Die Presseschau von Mittwoch, dem 16. November 2022

Viele Titelseiten zeigen heute Bilder des tödlichen Einschlags zweier Raketen russischer Bauweise in Polen gestern. Die Leitartikler beschäftigen sich aber mit anderen Themen: Im Norden des Landes mit dem Skandal um flämische "Horror-Kitas" und im Süden mit dem achtmilliardsten Menschen, der gestern geboren wurde.

Polizisten nahe der ukrainisch-polnischen Grenze (Bild: Wotjek Radwanski/AFP)

Polizisten nahe der ukrainisch-polnischen Grenze (Bild: Wotjek Radwanski/AFP)

„Raketen schlagen im Nato-Land Polen ein“, titelt De Morgen. Het Laatste Nieuws formuliert es drastischer: „Tödliche Raketen auf Polen“, schreibt das Blatt. „Explosionen in Polen lassen überall die Alarmglocken schrillen“, so die Schlagzeile von De Standaard. „Ein Raketen-Zwischenfall in Polen schreckt die Nato auf“, schreibt De Tijd auf Seite eins. „Eine Explosion in Polen lässt eine Eskalation befürchten“, so formuliert es Le Soir.

All diese Schlagzeilen sind betont vorsichtig. Die Zeitungen wollen offensichtlich nicht über die Täterschaft spekulieren. Zugleich sind Nervosität und Anspannung spürbar. Die polnischen Behörden sprachen in der Nacht von einer „Rakete aus russischer Produktion“, die in einem Dorf nahe der ukrainischen Grenze eingeschlagen sei. „Rakete aus russischer Produktion“: Solche Waffensysteme setzt auch die Ukraine ein. Die amerikanischen Dienste wollen offenbar nicht ausschließen, dass es sich um eine fehlgeleitete ukrainische Luftabwehr-Rakete handelte.

„Einen kühlen Kopf bewahren!“

Einige Zeitungen scheinen ihrerseits noch mit dem Finger auf Russland zu zeigen: „Russische Raketen schlagen in einem polnischen Grenzdorf ein“, titelt etwa Gazet van Antwerpen. „Russische Raketen landen in Polen – zwei Tote“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. Und La Dernière Heure formuliert es besonders dramatisch: „Die Nato wurde von Russland getroffen.“

Viele Zeitungen warnen dennoch vor möglicherweise überstürzten oder überzogenen Reaktionen: „Jetzt kann man nur hoffen, dass alle einen kühlen Kopf bewahren“, schreibt etwa Het Nieuwsblad im Innenteil.

Für die Leitartikler kamen die Ereignisse in Polen zu spät. Die flämischen Zeitungen beschäftigen sich vielmehr vor allem mit neuen Erkenntnissen über Missstände in Kindertagesstätten im Norden des Landes. Zwei Kitas verloren deswegen ihre Zulassung.

Het Belang van Limburg spricht von „Horror-Kitas“. Der Skandal um die Tagesstätten in Keerbergen in Flämisch-Brabant und im ostflämischen Oudenaarde sind nur die letzten in einer schier endlosen Saga von Problemen. Was sich in den Einrichtungen abgespielt hat, ist regelrecht haarsträubend. Kleinkinder wurden geschlagen; mit dem Kopf in die Toilettenschüssel gedrückt, wenn sie nicht aufhören wollten zu weinen; wurden regelrecht zwangsernährt, wenn sie sich weigerten zu essen. Diese Klagen kommen nicht von einer Baustelle in Katar, sondern aus Flandern; nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem 21. Jahrhundert. Die gute Neuigkeit ist, dass die beiden Kitas geschlossen wurden. Die schlechte Neuigkeit ist, dass zumindest in einem Fall die ersten Klagen schon auf das Jahr 2011 zurückgehen. Zehn weitere Jahre blieb die Einrichtung also offen, angeblich weil die Vorwürfe nicht eindeutig bewiesen werden konnten. Nichtsdestotrotz kann man auch behaupten, dass die flämische Verwaltung hier viel zu lange viel zu passiv geblieben ist. Dass es nicht mehr Opfer gab, ist pures Glück.

