Schlechte Zahlen, drastische Konsequenzen in Brüssel

Die Region Brüssel hat angesichts alarmierend hoher Corona-Zahlen die Notbremse gezogen. Spektakulärste Maßnahme: Auf dem gesamten Gebiet der Hauptstadt müssen Kneipen und Cafés am Freitag für einen Monat schließen. Darauf haben sich die Vertreter der Region und der 19 Gemeinden verständigt. Die Branche reagiert geschockt.

Bars in Brüssel (Bild: Hatim Kaghat/Belga)

Bars in Brüssel (Bild: Hatim Kaghat/Belga)

Die Corona-Zahlen steigen landesweit: Wir sehen immer noch die Beschleunigung des Infektionsgeschehens, sagte Steven Van Gucht, Sprecher des Instituts für Volksgesundheit, Sciensano. Das betrifft alle Altersgruppen und das ganze Territorium.

Konkret wurden in der letzten Sieben-Tages-Periode knapp 2.500 Neuansteckungen registriert. In der letzten Woche gab es Tage mit Spitzen von über 3.200 Infektionen. Nur zum Vergleich: Das ist mehr als in Deutschland.

Diese Kurven sieht man nicht mehr nur bei den Neuansteckungen. Auch die Zahl der Krankenhausaufnahmen und die der Covid-Toten steigen.

In der letzten Sieben-Tages-Periode mussten sich pro Tag im Durchschnitt 84 Patienten in stationäre Behandlung begeben. Das entspricht erneut einem Anstieg um 25 Prozent. Allein am Dienstag mussten 104 Patienten in ein Hospital eingeliefert werden. „Das ist ein trauriger Rekord, das hatten wir seit Anfang Mai nicht mehr“, warnt Sciensano-Sprecher Yves Van Laethem.

Corona-Hotspot Brüssel

So langsam, aber sicher kann man diese Zahlen wohl nicht mehr relativieren. Die Hotspots befinden sich derzeit eher im südlichen Landesteil. Es ist aber vor allem in Brüssel, wo die Zahlen regelrecht durch die Decke gehen: Die Zahl der Neuinfektionen liegt bei über 500 je 100.000 Einwohner. Da ist die entsprechende Region nicht mehr rot, sondern knallrot. Brüssel liegt in dieser traurigen Hitparade der europäischen Hauptstädte auf Platz 2, hinter Madrid und vor Paris.

Brüssel konnte da nicht mehr untätig bleiben. Das scheint auch den Verantwortlichen in der Hauptstadt bewusst gewesen zu sein. Vertreter der Regionalregierung und der 19 Gemeinden haben auf einer gemeinsamen Krisensitzung Beschlüsse gefasst, die den einen oder anderen Brüsseler doch kalt erwischt haben dürften.

Kneipen und Bars, sowie Teehäuser werden ab Donnerstag geschlossen. Gleiches gilt für die Clublokale der Amateursportvereine. Auch die Fest- und Hochzeitssäle müssen ihren Betrieb einstellen.

Die Zahlen sind so besorgniserregend, dass es nicht mehr anders geht, rechtfertigte der Brüsseler Ministerpräsident Vervoort in der RTBF die doch drastische Entscheidung. Deswegen habe man die Maßnahmen, die am Dienstag für das gesamte Staatsgebiet verhängt wurden, noch erweitern müssen.

Das seien keine willkürlichen Entscheidungen, sondern es gebe da eine Blaupause, sagt Vervoort. Konkret habe man sich orientiert an dem Barometer, das ja in Kürze eingeführt werden soll. Genau gesagt habe man die Maßnahmen in Kraft gesetzt, die für eine Rote Zone gelten würden.

Bars, Cafés und Kneipen

Man habe also nichts erfunden, sagt Vervoort mit anderen Worten. Die Zahlen sind, wie sie sind. Und den entsprechenden Maßnahmenkatalog gab es schon. Doch ist das für viele Betroffene natürlich ein schwacher Trost.

Am Mittwoch waren die Vertreter von Café-Betreibern ja schon auf die Barrikaden gegangen und da ging es nur um die Sperrstunde um 23:00. Nachdem die Brüsseler Behörden am Mittwoch dann noch einmal nachgelegt hatten, sind einige buchstäblich aus den Latschen gefallen.

„Reine Willkür“, tobte etwa Diane Delen vom Verband der Brüsseler Kneipenwirte in der RTBF. Wieso dürfen die Restaurants aufbleiben? Das sei doch Diskriminierung! Ihr habe noch niemand beweisen können, dass die Kneipen und Bars wirklich für einen Anstieg der Infektionszahlen verantwortlich sind.“

Fakt ist: Es musste etwas passieren. So drastisch die Maßnahmen auch sein mögen, für einige Experten besteht die Gefahr, dass auch das nicht reichen könnte.

Fast schon bezeichnend: Nach der Entscheidung mussten auch Mitglieder der Brüsseler Regierung in häusliche Quarantäne, da Finanzminister Sven Gatz positiv getestet worden war.

Roger Pint