Die Presseschau von Dienstag, dem 22. November 2022

Im Fokus steht heute einzig und allein die neueste Kontroverse rund um die WM in Katar. Die FIFA hat unter anderem das Tragen der "One-Love"-Armbinde verboten. Viele Leitartikler prangen in diesem Zusammenhang die allgemeine Heuchelei an. Insbesondere kritisieren sie die europäischen Verbände, die vor der FIFA eingeknickt seien.

Im Testspiel gegen Ägypten hatte Eden Hazard die mittlerweile verbotene Armbinde noch getragen (Bild: Virginie Lefour/Belga)

Im Testspiel gegen Ägypten hatte Eden Hazard die mittlerweile verbotene Armbinde noch getragen (Bild: Virginie Lefour/Belga)

„Die Roten Teufel werden mundtot gemacht“, titelt La Dernière Heure. „Die FIFA verbietet die ‚One Love‘-Armbinde, bei Zuwiderhandlung droht die Gelbe Karte“, schreibt L’Avenir auf Seite eins. „Gelb für den, der es wagt, die Regenbogen-Armbinde zu tragen“, notiert auch anklagend Gazet van Antwerpen.

Die WM hat ihre neue Kontroverse. Einige europäische Mannschaften hatten angekündigt, dass ihr Kapitän mit der „One-Love“-Armbinde auflaufen würde. Dies als Solidaritätsbekundung mit der LGBTQ-Gemeinschaft, allen voran Homosexualität ist in Katar illegal. Der Fußballweltverband FIFA will besagte Armbinde aber auf dem Platz nicht sehen. „Platt auf dem Bauch – Die europäischen Fußballnationen ziehen ihre Solidaritätsbekundung zurück“, so denn auch die verbitterte Schlagzeile von De Standaard. „Die Armbinde der Zwietracht“, so fasst es Le Soir auf Seite eins zusammen.

Hinzu kommt: Es endet ja nicht bei der Armbinde. „Das Wörtchen ‚Love‘ muss vom Trikot der Roten Teufel verschwinden“, schreibt Het Laatste Nieuws. Dieses Wörtchen steht auf dem Auswärtstrikot der Nationalmannschaft. Wenn man es nicht weiß, dann sieht man das gar nicht. Das beißende Fazit von Het Belang van Limburg: „In Katar zählt Liebe nicht“.

„Die WM der Scheinheiligkeit“

Viele Leitartikler kritisieren die neue Entwicklung mit überaus scharfen Worten. „Wir sehen hier die WM der Scheinheiligkeit“, meint etwa De Standaard. Es gibt mindestens drei Favoriten auf den Titel. Erstmal das Emirat Katar, das wohl allen Ernstes geglaubt hat, mit der Fußball-WM glänzen zu können, ohne sich lästige Fragen gefallen lassen zu müssen. Zu den Top-Favoriten auf den Heuchler-Pokal muss man auch die FIFA zählen, die aller Kritik zum Trotz die WM an Katar vergeben hat. Hier ging es nicht um Sport, sondern nur ums Geld. Anwärter auf den Titel des Weltmeisters der Scheinheiligkeit sind aber auch die Verbände, die wegen der simplen Drohung einer Gelben Karte eingeknickt sind.

Le Soir spricht von der WM des Zynismus. Umstritten war der Austragungsort von Anfang an. Bei vorangegangenen Weltmeisterschaften beziehungsweise Olympischen Spielen in Russland oder China hatte sich die Kritik aber spätestens beim Auftakt gelegt. Darauf hatte man wohl auch im Fall Katar spekuliert. „Das war wohl nichts“, kann man da nur sagen. Und das ist auch gut so. Nun muss man sagen, dass das Emirat Katar und die FIFA wirklich keine Gelegenheit auslassen, um Entscheidungen zu treffen, die der Geschichte und dem gesunden Menschenverstand zuwiderlaufen. Der Gipfel des Zynismus wurde gestern erreicht. Dabei sind es vor allem die Verbände, die an den Pranger gehören. Die Angst vor einer simplen Gelben Karte reicht, um von all den markigen Sprüchen der letzten Monate Abstand zu nehmen.

Solidaritätsbekundung – Wie ernst meinen es die Verbände?