Ein strukturelles Problem in Flandern

Was sich in den beiden Problem-Kitas abgespielt haben muss, grenzt an Folter, meint auch Gazet van Antwerpen. Und es ist wirklich schockierend, dass die ersten Alarmleuchten schon vor über zehn Jahren angingen. Wie soll man das Eltern erklären? Dass Einrichtungen zehn Jahre lang unter Verdacht stehen, ohne dass entschlossen eingegriffen wird. Auf politischer Ebene gibt es jedenfalls schon keine Sicherung mehr, die herausfliegen könnte. Wouter Beke kann schließlich nicht zweimal von seinem Posten als Gesundheitsminister zurücktreten.

„Das ist keine Kinderbetreuung mehr, das ist Kindesmisshandlung“, wettert auch Het Laatste Nieuws. Und für die Betreiber war es bislang allzu leicht, aus dem Fadenkreuz der Behörden zu gelangen: Man taufte die Kita einfach um: Aus Mippie und Moppie 1 wurde Mippie und Moppie 2. So konnte man mit einer weißen Weste bei Null anfangen: Das ist nur ein Beispiel dafür, wie stiefmütterlich und lax man in Flandern über Jahre mit dem Bereich Kinderbetreuung umgegangen ist: Die flämische Regierung muss hier eine ganze Menge Vertrauen wieder herstellen.

„Und das bitte schnell“, fordert De Morgen. Wenn die ersten Alarmleuchten blinken, dann muss sofort eingegriffen werden. Und sofort heißt sofort. Natürlich muss man hervorheben, dass in der übergroßen Mehrzahl der Kitas in Flandern gute Arbeit geleistet wird. Doch die neuerlichen Ereignisse weisen deutlich darauf hin, dass es ein strukturelles Problem gibt. Wenn man wirklich fördern will, dass Menschen im erwerbstätigen Alter möglichst viel am Arbeitsplatz sind, muss man konsequent sein. Dann muss man den Eltern und auch den Kindern garantieren können, dass die Kleinkindbetreuung sicher, gesund, bezahlbar und qualitativ hochwertig ist. Koste es, was es wolle.

Acht Milliarden Hoffnungen

Einige frankophone Zeitungen beschäftigen sich ihrerseits mit dem achtmilliardsten Menschen, der gestern zur Welt gekommen ist. Jetzt sind wir also zu Achtmilliarden auf diesem blauen Planeten, konstatiert Le Soir. Acht Milliarden Menschen mit Bedürfnissen, aber auch mit Hoffnungen und Ambitionen. Die Ausgangslage ist aber nicht für alle die gleiche. Der Wohlstand ist schließlich sehr ungleich verteilt. Der stetige Anstieg der Weltbevölkerung muss in jeden Fall nicht zwangsläufig bedeuten, dass ein Zusammenleben auf Dauer unmöglich wird. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass sich die Menschen in den reicheren Ländern einschränken. Die Ressourcen müssen etwa gerechter verteilt werden. Es gibt acht Milliarden Gründe, um die Welt zu verändern.

La Dernière Heure sieht das ähnlich, scheint da dennoch eher skeptisch zu sein. Nehmen wir zum Beispiel die größte Herausforderung, nämlich die Bekämpfung des Klimawandels. Ja, jeder für sich kann ganz individuell sein Quäntchen dazu beitragen: Weniger konsumieren, weniger Fleisch essen. Vor allem in Europa scheint insbesondere die junge Generation auch mehr oder weniger dazu bereit zu sein. Aber was macht das schon aus, wenn Großverschmutzer wie Russland, China, Indien oder die USA munter weitermachen? Diese Gleichung ist verdammt schwer zu lösen.

Roger Pint