Sicherheitskräfte sind „am Ende“: Polizeidienst Brüssel-West meldet sich kollektiv krank

Eine Schlagzeile auf Seite eins der Zeitung Het Nieuwsblad hat am Freitag aufhorchen lassen: "Die Polizei weigert sich, in Molenbeek auf Streife zu gehen", schreibt das Blatt. Dahinter verbirgt sich eine unausgesprochene Streikaktion: Die Polizisten haben sich kollektiv krankgemeldet. Die Beamten klagen schon seit längerer Zeit über einen zu hohen Arbeitsdruck. Anders gesagt: Sie "können nicht mehr".

Polizist in Molenbeek

„Die Kollegen aus der Zone Brüssel-West sind erschöpft, seit Monaten“, sagt Vincent Gilles von der Polizeigewerkschaft SLFP. Zu Brüssel-West gehört unter anderem auch die Brüsseler Stadtgemeinde Molenbeek, die in den letzten zwei Jahren auch im Ausland traurige Berühmtheit erlangt hat.

Apropos, sagt Vincent Gilles von der SLFP: Genau hier liege ja auch des Pudels Kern. Jedes Mal, wenn man in den Medien von einem Polizeieinsatz in Molenbeek lese oder höre – und teilweise verging ja kein Tag ohne Hausdurchsuchung – sind es diese Polizisten, die da antreten müssen. Und diese Leute seien inzwischen körperlich und geistig am Ende.

Körperlich und geistig am Ende

Zumal wir seit längerer Zeit unterbesetzt sind, fügt Kris Verstraeten, der Kollege vom flämischen Gewerkschaftsflügel, hinzu. Die Leute müssen permanent Überstunden machen, sie können ihre freien Tage nicht nehmen. Und man habe das schon mehrmals im Gespräch mit den Verantwortlichen angekartet – immer ohne Erfolg. „Jetzt haben die Leute genug“, sagt Kris Verstraeten.

Jetzt scheint wohl das Fass übergelaufen zu sein. Am Donnerstagabend hat sich gleich die komplette Einsatzgruppe, die für den Dienst eingetragen war, krankgemeldet. „Selbst wir wussten nichts davon“, räumt Vincent Gilles von der SLFP ein.

Die Tagesschicht vom Freitag ist ebenfalls krankgeschrieben. Nun müsse aber niemand glauben, dass dafür in den letzten Stunden keine Polizisten in Molenbeek unterwegs gewesen wären, sagt Polizeisprecherin Julie Mampuy. Man habe dann, wie in solchen Fällen üblich, Verstärkung aus den benachbarten Polizeizonen angefordert – und die auch bekommen. Heißt: Es gab und gibt ausreichend Polizisten auf dem Terrain.

Dennoch: Das Ganze ist wohl ein Symptom, die Spitze des Eisbergs. Gerade in den Problemvierteln in den Großstädten sind die Sicherheitskräfte an ihre Grenzen gestoßen. Nicht vergessen: Spätestens seit den Vorfällen von Verviers vor fast genau zwei Jahren herrscht mindestens Terrorwarnstufe drei und die Sicherheitskräfte sind in erhöhter Alarmbereitschaft.

Zwar hat der föderale Innenminister Jan Jambon Abhilfe versprochen –  vor einigen Monaten wurde mit großem Pomp der sogenannte Kanalplan in Kraft gesetzt – aber der beinhaltete eigentlich, dass die Föderale Polizei insgesamt 300 Polizisten für die Zonen Vilvoorde, Molenbeek und Brüssel-Ixelles abstellt. Mehr als 150 sind es aber nie gewesen. Der Innenminister verspreche viel, das allerdings ohne Rücksprache zu halten mit den Polizeiverantwortlichen, sagt Vincent Gilles. Innenminister Jan Jambon hat gerade am Freitag wieder über seinen Sprecher Abhilfe geloben lassen…

Auch Armee geht auf dem Zahnfleisch

Doch nicht nur die Polizisten gehen auf dem Zahnfleisch; auch bei der Armee rumort es. Die Zeitung La Dernière Heure hat gerade erst neue Zahlen veröffentlicht. Aus denen geht hervor, dass einer von drei jungen Soldaten die Streitkräfte nach weniger als drei Jahren wieder verlässt, also noch vor Ablauf seiner Grundausbildung.

Und gerade in den letzten Jahren ist ein Grund wohl die Antiterrormission Homeland, also die Bewachung von strategischen Gebäuden und Orten. Viele, gerade junge Soldaten, finden das zu langweilig, sagt Major Ronny Windmolders. Die Leute haben sich beworben, weil sie auf Auslandsmissionen gehofft haben, die eine gewisse Herausforderung darstellen. Stattdessen müssen sie in der Heimat herumstehen.

