N-VA will flämische Identität durch einen „Kanon“ stärken

Vor zwei Tagen hat N-VA-Chef Bart De Wever seine Regierungsnote vorgestellt. Sie soll als Grundlage dienen für die Koalitionsgespräche seiner N-VA mit CD&V und OpenVLD. Darin spricht De Wever davon, die flämische Identität stärken zu wollen durch einen so genannten Kanon. Der Vorschlag hat bereits für viel Wirbel gesorgt. Historiker an flämischen Universitäten stehen dem Projekt kritisch gegenüber.

N-VA-Chef Bart De Wever (rechts) und CD&V-Chef Wouter Beke (Bild: Dirk Waem/Belga)

N-VA-Chef Bart De Wever (rechts) und CD&V-Chef Wouter Beke (Bild: Dirk Waem/Belga)

Im frankophonen Belgien hat die Idee eines flämisch-nationalistischen Kanons einen Schock ausgelöst. Das schreibt die flämische Zeitung De Standaard am Mittwoch. Der Schock bestehe vor allem darin, dass die N-VA mit diesem Vorhaben die angeblich eigene Identität der Flamen fördern möchte.

Von Belgien und einer möglichen belgischen Identität solle in Flandern nicht mehr die Rede sein. Belgien als Land stehe vor dem Zerfall. Doch noch ist längst nicht klar, ob diese Idee eines Kanons überhaupt verwirklicht wird. Zwar gibt es bereits viele Stimmen, die sich positiv dazu äußern. In einer Straßenumfrage der VRT zeigen sich flämische Bürger durchaus aufgeschlossen einem solchen Kanon gegenüber.

Historiker dagegen warnen. Karel Van Nieuwenhuyse, der Geschichte an der Katholischen Universität Löwen unterrichtet, begründet seine Ablehnung mit den Worten: „Ich finde die Idee von einem solchen Kanon grundsätzlich nicht gut. Ein Kanon geht immer aus von zeitgenössischen Ideen und Vorstellungen und projiziert sie dann in die Vergangenheit.“

Im Klartext und auf Flandern bezogen heißt das: Was wir heute als Flandern ansehen, wurde in der Vergangenheit nicht unbedingt als Flandern angesehen. Weil es das Flandern, wie wir es heute sehen, früher einfach noch nicht gab. „Die Grenzen, in denen sich das Flandern von heute befindet, sind nicht die gleichen Grenzen wie früher. Wenn wir uns in eine Zeitmaschine setzen würden, und den Menschen aus zum Beispiel der Zeit vor der Reformation sagen würden: Ihr seid Flamen, dann würden die uns wahrscheinlich kräftig auslachen“, meint Van Nieuwenhuyse.

Dieser Rückgriff auf eine weit zurückliegende Vergangenheit ist nicht ganz ohne Hintergrund. In Flandern wird die Schlacht der Goldenen Sporen von 1302 gerne als ein Ereignis angesehen, das grundlegend für den flämischen Nationalismus wurde. Damals – so erzählt man sich heute – hätten Flamen gegen die Franzosen gewonnen. Dass die Kämpfer von damals sich sehr wahrscheinlich gar nicht als Flamen und Franzosen selbst bezeichnet hätten, das würde heute gerne vergessen.

Das Bild der nationenbildenden Schlacht sei erst im 19. Jahrhundert entstanden, dem Zeitalter, in dem die modernen Nationalstaaten mit ihren Gründermythen überhaupt erst geboren wurden.

Der Löwener Historiker Van Nieuwenhuyse ist mit seiner kritischen Einstellung nicht allein. Auch sein Historiker-Kollege Bruno De Wever von der Universität Gent zeigt sich äußerst skeptisch gegenüber einem Kanon der flämischen Kunst und Geschichte. Er sagt sogar: „Ich bin nicht dazu bereit, und ich hoffe, dass meine professionellen Historiker-Kollegen an anderen Hochschulen und Unis auch nicht dazu bereit sind, um so einen flämischen Kanon zu unterrichten.“

Historiker De Wever teilt die Auffassung seines Kollegen Van Nieuwenhuyse, dass es falsch wäre, Ereignisse und Personen aus einer fernen Vergangenheit als Bestätigung einer heutigen territorialen Identität zu nehmen.

Mit Bezug auf die Niederlande, die in der Note von N-VA-Chef Bart De Wever als Vorbild für einen nationalen Kanon genannt wird, erklärt Bruno De Wever: „Die Idee zu dem Kanon in den Niederlanden ist nach dem Mord 2002 an dem rechtspopulistischen Politiker Pim Fortuyn entstanden. Damals befanden sich die Niederlande in einer Identitätskrise. Diese Krise sollte mit dem Kanon aufgefangen werden.“ Das sei ein Muster, sagt De Wever.

„Einen Kanon aufstellen zu wollen, das ist immer ein Hinweis darauf, dass sich eine Gesellschaft verunsichert fühlt. Sie möchte dann neue Kraft aus der Geschichte ziehen. Aber für so etwas ist Geschichtsunterricht nun wirklich nicht da“, sagt der Historiker.

Kay Wagner

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150