Da sieht man mal, wie ernst die Verbände es mit ihrer Solidaritätsbekundung gemeint haben, analysiert sinngemäß De Morgen. Hat Rosa Parks um Erlaubnis gebeten, als sie sich 1955 weigerte, ihren Sitzplatz im Bus einem Weißen zu überlassen? Haben die amerikanischen Leichtathleten John Carlos und Tommie Smith um Erlaubnis gefragt, als sie 1968 auf dem Siegertreppchen der Olympischen Spiele in Tokyo mit ihrer „Black-Panther-Faust“ gegen die Rassendiskriminierung in den USA protestierten? Welch schriller Kontrast zwischen – einerseits – den historischen Beispielen innerhalb und außerhalb des Sports und – anderseits – dem würdelosen Theater, das einige Fußballverbände hier gerade aufführen. Aber, ganz ehrlich: Vielleicht ist es sogar gut, dass die FIFA die Solidaritätsbekundung mit der „One-Love“-Armbinde verboten hat. Denn wirklich ernst gemeint war dieses Symbol offensichtlich nie.

Fußball ist nur noch Big Business

„Die Rechte der LGBTQ-Gemeinschaft sind offensichtlich nicht mal eine Gelbe Karte wert“, giftet auch Het Laatste Nieuws. So viel zum Thema Rückgrat. Entweder, man verzichtet von vornherein auf markige Ankündigungen, oder man zieht die Aktion konsequent durch. Aber nicht nur, dass die Verbände und die Spieler wegen einer drohenden Gelben Karte kuschen, sie suchen nicht mal nach kreativen Auswegen. Als gäbe es da keine anderen Optionen. „Dann gebt doch uns allen eine Gelbe Karte“, könnten die Mannschaften etwa sagen. Oder man überlässt dem Torwart die angeblich gefährliche Armbinde. Keeper sind ja in der Regel am wenigsten gelbgefährdet. Die Iraner haben es gestern vorgemacht: Sie weigerten sich, die Nationalhymne ihres Landes zu singen, und das aus Protest gegen die Niederschlagung der Demonstrationen in ihrer Heimat. „Unser Fußballverband und unsere Spieler haben demgegenüber keine Eier“, zischt Het Laatste Nieuws.

Und was kommt danach?, fragt sich polemisch Het Belang van Limburg. Will man vielleicht am Ende Spieler verhaften, weil sie sich nach einem Tor in die Arme gefallen sind? Oder werden Fans gesteinigt, weil sie öffentlich ein Bierchen gesüffelt haben? Mit ihren tyrannischen Kapriolen beweist die FIFA jeden Tag mehr, wie sehr sie die Tuchfühlung mit dem 21. Jahrhundert verloren hat. Fußball ist Big Business. Kritik oder gesellschaftliche Debatten haben darin nichts verloren. Dass die nationalen Verbände dieses Machtspiel mitspielen, spricht Bände. Worte allein reichen nicht, ihnen müssen auch Taten folgen.

Steht die weltfremde FIFA über der UN?

Diese ganze Episode ist eigentlich eine verpasste Chance, glaubt denn auch Het Nieuwsblad. Die europäischen Verbände hätten mit einer Blutgrätsche der FIFA gegenüber klare Kante zeigen können. Nach dem Motto: „Wir beugen uns nicht mehr den Ukassen der FIFA-Zaren, die aus dieser WM eine triste Farce gemacht haben“. Davon abgesehen: Das Tragen einer „One-Love“-Armbinde ist durchaus keine politische Aktion. „Alle Menschen sind gleich“, heißt es doch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die weltfremde FIFA stellt sich hier über die UN. Ein Appell also an den Kapitän der Roten Teufel: „Eden! Lauf trotzdem mit der Armbinde auf! Hol dir die Gelbe Karte ab! Und lach‘ das Ganze weg mit deinem entwaffnenden Grinsen“. Das wäre die erste Gelbe Karte, auf die man stolz sein könnte. Damit man sieht, dass das Engagement wirklich ernst gemeint war. Hat nicht schon Julius Cäsar gesagt, dass die Belgier die Tapfersten von allen sind?

Roger Pint

5 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    Man kann dieser einstimmigen Presse-Meinung nur zustimmen.

    Die europäischen Verbände haben die Chance verpasst, der FIFA und ihrem despotischen Präsidenten zu zeigen, dass er auch eine WM ohne Frankreich, Deutschland, England, die Niederlande, Belgien und Dänemark haben kann.

