Weihnachtsansprache von König Philippe

König Philippe ruft die Bürger in seiner traditionellen Weihnachtsansprache zur Zuversicht auf. Trotz der unruhigen Weltlage und der überall wachsenden Spannungen sollte man die schönen Dinge des Lebens und auch die Vorzüge unserer Gesellschaft nicht vergessen, sagt das Staatsoberhaupt sinngemäß. Der König plädiert auch für einen nüchterneren Blick auf die Demokratie.

König Philippe (Bild: Dirk Waem/Pool/BELGA)

König Philippe (Bild: Dirk Waem/Pool/BELGA)

„Staunen sollten wir“, meint König Philippe in seiner Weihnachtsansprache. Natürlich habe jeder so seine persönlichen Probleme. Natürlich gebe es da Unruhe und Unsicherheit in der Welt, seien globale Gleichgewichte gefährdet. Wir sollten uns dadurch aber nicht den Blick vernebeln lassen und stattdessen „staunen“ über die schönen Seiten des Lebens, die Gesten der Menschlichkeit, die überall zu beobachten sind.

Zur Illustration beschreibt Philippe bewegende Begegnungen, die er und Königin Mathilde in den letzten Wochen und Monaten gemacht haben. Ein anderer Blick auf die vermeintlich einfachen Dinge des Lebens beflügele zudem die Kreativität. Staunen sollte man auch über all das, was unsere Gesellschaft erreicht hat, die Welt, in der wir leben. Staunen, um nicht in Zynismus und Gleichgültigkeit zu verfallen.

Denn nicht vergessen: Die Zukunft der Demokratie hänge auch wesentlich davon ab, wie wir sie betrachten. Heißt wohl: Wenn man immer nur die schlechten Seiten sehen will, dann kann das auf Dauer nicht gut gehen. Und das ist zwischen den Zeilen wohl auch ein Plädoyer gegen Populismus und seine vermeintlich einfachen Lösungen.

Weihnachtsansprache zum Nachlesen

Meine Damen und Herren,

Anfang dieses Monats war eine Gruppe von Kindern bei mir im Palast zu Besuch. Sie waren neugierig zu erfahren, wie ein König arbeitet und was seine Aufgaben sind. Als das Thema auf meine Weihnachtsansprache kam, sagte eines der Kinder, welches Glück wir haben, in einem so schönen Land wie Belgien zu leben. Trotz unserer eigenen Sorgen, trotz der Unsicherheit in der Welt und der Bedrohung der globalen Gleichgewichte, sollten wir uns mehr trauen, die Dinge häufiger aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Mit einem Blick, der mehr sieht als das, was fehlt, als das, was wir nicht haben. Mit einem staunenden Blick.

Wie wir auf die Dinge schauen bestimmt auch unser Handeln. Wer die Natur bestaunt, wird auch respektvoller mit ihr umgehen. Und was für die Natur gilt, gilt umso mehr für unsere Mitmenschen. Hinter unseren Schwächen und Fehlern wohnt in jedem von uns eine reiche innere Schönheit, die es verdient, zur Entfaltung gebracht zu werden. Neulich habe ich ein Pflegeheim in Holsbeek besucht. Hier helfen die Pfleger den Bewohnern, all das Schöne zu entdecken, was jenseits von Alter und Krankheit in ihnen steckt. Dadurch ist es ihnen gemeinsam gelungen, sich neue Wege auszudenken, wie sie noch engere Bindungen mit ihrer Nachbarschaft knüpfen können. Wir haben dort glückliche Menschen gesehen. Ein solcher Blick auf das Älterwerden ist eine Quelle der Hoffnung. Wer die Schönheit des Lebens bestaunt, lebt selbst besser und kann anderen helfen, das Leben besser zu leben.

Staunen macht uns auch kreativ. In Namur war ich begeistert von einem Projekt, das Techniker, Unternehmer und Künstler zusammenbringt. Sie lernen dabei gemeinsam, sich wieder zu wundern über einfache Objekte unseres Alltags, Werkzeuge oder Technologien, die sie glaubten zu begreifen. Das beflügelt ihren eigenen Erfindungsgeist und weckt innovative Ideen. Das gleiche gilt auch für die großen Herausforderungen unserer Zeit, einschließlich der Zukunft unseres eigenen Planeten. Nur mithilfe unserer Kreativität werden wir dafür Lösungen finden.

Lassen wir uns schließlich auch staunen über das, was wir alles gemeinsam aufgebaut haben, unser gemeinsames Gut, das Ergebnis einer langen Geschichte von Verbundenheit, verankert in Solidarität und Kompromissen. Daraus können wir die Kraft schöpfen, um nicht in sterilen Zynismus und Gleichgültigkeit zu verfallen. Die Zukunft unserer Demokratien hängt in erster Linie davon ab, wie wir diese Demokratien betrachten. Sie beginnt mit Verbundenheit untereinander. Ich denke hier ganz konkret an ein schönes Projekt in St. Gilles, von jungen Menschen ins Leben gerufen, die sich selbst ‚die Fabrik der Verbundenheit‘ nennen. Ein Besuch bei ihnen ist eine echte Bereicherung. Und dann sind da auch die Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die die Königin und ich neulich in Vilvoorde besucht haben. Sie arbeiten zusammen an Projekten zur sozialen Integration, die auf dem Finden der Selbstachtung aufbauen. Die Schönheit in ihren Augen sprach Bände.

Meine Damen und Herren,

Es herrscht viel Unruhe in unserer Welt. Spannungen und Krisenherde mehren sich. Umso wichtiger ist es, dass wir uns das Staunen bewahren – gerade auch unseren Kindern und deren Zukunft zuliebe. Lassen wir uns gemeinsam diesen Weg wählen.

Die Königin und ich, sowie unsere ganze Familie, wünschen Ihnen fröhliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr.

Roger Pint

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Ein Kommentar
  1. Gerlinde Henkes

    Sehr schöne Ansprache.
    Ich habe Respekt vor unsem netten König Philipp u.seiner Frau.
    Ihm u.seiner Familie, wünsche ich ein frohes neues Jahr.
    Gerlinde Henkes

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