Überraschungspressekonferenz: Premier lässt Wissenschaftler Erwartungen auf schnelle und breite Lockerungen dämpfen

Am Freitag ist Konzertierungsausschuss. Schon im Vorfeld kamen und kommen aus quasi allen Ecken Rufe nach Lockerungen. Das gilt sowohl für die betroffenen Wirtschaftssektoren und bestimmte Bevölkerungsgruppen als auch für Politiker, die sich für den einen oder anderen Bereich stark machen. Überraschend und relativ kurzfristig hat Premierminister Alexander De Croo (Open VLD) am Montagnachmittag eine Pressekonferenz abgehalten.

Steven Van Gucht, Alexander De Croo und Yves Van Laethem (Bild: Philip Reynaers/POOL/Belga)

Steven Van Gucht, Alexander De Croo und Yves Van Laethem (Bild: Philip Reynaers/POOL/Belga)

Überraschend ist wohl das richtige Wort. Denn überrascht worden sind von der Aktion dem Vernehmen nach sogar die Koalitionspartner in der Föderalregierung. Aber was war das am Montag eigentlich für ein Termin? Eigentlich ging es, zumindest oberflächlich betrachtet, um eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme der Ist-Situation in Sachen Coronavirus-Epidemie – gefolgt von der Vorstellung von Langzeitmodellen, wie sich die epidemiologische Lage in Belgien unter verschiedenen Szenarien entwickeln könnte. Also der Blick voraus auf mögliche verschiedene Zukünfte. Premierminister De Croo wollte damit nach eigenen Aussagen so etwas wie einen Einblick in den Maschinenraum der Entscheidungen des Konzertierungsausschusses geben – die wissenschaftlichen Daten vorstellen, die die politisch Verantwortlichen als Grundlage für ihre Diskussionen nutzen. Zum Beispiel wenn sie über mögliche Lockerungen und Termine sprechen.

Weil alles davon abhängen wird, wie sich die Corona-Zahlen zukünftig entwickeln könnten, war der metaphorische Scheinwerfer eindeutig auf die Biostatistiker gerichtet, die darüber sprachen, wie sich die Pandemie im Land weiterentwickeln könnte.

Vier Szenarien

Es handelt sich dabei um vier Szenarien, die sich vor allem darin unterscheiden, ob und ab wann Lockerungen der Corona-Einschränkungen kommen könnten. Deren wichtigste Variablen sind das Fortschreiten der Impfkampagne im Land und die Ansteckungsfähigkeit der britischen Coronavirus-Variante. Sie alle beziehen sich auf die Zahl der Krankenhausaufnahmen, weil dieser Indikator am verlässlichsten und aussagekräftigsten ist.

Unter dem ersten Szenario kommen keine Lockerungen, sprich alles bleibt regeltechnisch so, wie es jetzt ist. Die anderen drei Szenarien versuchen, zu prognostizieren, was passieren könnte, wenn zum 1. März, 1. April und 1. Mai weitreichende Lockerungen wie im September vergangenen Jahres kommen würden. Das Ganze unter Berücksichtigung des möglichen Einflusses der britischen Coronavirus-Variante, die sich stark im Land ausbreitet und ansteckender ist. Darüber, wieviel ansteckender genau, herrscht aber noch keine endgültige Klarheit, weil noch keine ausreichenden Langzeitdaten vorliegen – aber wohl irgendwo zwischen 30 Prozent und 70 Prozent ansteckender, das legen die bisher verfügbaren Daten nahe.

Deswegen gibt es für jedes Szenario auch drei Kurven, jeweils eine für den besten und den schlimmsten Fall und eine Kurve für einen Wert zwischen den beiden Extremen, also einen Mittelwert. Was diese Modelle vorhersagen, ist eine kalte Dusche für all jene, die vielleicht auf große Lockerungen schon zum 1. März gehofft haben. Eine eiskalte Dusche könnte man sogar sagen. Denn nur im besten Fall, sprich wenn die britische Variante nur 30 Prozent ansteckender wäre, hätten Lockerungen keine negativen Auswirkungen. Schon wenn man annimmt, dass diese Variante 50 Prozent ansteckender ist, könnte Belgien eine dritte Welle erleben, deren Peak so hoch wie in der zweiten Welle wäre, aber noch mehr Krankenhausaufnahmen bedeuten würde.

Falls der sogenannte worst case, also der schlimmste Fall, eintreten würde, sprich die britische Variante 70 Prozent ansteckender sein sollte, könnte der Peak der dritten Welle sogar doppelt so hoch liegen wie bei der zweiten. Je weiter mögliche Lockerungen in der Modellierung zeitlich nach hinten verschoben werden, desto weniger dramatisch sind die möglichen Auswirkungen der Lockerungen. Das hängt vor allem mit dem Fortschreiten der Impfkampagne zusammen. Aber selbst bei einer breiten Lockerung zum 1. April wäre im schlimmsten Fall noch immer eine dritte Welle zu erwarten, die schlimmer als die zweite ist. Auch bei einer nur 50 Prozent höheren Ansteckungen wäre die Belastung für das Gesundheitssystem noch immer sehr groß. Erst wenn bis Anfang Mai gewartet würde, sehen die Biostatistiker in allen durchgespielten Fällen eine beherrschbare Lage voraus. Lockerungen würden zwar auch dann noch zu einem gewissen Anstieg der Kurven führen, aber es bestehe nicht mehr die Gefahr, dass die Situation außer Kontrolle gerate könne.

