Coronakrise – Die Epidemie der Denunziation

Die Corona-Krise sorgt dafür, dass immer mehr Bürger andere Bürger verpfeifen. Die Ordnungskräfte sind konfrontiert mit einer regelrechten Welle von oft anonymen Hinweisen, die Menschen denunzieren, die tatsächlich oder angeblich gegen Corona-Regeln verstoßen.

Nachbar beim Spionieren (© Bildagentur PantherMedia / alexkich)

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / alexkich

Verstöße gegen die Corona-Regeln und deren Ahndung – Geschichten, die in Normalzeiten eigentlich niemandem hinter dem Ofen hervorlocken, die aber im Moment manchmal sogar für dicke Schlagzeilen sorgen. Wie etwa der Vorfall in Waterloo von vor einigen Tagen.

Eine „Corona-Kontrolle“ der Polizei ist dort regelrecht entgleist. Die Beamten waren vorstellig geworden, weil sie eine illegale Zusammenkunft vermuteten. Die Sache schaukelte sich hoch, irgendwann verloren einige Beteiligte die Nerven. Resultat: Verletzte auf beiden Seiten. Wer da genau über die Stränge geschlagen hat, das ist jetzt Gegenstand gerichtlicher Ermittlungen.

Solche Kontrollen gehören inzwischen zum Alltag der Polizei. „Und die Initiative geht in den wenigsten Fällen direkt von der Polizei aus“, sagte in der RTBF Vincent Gilles von der Polizeigesellschaft SLFP. „80 Prozent dieser Einsätze sind eine Reaktion auf eine entsprechende Denunziation, also auf einen Hinweis eines Nachbarn.“

Das Phänomen hat sich längst zu reiner regelrechten Epidemie entwickelt. In vielen Kommissariaten steht das Telefon nicht mehr still. Unzählige Anrufe von Menschen, die andere anschwärzen. Sogar anonyme Briefe gehen ein – manchmal, wie in einem schlechten Film, mit aufgeklebten Buchstaben, die aus einer Zeitung ausgeschnitten wurden. So zumindest schilderte es kürzlich der Sprecher der Polizei von Charleroi. Da wird alles denunziert, von einer kleinen Feier mit einer Handvoll Gästen bis hin zu einer Frisörin, die in ihrer Wohnung angeblich heimlich Haare schneidet.

Nachbarn bespitzeln

„Was hat das Virus aus uns gemacht?“, fragte sich schon nachdenklich die Zeitung La Libre Belgique. Het Laatste Nieuws drückte es plastischer aus: Im ersten Lockdown standen wir auf dem Balkon, um das Krankenhauspersonal zu beklatschen? Jetzt stehen wir hinter der Gardine, um unsere Nachbarn zu bespitzeln.

„Denunziationen, das Phänomen ist natürlich nicht neu“, sagte in der RTBF Xavier Rousseau, Geschichtsprofessor unter anderem an der Katholischen Universität von Neu-Löwen. Erstmal muss man unterscheiden: Manchmal ist es natürlich richtig und wichtig, dass Missstände angeprangert werden. Das gilt zum Beispiel bei Fällen von Missbrauch oder häuslicher Gewalt.

Wir sprechen hier aber von der Schattenseite: von Bürgern, die Bürger verpfeifen. Das wird durch den Kontext begünstigt. Erstmal ist es ja so, dass wir in unseren Freiheiten eingeschränkt sind, das sorgt schneller für böses Blut, wenn andere die Einschränkung ignorieren. Und dann gibt es auch noch legitime Ängste – die vor einer Ansteckung.

Keine normalen Zeiten

Diese Form der Denunziation hat es schon immer gegeben, solchen „Hinweisen“ wird aber in Normalzeiten nur selten nachgegangen. „Nur leben wir eben nicht in Normalzeiten, sondern in einer Krise. Und deswegen hat dieses Phänomen jetzt Konjunktur“, sagt Xavier Rousseaux.

In dem Sinne auch, dass die Polizei diesen Hinweisen jetzt nachgehen muss. Weil eben ein Verhalten angeprangert wird, das im Moment ausdrücklich verboten ist. Und dadurch bekommt die Denunziation eine tatsächliche Wirkung und auch eine Sichtbarkeit.

Warum machen die Menschen das?

„Man sollte sich nicht selbst belügen“, sagt Professor Xavier Rousseaux. In dem Sinne, dass man nicht glauben sollte, dass es hier nur um Bürgersinn geht. Sehr oft schwelte da längst ein Konflikt, banale Geschichten, etwa wegen einer schlecht geschorenen Hecke. Das gipfelt dann in einer Denunzierung, die aber wegen des aktuellen Kontextes auch gleich Konsequenzen hat. Und genau das bereite ihm denn auch Sorgen, sagt der Historiker und Soziologe.

Wir leben in Zeiten, in denen eine Denunziation schneller Folgen hat als im Normalfall. Entsprechend vergiftet ist dann aber auch das Klima unter den Nachbarn, die schließlich weiter mit- bzw. nebeneinander leben müssen.

Positiv sei aber, dass wir darüber reden, meint Xavier Rousseaux. Und vor allem, dass die Polizei selbst ein ungutes Gefühl bei der Sache hat. Denn die Demokratie tut sich von Natur aus schwer mit der Denunziation – im Gegensatz zu Diktaturen. Die Debatte über das Thema ist also ein gutes Zeichen.

Roger Pint

3 Kommentare
  1. Lutz-René Jusczyk

    Denunziation…Pfui kann ich dazu nur sagen!
    Menschen, die nichts Besseres zu tun haben, als andere zu verpfeifen, sollten sich schämen.

  2. Frank Jörg Rimbach

    Der schlimmste Mensch bei uns im Land, das ist und bleibt der Denunziant!!!!

  3. Anja Wotschke

    Da passt das doch, es kann der Frömmste nicht in Frieden leben wenns dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

    Werden / wurden dem denuzanten Prämien in Aussicht gestellt für jeden den der da anscheisst? ( hm, 250 € für den pro Kopf und 500 € / Kopf für die Staatskasse???), will dann nicht wissen wie der Anschwärzer sich fühlt wenn es auch den mal erwischen sollte, denn wir sind alle keine Engelein. IRONIE AUS !!!