30 Jahre Wiedervereinigung: Interview mit Martin Kotthaus

Am 3. Oktober 1990 kamen die beiden deutschen Staaten nach 45 Jahren der Trennung wieder zusammen. Martin Kotthaus, der deutsche Botschafter in Belgien, zieht eine positive Bilanz der letzten 30 Jahre.

Martin Kotthaus am 7.9.2020 in Brüssel (Bild: Thierry Roge/Belga)

Martin Kotthaus am 7.9.2020 in Brüssel (Bild: Thierry Roge/Belga)

Im Thema am Abend von Freitag gibt Martin Kotthaus, der deutsche Botschafter in Belgien, auch einen Vorgeschmack auf die Aktivitäten, die die Deutsche Botschaft anlässlich des 3. Oktober in Brüssel geplant hat.

Entwicklung der 30 Jahre der Wiedervereinigung

Martin Kotthaus: „Die Wiedervereinigung in Deutschland liegt jetzt 30 Jahre zurück. In diesen 30 Jahren mussten wir 45 Jahre Trennung überwinden. Man darf nicht vergessen: Diese Trennung hatte tiefe Spuren hinterlassen. Aber durch viel Solidarität, Gemeinsamkeit, Wiederaufbauwille und viele Investitionen haben wir es geschafft, dass sich die Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland doch weitestgehend angenähert haben. In Ostdeutschland haben sich viele moderne und sehr zukunftsträchtige Firmen angesiedelt. Wir haben es auch geschafft, dass zum Beispiel heutzutage die Arbeitslosenzahlen in Ostdeutschland mit denen in Westdeutschland vollkommen vergleichbar sind. Aber es gibt natürlich immer noch Unterschiede. Heutzutage haben diese jedoch mehr mit Stadt und Land beziehungsweise mit Nord und Süd zu tun. Weniger mit Ost und West. Da haben wir in den letzten 30 Jahren sehr viel geschafft.“

Rückschläge durch Corona-Epidemie?

Martin Kotthaus: „Das wird man sehen müssen. Die Corona-Epidemie hat natürlich überall in Europa eine tiefe Schneise geschlagen. Wir haben aber in Deutschland sehr entschlossen und sehr umfassend reagiert. Mit dem größten Konjunktur-Paket in der Geschichte Deutschlands. Mit vielen, vielen Milliarden Euro, die wir in den Staat, in die Menschen, in die Bürger, in die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gepumpt haben. Deshalb bin ich eigentlich ganz optimistisch, dass wir aus dieser Pandemie ganz gut rauskommen werden – wenn es keine zweite Welle gibt und wenn wir uns alle weiterhin an die Regeln halten. Natürlich ist das schwierig. Auch die Krise 2008-2010 hat ihre Spuren hinterlassen. Natürlich wird auch die Pandemie ihre Spuren hinterlassen. Das wird aber eher ganz Deutschland betreffen und nicht nur Ostdeutschland. Das ist eine Sache, die wir auch wieder solidarisch lösen müssen – sogar solidarisch in Europa, denn wir haben auch ein riesiges Paket für Europa geschnürt.“

Fehler bei Wiedervereinigung?

Martin Kotthaus: „Es war ein Prozess, für den es keine Blaupause gab. Es war ein Prozess, in dem wir eigentlich allesamt laufend neu dazulernen mussten. Und deswegen sind da bestimmt Fehler gemacht worden. Ich habe jetzt Schwierigkeiten, Ihnen konkret zu sagen, welche das gewesen sind. Ich habe auch Schwierigkeiten, Ihnen 30 Jahre später zu sagen, was man besser oder anders hätte machen können. Bei der Frage der Wirtschaftsvereinigung sind sicherlich Fragen zu hinterlegen. Zum Beispiel, wie wir mit Firmen in den damals noch neuen Bundesländern umgegangen sind. Insgesamt muss man doch festhalten, dass das ein großer Erfolg war. Es gibt nicht wenige Beobachter von außen, die sagen, dass es wahrscheinlich nicht viele andere geschafft hätten, einen ganzen Teil eines Landes hinzuzubekommen, ihn gemeinsam aufzubauen und Zukunftsperspektiven zu bieten. Es war schon eine große gemeinsame Anstrengung aller Deutschen. Und wir dürfen eines nicht vergessen: Wir haben viel Hilfe von unseren Nachbarn und Partnern bekommen. Wir haben auch viel Hilfe von Europa bekommen.“

Lehren aus der Wiedervereinigung?