    Vor dem Spiel USA-Wales wurde ein US-Journalist von den katarischen Sicherheitskräften abgeführt, weil er ein schwarzes T-Shirt mit einem Regenbogen trug. Er wurde beschimpft und genötigt, das T-Shirt auszuziehen, was er ablehnte. Nach einer halben Stunde ließ man ihn nach Intervention eines Vorgesetzten wieder frei.

    Diese von einem korrupten Verband (dessen Präsident sich höchstwahrscheinlich in Doha niedergelassen hat, um Ermittlungen in der Schweiz zu entziehen) nach einer korrupten Vergabe organisierte WM in einem Land, in dem universelle Menschenrechte nicht viel zählen und deren Organisation 100 Milliarden € gekostet hat, ist eine Farce.

    Genauso eine Farce wie der Profifußball selbst, bei dem für den Wechsel eines Spielers von einem Verein zu einem anderen 300 Millionen € fließen…

  2. Alexander Hezel

    Dieter, ich muss dich leider korrigieren, mit geschätzten $ 220 Milliarden (!) ist diese WM in der Tat die teuerste Fußball-Farce aller Zeiten…

    Und sie hat gezeigt, dass Organe wie die FIFA ein echtes Problem für die Demokratie darstellen, wenn sie derart viel Macht projizieren kann.

    Sponsoren wie Tomorrowland werden sich wohl in Zukunft zweimal überlegen, ob sie den Fußball unterstützen wollen, wenn die FIFA sogar ein simples Etikett im Inneren (!) des Trikots der Roten Teufel mit der Aufschrift „Love“ verbieten kann… Wenn sogar „Love“ zu anstößig ist, was soll dann die nächste Message auf Trikots sein? Sharia for all?

  3. Werner Radermacher

    Ja, Katar ist ein schlimmes islamistisches Land, in dem die Menschenrechte mit Füssen getreten werden und die LGBTQ-Community brutal unterdrückt wird. Aber die „One-Love“-Armbinde ist trotzdem lächerlich, vor allem bei den Franzosen, Belgier und Deutschen. Weil Vereine wie Paris St. Germain, AS Eupen, Bayern München ganz oder teilweise von Katar finanziert werden. Seltsam auch, das Polen, Kroatien und die südamerikanischen Länder auch gut ohne diese Binde auskommen.
    Ist diese Diskussion nur ein Zeichen für westeuropäische Arroganz? Minster Habeck hat Manuel Neuer aufgefordert, die „Love“ Binde trortzdem zu tragen. Der gleiche Habeck, der im März einen Bückling in Katar machte und um Gas gebettelt hat.

  4. Alexander Hezel

    Erlauben Sie mir, etwas zu nuancieren, Herr Radermacher: Minister Habeck hat keinesfalls „aufgefordert“, sondern gesagt, ihn würde es interessieren bzw. er wäre gespannt zu sehen, was denn passieren würde, wenn Neuer diese Binde doch tragen würde.

    Arroganz und Doppelmoral sehe ich doch eher bei den Kataris, die groß posaunen, dass „alle willkommen sind“… außer LGBTQ und diejenigen, die sie unterstützen.

    Das einzig „Positive“, das man an dieser ganzen Farce sehen könnte, ist, dass der Schuss, die Zensur der FIFA und des Katars gänzlich nach hinten los ging, denn jetzt redet kaum jemand mehr über Fußball, sondern fast nur noch über Menschenrechtsfragen – und das ist gut so.

  5. Edmund Gebser

    Der gleiche Habeck, der im März einen Bückling in Katar machte und um Gas gebettelt hat.
    Werter Herr Radermacher,
    den gleichen „Bückling“ wird Herr Habek wahrscheinlich machen wenn er in Brüssel vor dem König steht. Er ist im Protokoll verankert.
    Herr Habek hat nicht um Gas gebettelt, er wollte einen Liefervertrag abschliessen. Der kam bislang nicht zustande weil Herr Habek sich, im Gegensatz zu den Chinesen, nicht die Laufzeit und die Bedingungen von Kathar diktieren lassen wollte.
    Bezüglich dieser „One Love-Binde“ die ohnehin nur ein lauwarmer Kompromiss war gibt es, um einen deutschen Olypiasieger zu zitieren, nur einen Kommentar:“ Packt’s z’sammen und kommt’s hoam“: