabel: Atomausstieg nicht mehr aufschiebbar

Belgien steigt aus der Atomkraft aus. Das ist gesetzlich festgelegt. 2025 soll auch der letzte Atomreaktor vom Netz gehen. Das Datum steht. Für den Betreiber Engie Electrabel ist es sogar unwiderruflich und sorgt damit bei einigen Politikern für Sorgenfalten.

Das Kernkraftwerk in Tihange (Archivbild: Tanguy Jockmans/Belga)

Archivbild: Tanguy Jockmans/Belga

Schon im Oktober 2022 ist für Reaktor Doel 3 Schluss. Das Kraftwerk steht in der Kritik, weil sich im Stahl des Druckbehälters Gaseinschlüsse befinden – genauso wie im Reaktor Tihange 2, der im Februar 2023 endgültig vom Netz gehen soll. Diese Nachricht hat auch in unserer Grenzregion für Erleichterung gesorgt. Der Aachener Städteregionsrat Tim Grüttemeier sagte der Aachener Zeitung, er sei sehr zufrieden mit der festen Zusage, Tihange 2 abzuschalten. Vor Corona habe kein Thema die Bürger so sehr bewegt.

Selbst der Betreiber Engie Electrabel will das Kapitel Atomkraft in Belgien definitiv beenden. Konzern-Chef Thierry Saegeman erklärte im Kammerausschuss, dass die Zeit abgelaufen sei, um noch über Laufzeitverlängerungen zu sprechen. Denn um die Reaktoren länger zu betreiben, brauche es erst ein entsprechendes Gesetz, dann folgten aufwendige Umweltstudien und nötige Instandhaltungsarbeiten, die schließlich von der Atomaufsicht gutgeheißen werden müssten. Und dann müsse Engie auch noch Atombrennstoffe zu akzeptablen Preisen kaufen können.

Um all das bis 2025 durchzuführen, sei es jetzt zu spät. Stattdessen plant Engie Electrabel, sofort nach dem Abschalten auch mit dem Abriss der Kraftwerke zu beginnen. So will der Konzern zum einen das Risiko vermeiden, dass radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen. Zum anderen will er einen Teil der Mitarbeiter weiterbeschäftigen. Derzeit gibt es rund 2.000 Beschäftigte, die die Kraftwerke gut kennen. Deren Expertise wird auch beim Rückbau gebraucht – bis 2045 soll der mindestens dauern. Einen Teil des Geländes benötigt Engie aber auch darüber hinaus als Stellplatz für nukleare Abfälle – und das für rund 80 Jahre. Denn Belgien sei das einzige EU-Land, das Atomkraft nutze, aber noch keinen langfristigen Plan habe, wie es mit seinen hochradioaktiven Atomabfällen wie den Brennstäben umgehen wolle, so Thierry Saegeman.

Dass jetzt auch Engie aufs Tempo drückt, bereitet manchen in Regierung und Opposition Sorgen. Denn bisher will die Regierung erst im Herbst prüfen, ob Belgien nicht doch die beiden neuesten Reaktoren zumindest in Bereitschaft halten will, sollten Versorgungslücken entstehen oder die Strompreise durch die Decke gehen. Vor allem die ehemalige MR-Energieministerin Marie-Christine Marghem hat sich dafür stark gemacht. Doch die Option ist wohl vom Tisch. Die N-VA-Opposition beklagt, dass die Regierung die vielen Appelle ignoriert habe, früher über nukleare Reserven zu entscheiden.

Unklar bleibt die Frage, woher in Belgien der benötigte Strom nach 2025 kommen soll. Der Hochspannungsnetzbetreiber Elia beziffert die Versorgungslücke auf 3,6 Gigawatt. Der Plan sieht vor, dass Gaskraftwerke die Lücke im Bedarfsfall füllen. Doch diese Kraftwerke existieren noch nicht. Im Herbst will die Regierung den Bauauftrag vergeben – allerdings nur für 2,3 Gigawatt Kapazität. Zu wenig sagen Elia und Marghem – offenbar genug findet die grüne Energieministerin Tine Van Der Straeten. Auch der PTB-Kammerabgeordnete Thierry Warmoes glaubt, dass das reicht. Denn er geht davon aus, dass im Notfall schon genügend Strom aus den Nachbarländern importiert werden kann.

Ob die das gerade in kritischen Momenten leisten können, steht aber auf einem anderen Blatt. Denn vor allem Deutschland schaltet neben seinen Atomreaktoren auch etliche Kohlekraftwerke in den nächsten Jahren ab. Damit steht dort weniger Strom zum Export nach Belgien zur Verfügung. Diese Perspektive hat Elia schon vor zwei Jahren beunruhigt. Gelöst ist das Problem noch nicht und der Atomausstieg 2025 rückt immer näher.

aachenerzeitung/avenir/rtbf/standaard/tijd/vrt/okr

6 Kommentare
  1. Lutz-René Jusczyk

    Einen vollständigen Atomausstieg bis 2025 halte ich für einen Fehler, insbesondere vor dem Hintergrund des Wandels hin zur Elektromobilität.
    Je mehr ich mich mit der Materie befasse, desto stärker drängt sich mir der Eindruck auf, dass es kaum noch um rationale Erwägungen als vielmehr um eine Ideologie geht.
    Was immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheint, ist die Tatsache, dass unser Wohlstand einen Preis hat.
    Wenn jener künftig in erster Linie auf sozial Schwache abgewälzt wird, für die eine Steigerung der Strom-, Gas-, Benzin- und Heizölkosten viel stärker ins Gewicht fällt als für Besserverdiener, dann entsteht eine problematische soziale Schieflage.