Martin Kotthaus: Vor allen Dingen: Optimismus. Der Fall der Berliner Mauer und die Deutsche Wiedervereinigung, die kurz vorher noch keiner vorhersehen konnte, zeigen eigentlich, dass auch Unmögliches möglich ist. Wenn die Menschen es wollen, wenn wir demokratische Prozesse anwenden. Das ist meine Hauptlehre aus der Deutschen Wiedervereinigung. Glauben, dass Unmögliches möglich sein kann, es dann auch umsetzen. Es kommt im Endeffekt auf jeden Einzelnen an, dass er seinen Teil dazu beiträgt – auch bei der Bekämpfung der Corona-Krise.“

Belgisch-deutsche Zusammenarbeit auf EU-Ebene in Corona- und Brexit-Zeiten

Martin Kotthaus: „Es sind natürlich die Institutionen, die zusammenarbeiten, also der Präsident des Europäischen Rates und die Kommission. Ich glaube, man darf die Nationalitäten nicht überbewerten. Im Endeffekt sind sie Repräsentanten ihrer Institutionen und soweit ich das beurteilen kann, läuft diese Zusammenarbeit sehr gut.“

„Ich würde aber auch noch gerne etwas Positives zur deutsch-belgischen Zusammenarbeit sagen. Denn die läuft auch ausgesprochen gut. Zu Beginn der Krise war das nicht alles optimal. Grenzschließungen auf der einen Seite und Exportverbote auf der anderen Seite haben gezeigt, dass im Moment der Krise alle erstmal auf sich selbst geschaut haben. Aber dann haben wir alle verstanden: Wir können diese Corona-Krise, diese Pandemie nur erfolgreich angehen, wenn wir zusammenhalten. Mit Solidarität, durch Abstimmung und Koordination. Das klappt jetzt wirklich fantastisch. Regelmäßige Telefonkonferenzen, viele Gespräche, E-Mails – wir stimmen uns fast täglich gut und intensiv ab. Besser kann man es sich kaum vorstellen. Das hilft natürlich, die Fragen und Sorgen, besonders von Grenzgängern, anzugehen und konkrete Probleme zu lösen. Ich muss sagen, diese deutsch-belgische Zusammenarbeit klappt ganz hervorragend.“

Weitere Veranstaltungen in Belgien

Martin Kotthaus: „Wir mussten leider alles etwas anders machen: kleiner, digitaler, bescheidener. Aber trotzdem können wir 30 Jahre Wiedervereinigung natürlich nicht einfach so vorbeigehen lassen. Deswegen freuen wir uns, dass wir in Kooperation mit der Brüsseler Hauptstadt am 3. Oktober abends die Grand-Place in den Farben Deutschlands und Europas erleuchten lassen können. Musik und Fotos wird es auch geben. Ich freue mich auch sehr, dass das Manneken Pis ein deutsch-deutsches Gewand anhaben wird, aber natürlich mit einer Europa-Fahne. Denn nochmal: Ohne unsere Partner und Freunde in Europa und der Welt wäre die Wiedervereinigung nicht möglich gewesen. Außerdem wird das Goethe-Institut eine „Verschwindende Wand“ auf die Grand-Place stellen. 6.000 Zitate zu einer Holzwand zusammengefügt, die man selbst erfühlen, ertasten und angucken kann. Wenn einem ein Zitat gefällt, kann man es mit nach Hause nehmen. Auch werden wir noch relativ viel digital anbieten, damit die Leute die Chance haben, die Wiedervereinigung und die letzten 30 Jahre nochmal miterleben zu können. Alles ein wenig anders als geplant, aber trotzdem nicht schlecht.“

Arbeitsalltag durch Pandemie und Brexit verändert?

Martin Kotthaus: „Die Pandemie hat unseren Alltag massiv verändert. Wir mussten uns, wie alle anderen, auch an die Regeln halten. Wir hatten uns eine Zeit lang in zwei Teams eingeteilt. Eines im Homeoffice, eines in der Botschaft, um sicherzustellen, dass im Falle einer Ansteckung der Betrieb der Botschaft trotzdem aufrecht erhalten werden kann. Wir mussten leider unseren Rechts- und Konsularbereich aufgrund der Ausgangsregelungen eine Weile schließen. Natürlich hat sich unser Leben als solches verändert. Die einfache Begegnung mit den Menschen in Belgien ist schwieriger geworden. Sie können weniger Kulturevents machen. Sie können nicht einfach irgendwohin fahren und Menschen treffen. Nichtsdestotrotz: Die Regeln ermöglichen einem doch, dass man mit Vorsicht, mit Distanz, mit Maske noch relativ viel machen kann. Dafür bin ich dankbar, wenn ich auch zugeben muss, dass mir einige Sachen einfach fehlen: Großartige Veranstaltungen, angefangen mit Blancs Moussis oder auch der Doudou Mons, die fehlen dann schon.“

Katrin Büchler

Ein Kommentar
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    In Belgien war das unmögliche schon immer möglich. Insofern ist Belgien den Deutschen in dieser Hinsicht einen Schritt voraus.