Die anhaltende terroristische Bedrohung fordert also ihren Tribut. Dabei geben Antiterror-Fachleute zu bedenken: Eine mögliche Senkung der Terrorwarnstufe, das ist nichts für morgen…

Roger Pint - Illustrationsbild: Virginie Lefour/BELGA

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7 Kommentare
  1. Gertrud E. Adam

    …. wir sind dann mal krank.

  2. Alexander Hezel

    Würde Frau Gertrud E. Adam freiwillig in Molenbeek Streife schieben gehen (wobei sie keinen Hauch einer Ahnung hat, was das konkret für sie bedeuten würde) oder sich eher krank schreiben lassen…?

  3. Jean-Pierre DRESCHER

    Wir sind dann einfach krank. La maladie fait la liberté – 3.000 EUR netto plus alle anderen Beamtenprivilegien darf schließlich auch wenn wir „mal“ nicht zum Dienst erscheinen der kleine Mann mit seinen Steuern bezahlen.

    Der Skiurlaub mit unseren Kindern und Kindeskindern sowie die Frühpension sind schon gebucht.

  4. Alexander Hezel

    Herr Drescher, informieren Sie sich lieber, bevor sie Blödsinn schreiben: ein Polizeinspektor verdient ein netto Grundgehalt von 1400 Euro! Also die Hälfte von dem, was sie behaupten.
    Sie können sich ja gerne für 1400 Euro Tag und Nacht auf die Straße stellen, um die Bevölkerung zu schützen (denn das ist die Hautpaufgabe der Polizei), dann reden wir weiter…
    Sie würden auch jammern, wenn sie nicht mit ausreichend Mitteln ausgestattet wären, um ihre Arbeit vernünftig auszuführen, warum sollte das für Polizisten, die in unser aller Dienst stehen, anders sein?

  5. Jean-Pierre DRESCHER

    Man muss nicht immer meine Meinung teilen. Doch was das Beamtengehalt angeht können Sie mich nicht in die Irre führen, da ich beruflich eben mit der Einkommensverteilung und sozialer Ungleicheit meine Schwerpunkte habe.

    Zu Ihrer Info – ich rechne für ~3.000 EUR sämtliche Sonderbezüge, Weihnachtsgelder, Jahresendgelder, Spezialerstattungen und Prämien bzw. Steuererleichterungen hinzu, teile das anschließend durch 12. Hier ist ein durchschnittlich alter Inspektor mit Berufserfahrung gemeint. Ich versichere Ihnen dass das gerecht ist und nur so der harmonisierte Ländervergleich Europas möglich ist.

    Unsere Polizisten hier in der Deutschsprachigen Gemeinschaft sind größtenteils ehrliche und neutral agierende Personen, denen die Privilegien sicher gerechterweise zustehen. Bei den wallonischen Beamten und der flämischen Polizei kommen leider regelmäßig negative Schlagzeilen bis in die (zensierte) Presse. Da darf man ruhig mal im Zeitalter von explodierender ausländerfeindlicher Gewalt nachfragen ob es noch mit rechten Dingen zugeht mit so dermaßen viel Geld und gleichzeitig immer mehr Obdachlosigkeit im gesamten Föderalstaat.

  6. Marcel scholzen eimerscheid

    Das ist eben das Ergebnis einer total naiven Sicherheitspolitik, besonders bei der Armee. Anstatt den Realitäten ins Gesicht zu schauen, wird bei der Armee gespart. Seit jeher war es Aufgabe eines Staatswesens, Einwohner und Territorium gegen innere und äußere Feinde zu schützen. Ob die belgische Armee dies noch kann, wage ich zu bezweifeln. Ein Widerspruch besteht darin, dass für die Armee kein Geld da ist wohl aber für einen aufgeblasen Staatsapparat.

  7. Damien Francois

    Herr Hezel, ansonsten verkünden Sie doch immer wieder, daß alles rosarot abläuft, in Molenbeek, Schaerbeek, Forest, und auch bestimmt in Verviers. Wie solle man – und besonders Frau – Ihre Äußerungen hier deuten? Kann es sein, daß Sie immer wieder die Lage ideologisch nutzen? Kann es sein, daß Sie immer wieder das Bedürfnis spüren, gegen diejenigen, die gegen etwas wetttern, zu wettern? Einfach so. Je retourne ma veste…

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