  2. Marcel Scholzen eimerscheid

    Herr Jusczyk.

    Sie haben größtenteils Recht. Der Atomausstieg war ideologisch begründet. War nicht besonders gut geplant. Der Ausstieg wurde beschlossen ohne für Ersatz zu sorgen. Zur Freude der Nachbarländer, die Strom nach Belgien verkauft haben. Die kleinen Leute werden die Zeche zahlen. Aber das kümmert Ecolo nicht, denn die kleinen Leute wählen nicht Ecolo. Das sind eher die gutbetuchten, die sich Biolebensmittel, Elektrautos und ein Passivhaus leisten können. Ideologie vor Vernunft war auch die Maxime während der chinesischen Kulturrevolution. Chaos und Hungersnöte waren die Konsequenz. Zu verdanken Mao Zedong, dem großen Steuermann.

  3. Michel Van

    Herr Jusczyk.

    Die Atomreaktoren Doel 3 und Tihange 2 sind eine Gefahr für alle !
    beide Reaktoren hatte schon in 2000 abgeschaltet werden müssen.
    wegen der Schaden und baumangel an den Reaktoren.
    seit 20 jähre werden diese Schrottreifen Maschine immer noch betrieben !
    2001 die Regierung beschließt diese abzuschalten in 2011 unter Atomausstieg
    in folgen den 10 jähren versäumt die Regierungen Kapazitäten zu schaffen
    besonders die lokalen Grünen wehrten sich erfolgreich gegen
    Gaskraftwerke, Windräder oder Solarzellen (letzte in Wallonien)
    und 2021 ?
    10 jähre später das gleiche spiel dank der Grünen und Politiker
    wo von einige ernsthaft diskutieren die Reaktoren weiter zu betreiben bis 2031

    ach Ja Doel 3 und Tihange 2 verbrauchen Mox-Spaltstoffe
    das ist eine Mischung aus Uran, Atommull und Plutonium
    bei eine Atom Katastrophe wird sehr hohe Radioaktivität frei

  4. Peter Schallenberg

    Das Atomkraft nicht das Gelbe vom Ei und risikobehaftet ist steht wohl außer Frage. Und der Zustand der belgischen Atomkraftwerke ist ganz offenbar nicht gut. Auch die Frage nach dem Wohin mit dem Atommüll bleibt unbeantwortet.

    Trotzdem würde ich einen Energie- Mix auch aus Atomkraftwerken der Planlosigkeit der Energiepolitik vorziehen. Einfach aus der Erkenntnis heraus, das wir nun mal auf Strom in ausreichender Menge und zu bezahlbaren Preisen angewiesen sind. Im Gegenteil, seit das E- Auto die hochgelobte Lösung aller Probleme sein soll, muss die Frage beantwortet werden, wie in Zukunft der Mehrbedarf an Strom gedeckt werden soll. Und hier bedarf es intelligenterer Antworten als Strom aus Tiefkühlhähnchen.

    Hier sind Techniker gefragt und keine Ideologen. Strom muss für alle bezahlbar werden und bleiben.

  5. Lutz-René Jusczyk

    Herr van Michel, dass Doel 3 und Tihange 2 in ihrem jetzigen Zustand nicht über Jahre hinweg weiterbetrieben werden können, steht außer Frage.
    Sinnvoll wäre dagegen m.E. der Bau neuer Kernkraftwerke, damit ein zeitlicher Puffer entsteht, in welchem die Wende hin zu erneuerbaren Energien vollzogen werden kann.
    Letztere müsste solide umgesetzt werden, also nicht so ein Murks wie noch mehr Onshore-Windräder oder in unseren Breiten Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern von Familienhäusern, sondern leistungsfähige Solarkraftwerke in Ländern wie Tunesien, Algerien und/oder Marokko, bei denen der Strom über Italien und Spanien in nördliche EU-Länder geleitet wird.
    Wir müssen uns vor Augen führen, dass der Strombedarf künftig durch die Umstellung auf den Elektroantrieb massiv steigen wird, d.h. die konventionellen Kraftwerke müssen nicht nur ersetzt, sondern der zusätzliche Bedarf muss ebenfalls aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt werden.
    Die Krux bei der Sache ist, dass es dazu stabiler politischer Verhältnisse bedarf, denn es geht Milliardensummen, die Vorfeld investiert werden müssten.

  6. Guido Scholzen

    Wir brauchen Flüssig-Salz-Reaktoren.
    Diese Technik gab es schon in den 1960ern, in den USA war auch ein Reaktor in Betrieb und speiste ein ins Stromnetz. Diese Nuklear-Technologie wurde aber vernachlässigt, weil sie für’s Militär nicht zu gebrauchen war.