Ein Jahr nach den Brüsseler Anschlägen: „Wir sind immer noch alleine“

Am Mittwoch kommender Woche ist es ein Jahr her, dass in Zaventem und Maelbeek die Bomben explodierten. Im Brüsseler Europaviertel soll zu diesem Anlass ein Mahnmal eingeweiht werden. Es ist am Wochenende offiziell vorgestellt worden. Unterdessen kämpfen die Opfer und Angehörigen immer noch um die gebührende Anerkennung durch Behörden und Versicherungsgesellschaften. Und dann gibt’s da noch ein neues Detail aus den Ermittlungen, das geradezu unglaublich ist.

Jean-Henri Compère

Der 22. März 2016, ein Tag, an den man eigentlich gar nicht mehr erinnert werden möchte. Doch ist es natürlich ein Bedürfnis, mehr noch, eine moralische Pflicht, der Opfer zu gedenken. Bei dem Doppelanschlag auf den Flughafen und auf die Metrostation Maelbeek waren insgesamt 32 Menschen ums Leben gekommen, 340 weitere wurden verletzt.

Ihnen zu Ehren soll am Mittwoch nächster Woche, dem ersten Jahrestag der Attentate, in Brüssel ein Mahnmal eingeweiht werden. Es soll am Schuman-Kreisel, im Herzen des Europaviertel, aufgebaut werden. Das Mahnmal kommt aus einem Atelier in der Provinz Luxemburg. Geschaffen wurde es durch den Künstler Jean-Henri Compère, der aus einer Ausschreibung als Sieger hervorgegangen war.

Die imposante, 20 Meter lange Skulptur besteht eigentlich aus zwei enormen Edelstahlplatten, die sich gegenüberstehen. Jede beginnt in der Horizontalen und geht denn in einer sanften Biegung in die Vertikale.
Das Material ist zunächst noch bewusst grob bearbeitet. Es gibt sichtbare Vertiefungen. „Einschläge“, sagte der Künstler in der RTBF. Und je mehr man Richtung Mitte geht, je mehr die Platte auch gen Himmel strebt, desto reiner wird das Material. Die Vertikale, die steht dann symbolisch für eine Form von innerem Frieden.

Jean-Henri Compère hat sich vor Ort inspirieren lassen. Dort, wo das Denkmal aufgestellt werden sollte, sei ihm ein Satz in den Sinn gekommen, den er gleich aufgeschrieben habe: „Verletzt, aber immer noch auf den Beinen, im Angesicht des Unfassbaren“. Die Botschaft: Wir wurden ins Mark getroffen, aber wir stehen wieder auf. Für Jean-Henri Compère soll diese Skulptur an alle Opfer von Terroranschlägen erinnern: Brüssel, aber auch Frankreich oder Tunesien. Alle, die von solch unfassbaren Taten getroffen wurden.

Leidensweg noch nicht zu Ende

Der Leidensweg der Angehörigen und Opfer der Anschläge von Brüssel ist unterdessen noch immer nicht vorbei. Schon mehrmals haben sie darauf hingewiesen, wie sehr sie sich von den belgischen Behörden im Stich gelassen fühlen. Die Regierung hat zwar inzwischen reagiert. „Doch wir sind immer noch alleine“, sagt Thomas Savary von der Organisation V-Europe. Jeder für sich müsse sich mit den Versicherungsgesellschaften herumschlagen, Schriftstücke beibringen, eine Qual. „Warum macht das nicht der Staat für uns?“ fragt sich Savary.

Thomas Savary, der bei den Anschlägen seine Schwägerin verloren hat, spricht da anscheinend vielen aus der Seele. Ein spürbares Malaise, das die Gedenkfeier nächste Woche durchaus überschatten dürfte. Unterdessen laufen ja auch knapp ein Jahr danach die Ermittlungen immer noch auf Hochtouren. Erst vor einigen Tagen wurden weitere Details aus dem „Tagebuch der Terroristen“ bekannt.

Eine Geschichte, die da seit einigen Tagen durch die Medien geistert, ist allerdings fast schon unglaublich. Drei Terroristen hatten sich kurz vor den Anschlägen in einer konspirativen Wohnung in Schaerbeek eingenistet. Von dort aus nahmen sie auch das Taxi Richtung Zaventem. Die Gruppe brauchte einen Stromanschluss, doch benutzten sie dabei natürlich nicht ihren richtigen Namen. Wie sie drauf gekommen sind, man weiß es nicht.

Eine unglaubliche Geschichte

Fakt ist: Sie gaben den Namen und das Geburtsdatum des belgischen Weltklasseschwimmers Pieter Timmers an. Die Sache flog erst auf, als der Stromanbieter Lampiris vor einigen Tagen den Gerichtsvollzieher zu Timmers schickte, um die unbezahlten Rechnungen einzutreiben. Da sei er fast vom Stuhl gefallen, sagte Timmers in der VRT. Erstens, dass sein Name in einem Terrorismusdossier falle. Zweitens aber auch, dass es offensichtlich so einfach ist, eine Identität zu „stehlen“.

Ein Sprecher von Lampiris räumte ein, dass das Unternehmen in der Regel keine Kopie des Personalausweises von seinen Kunden verlange. Und man werde jetzt auch nicht die 99,9 Prozent der Leute bestrafen, die sich korrekt verhalten.

Das Gedenken, die Erinnerung an die Brüsseler Anschläge vom 22. März wird in jedem Fall in den nächsten Tagen nur noch intensiver werden.

Roger Pint - Foto: Anthony Dehez/Belg

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