Unsicherheiten

Soweit die Modelle, die mit diversen Unsicherheiten behaftet sind. Aber das liegt in der Natur der Sache beziehungsweise des Virus. Ein Hauptproblem ist, dass noch nicht sicher ist, wie viel ansteckender die britische Variante ist. Deswegen würde es laut dem Biostatistiker Niel Hens auch Sinn machen, noch drei bis vier Wochen zu warten, bevor über Lockerungen entschieden wird.

Zwei Arten von Perspektiven

Premierminister De Croo betonte aber ausdrücklich, dass das am Montag keinesfalls eine Vorwegnahme des Konzertierungsausschusses von Freitag war. Die dortigen Beschlüsse seien politischer Natur. Man müsse aber weiterhin sehr vorsichtig bleiben, um die gefürchtete dritte Welle zu verhindern, betonte De Croo. Aber man nähere sich dem Punkt, ab dem das Risiko einer dritten Welle deutlich vermindert sei. Das werde aber wohl nicht morgen oder in der kommenden Woche sein, warnte der Premier. Das werde noch ein wenig dauern. Aber dieser Punkt läge eben auch nicht mehr in der sehr fernen Zukunft. Er könne verstehen, dass die Menschen Perspektiven bräuchten und wollten. Aber seiner Meinung nach gebe es zwei Arten von Perspektiven: die, die auf Meinungen und Ansichten beruhten. Und diejenigen, die auf Fakten und der Wissenschaft basierten.

Wenn er um Perspektiven auf der Basis gefragt werde, könne er die natürlich geben. Aber sie hätten eigentlich nicht viel Wert, weil sie wie auf Treibsand gebaut seien. Aber es sei am Konzertierungsausschuss und damit den verschiedenen Regierung des Landes, diese schwierigen Knoten durchzuhacken. Seiner Meinung nach sei es aber eben wichtig, dass man sich dabei auf Fakten und wissenschaftliche Tatsachen stütze, bekräftigte De Croo. Und das war wohl ein wenig subtiler Seitenhieb in Richtung der Parteien seiner Regierungskoalition, die bei den Lockerungen aufs Gas treten wollen – etwa der frankophonen Liberalen MR und ihrem Vorsitzenden Georges-Louis Bouchez.

Boris Schmidt

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4 Kommentare
  1. Dieter Wieland

    Wenn Campingplätze für Belgische Langzeitcamper offen sind, warum können nicht auch andere Langzeitcamper auf ihre Plätze

  2. Jean-Pierre DRESCHER

    „Und das war wohl ein wenig subtiler Seitenhieb in Richtung der Parteien seiner Regierungskoalition“

    Warum nur so negativ?

    Für mich ist das der vernünftige Wink mit dem Zaunpfahl vom flämischen MP der Foederalregierung, Herrn De Croo. Alles andere wäre Torheit bei der brandgefährlichen Lage.

    Um es zusammenzufassen stellen wir fest, dass es dieses Jahr sehr wahrscheinlich weder Festivals noch Scoutenlager geben wird. Reisen wird nur im Ausnahmefall erlaubt sein bei einer begründbaren Härtefallsituation wie Kondolenz, Jobsuche oder Naturkatastrophen

    Und wäre ich einer der Festivalbetreiber der von den Einnahmen der Besucher leben muss, wäre das Szenario „Regierung erlaubt Festivals Monate zuvor und sagt nachdem alles aufgebaut wurde in letzter Sekunde ab“ das Szenario mit dem viel schlimmeren finanziellen wie auch mentalen Risiko als wenn wie jetzt der MP Klartext spricht dass dieses Jahr daraus nichts wird. Lieber Planungssicherheit als im Ungewissheit zu sein, ob es was läuft oder nichts läuft.

  3. Egon Scholzen

    Herr Drescher scheint eine Kristallkugel zu besitzen, um die Zukunft bestimmen zu können.

  4. Jean-Pierre DRESCHER

    „Herr Drescher scheint eine Kristallkugel zu besitzen, um die Zukunft bestimmen zu können.“

    Was am Ende bei rauskommt wird sich zeigen. Fakt ist dass ich meistens sehr wohl richtig lag mit meinen Analysen im Gegensatz zu allen frankophilen Besserwissern aus dem „Westen“.

    Oder wie der Eupener sagt „Ich habs Dich gesagt, wa Jong“

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