Corona-Krise: Virologen fordern neuen Lockdown

Die Corona-Zahlen sind mehr denn je besorgniserregend. Am Freitag könnte der Konzertierungsausschuss neue Verschärfungen beschließen. Für einige Gesundheitsexperten gibt es indes kein Vertun: Ein neuer Lockdown ist unausweichlich - und das so schnell wie möglich.

Der Virologe und ehemalige Sprecher des Nationalen Krisenzentrums Emmanuel André (Bild: Benoît Doppagne/Belga)

Der Virologe und ehemalige Sprecher des Nationalen Krisenzentrums Emmanuel André (Bild: Benoît Doppagne/Belga)

„Lüttich könnte das neue Bergamo werden“, hört und liest man immer wieder. Die Situation in der Maasstadt ist sehr ernst. In den Krankenhäusern ist der Druck maximal. Im CHR-Citadelle werden im Moment mehr Covid-Patienten behandelt als auf dem Höhepunkt der ersten Krankheitswelle.

Die Direktorin Sylvianne Portugaels appellierte in der RTBF eindringlich an die Politik, doch bitte jetzt entschlossene Maßnahmen zu ergreifen, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen. Denn, so sagt die CHR-Direktorin, wir wollen auch in den nächsten Wochen noch weiter alle Menschen behandeln können, die Hilfe benötigen. Das sei aber bald nicht mehr zu gewährleisten. Welche Maßnahmen zu ergreifen wären, das ließ sie offen. Sie sei schließlich keine Epidemiologin. Hauptsache, die Maßnahmen wirken.

Es ist nicht der erste Hilferuf dieser Art. Die Krankenhäuser schlagen seit Tagen Alarm. „Wir müssen endlich aufwachen“, sagte der MR-Vorsitzende Georges-Louis Bouchez am Mittwochmorgen in der RTBF. „Jeden Tag werden wir mit Zahlen bombardiert, aber viel zu viele Menschen haben vergessen, was sich eigentlich dahinter verbirgt.“ Deswegen müsse man nochmal Tacheles reden, sagte Bouchez: „Wenn das so weiter geht, dann sind unsere Krankenhäuser in ein paar Wochen ausgelastet“.

Strengere Maßnahmen

Bouchez plädiert denn auch am Mittwoch quasi auf allen Kanälen für strengere Maßnahmen. „Den Bürgern muss klar sein, dass das so nicht weitergehen kann“, sagt der MR-Vorsitzende. Erstmal müssen alle wieder die bekannten Abstands- und Hygieneregeln einhalten; offensichtlich tut das einer von zwei Belgiern nicht mehr. Und dann führt leider, leider, kein Weg an neuen, wesentlich strengeren Maßnahmen vorbei.

Am Freitag wird eine neue Sitzung des Konzertierungsausschusses stattfinden. Vertreter aller Regierungen des Landes werden dann erneut über die Lage beraten. Und, in den Zeitungen wird mehr oder weniger offen darüber spekuliert, dass bei der Gelegenheit auch gleich noch einige Schrauben angezogen werden könnten. Die Aussagen von Georges-Louis Bouchez scheinen dem jedenfalls nicht zu widersprechen.

Es kursiert auch schon das L-Wort, das man eigentlich gar nicht mehr in den Mund zu nehmen wagt. De Standaard drückte es so aus: „Ein neuer Lockdown ist keine Option; bis es soweit ist“. Bis auf weiteres ist das noch „nur“ ein Schreckgespenst, das allerdings schon um die Ecke spinkst.

MR-Chef Georges-Louis Bouchez hat schonmal zwei mögliche Maßnahmen vor Augen: die Wiedereinführung einer allgemeinen Maskenpflicht im öffentlichen Raum und eine Neubewertung der Zulassung von Publikum bei Sportveranstaltungen.

Lockdown

„Viel zu wenig!“, sagt aber der Mikrobiologe Emmanuel André, der während der ersten Krankheitswelle Sprecher von Sciensano war. „Die Zahlen liegen jetzt schon höher als damals im März, als man die ersten Ausgangsbeschränkungen erlassen hatte“, sagte André in der RTBF. „Und, ja, wir müssen das Wort aussprechen: Wir müssen wieder über Lockdown sprechen, über Ausgangsbeschränkungen. Das ist das einzige Instrument, das uns jetzt noch helfen kann.“ Und dann, ein doch schicksalhafter Satz: „Wir dürfen uns nicht mehr fragen: Was müssen wir schließen? Die Frage lautet, was wir offen lassen dürfen.“

Alarmierte Worte eines eigentlich besonnenen Wissenschaftlers. Die Entscheidung sei im Grunde jetzt auch gar nicht mehr so schwer, sagt André. Es gibt nämlich nur noch eine Option: Unsere Kontakte müssen unter eine Käseglocke.

Emmanuel André ist sich dessen bewusst, dass ein gehöriges Maß an Akzeptanz verloren gegangen ist, dass viel zu viele Menschen irgendwelchen Unwahrheiten aufgesessen sind, dass sie selbst Dinge infrage stellen, über die man eigentlich nicht diskutieren muss.

Dazu nur so viel, sagt André: „Niemand hat Lust auf diese Situation. Niemand hat das so gewollt. Wir hätten das vielleicht verhindern können. Aber jetzt haben wir leider keine Wahl mehr“.

Roger Pint

2 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    „Emmanuel André ist sich dessen bewusst,… dass viel zu viele Menschen irgendwelchen Unwahrheiten aufgesessen sind, dass sie selbst Dinge infrage stellen, über die man eigentlich nicht diskutieren muss.“

    So ist es. Aber die hier Angesprochenen machen in allen Foren fleißig weiter.

    Wenn die Manipulation der Menschen durch die Klimawandelleugner „nur“ eine Bürde für die nahe Zukunft darstellt, wird sie beim Thema Corona zur unmittelbaren Gefahr für die Gesundheit und das Leben von Menschen.

    Wen ein Dr. Meyer und seine ideologischen Trittbrettfahrer unablässig behaupten, es reiche die Corona-Tests einzustellen, dann sei auch die Pandemie beendet und man solle alle Kontaktbeschränkungen und jede Maskenpflicht aufheben, darf sich niemand wundern, wenn Leichtgläubige Ihnen folgen.

    Die Verantwortung tragen auch Medien, die solche „Meinungen“ in falschem Verständnis der Meinungsfreiheit veröffentlichen.

    Jeder hat das Recht, seine Meinung zu sagen, aber kein Recht, dass diese auch veröffentlicht wird.

    Diese Freiheit endet dort, wo die Gesundheit und das Leben von Menschen gefährdet wird.

  2. Andreas Horn

    Ein neuer Lockdown? Nun ja, man darf da schon seine Bedenken haben, aber die Sterblichkeitsrate liegt bei weitem unter der bei einer Grippewelle. Aber was soll’s, fahrt ruhig alles gegen die Wand, ich möchte nicht wissen wie viele Pleiten und Insolvenzen ein Land noch vertragen kann. Es ist schon sehr eigenartig, das man alle, aber auch wirklich alle ausgrenzt und als Verschwörer beschimpft, die vom Fach sind und wissen wovon sie reden. Wo und wie das alles endet, werden wir erst in spätestens 1-2 Jahren sehen. Rezession, Massenarbeitslosigkeit, steigende Kriminalität durch Armut usw.