Die Presseschau von Dienstag, dem 20. September 2022

Vor allem zwei große Themen beherrschen heute die Titelseiten. Zum einen ist es weiter der Abschied von Queen Elizabeth und der Beginn einer neuen Ära jenseits des Ärmelkanals. Zum anderen geht es um die Energiekrise und ihre Folgen. Offenbar droht jetzt auch ein Koalitionsstreit um die Zukunft des Reaktorblocks Doel 3.

Abschied von Queen Elizabeth II.

Abschied von Queen Elizabeth II. (Bild: Aaron Chown/AFP)

„Abschied“, titelt lapidar Het Nieuwsblad. „Abschied für immer“, präzisiert Het Laatste Nieuws. „The last Goodbye“, so die Schlagzeile von La Dernière Heure. „Goodbye Elizabeth II“, verabschiedet sich L’Avenir. „Letztes Geleit“, schreiben Het Belang van Limburg und das GrenzEcho auf Seite eins.

Viele Zeitungen berichten heute mit zum Teil langen Fotostrecken über das gestrige Staatsbegräbnis für die britische Königin Elizabeth II. Allein ihr schieres Ausmaß macht die Trauerfeier wohl zu einem historischen Ereignis. „Rund 500 gekrönte Häupter sowie Staats- und Regierungschefs haben in London Abschied von der Queen genommen“, notiert De Tijd auf ihrer Titelseite. Und dann haben nochmal Millionen Menschen das Staatsbegräbnis am Bildschirm verfolgt. „Die Welt folgt der letzten Reise von Queen Elizabeth“, so denn auch das Fazit von De Morgen.

Beginn einer neuen Ära

„Großbritannien, um nicht zu sagen die ganze Welt, hat gestern den Atem angehalten“, meint L’Avenir in seinem Leitartikel. Der gestrige Tag schien wie aus der Zeit gefallen. Aber so lieben es nun mal die Briten, und mit ihnen offensichtlich Millionen von Fernsehzuschauern. Sicher, es wurde nicht irgendwer zu Grabe getragen, sondern mit Elizabeth II. eine Frau, die das halbe 20. Jahrhundert und auch noch die ersten 20 Jahre dieses Jahrhunderts geprägt hat. Viele Fernsehzuschauer dürften aber auch mit Interesse oder gar Bewunderung all die Vertreter des Hochadels und der Regierungen der Welt beobachtet haben. Allein die Gästeliste macht wohl aus dem gestrigen Ereignis das „Begräbnis des Jahrhunderts“. Das geht so weit, dass der russische Präsident Wladimir Putin offensichtlich mächtig sauer war, dass er nicht eingeladen war.

„Die Königin ist tot, es lebe der König“, bemerkt aber Le Soir. Denn nach dem prunkvollen Staatsbegräbnis muss jetzt der neue König Charles III. in die Fußstapfen seiner Mutter treten. Es sind große, sehr große, eigentlich viel zu große Fußstapfen. 70 Jahre saß die Queen auf dem Thron. Sie hat quasi alles miterlebt, was ihre Landsleute in den letzten hundert Jahren bewegt hat. Charles muss eigentlich fast schon einem Mythos nachfolgen.

„Heute beginnt für das Vereinigte Königreich eine neue Ära“, glaubt Het Nieuwsblad. Nicht die von König Charles III., sondern die Ära ohne Queen Elizabeth II. Die Queen war jahrzehntelang ein konstanter Stabilitätsfaktor. Sie war extrem populär, weil sie war, wie sie war. Und nicht zuletzt deswegen perlten all die kleinen und großen Skandale vom Königshaus ab. Diese Zeiten sind womöglich vorbei. Die enorme Anteilnahme, die gestern zu beobachten war, die richtete sich ausschließlich auf die Person der Queen. Der neue König wird sich die Anerkennung erst verdienen müssen. Und die Monarchie an sich muss jetzt den Weg der Erneuerung einschlagen: ein Neuanfang.

Energiekrise in Belgien – Wieder eine „Nicht-Politik“

Innenpolitisch bleibt die Energiekrise Thema Nummer eins. De Standaard, Het Laatste Nieuws und Het Nieuwsblad berichten über einen drohenden handfesten Koalitionsstreit um die Zukunft des Reaktorblocks Doel 3. MR und CD&V wollen die endgültige Stilllegung des Meilers verhindern. Und die N-VA bietet aus der Opposition Hilfe an.

Hier wird einmal mehr improvisiert, giftet De Morgen in seinem Leitartikel. Begonnen hatte alles mit einem Vorstoß von Innenministerin Annelies Verlinden. Sie ließ prüfen, ob die Vorbereitungen für den Rückbau von Doel 3 nicht ausgesetzt werden könnten. Die Planung dafür hat Jahre gedauert. Und drei Tage vor Zapfenstreich wird plötzlich wieder alles in Frage gestellt. Bei der Atomaufsichtsbehörde Fank hat man offensichtlich hinter den Kulissen die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Das Schlimme ist, dass hier so getan wird, als könnte Doel 3 den bevorstehenden „Horrorwinter“ etwas abmildern. Das stimmt schlicht und einfach nicht. Hier wird wieder das praktiziert, was alle Regierungen in den letzten Jahrzehnten im Energiebereich getan haben: eine Nicht-Politik.

So oder so wird das kein Winter wie jeder andere, ist De Standaard überzeugt. Jetzt, da die Temperaturen sinken und der Herbst um die Ecke guckt, jetzt beginnt auch bei uns der Widerstand gegen Putin – und damit auch die echte Nagelprobe für die europäische Solidarität.

Historische Chance für eine „große Wende“

Auch innerbelgisch wächst die Unruhe: „Die Wut steigt“, stellt Le Soir auf seiner Titelseite fest. In den nächsten Tagen und Wochen ist eine Reihe von Protestaktionen gegen die hohen Energiepreise geplant.

Studien bestätigen, dass zwei von drei Belgiern Angst vor ihrer nächsten Energierechnung haben, konstatiert Het Belang van Limburg. Man sieht aber auch, dass viele Haushalte jetzt Maßnahmen ergreifen, um ihren Energieverbrauch irgendwie einzuschränken. Das hat zumindest eine gute Seite: Angesichts des Klimawandels kommen diese Verhaltensveränderungen keinen Tag zu früh.

Gazet van Antwerpen spricht sogar von einer bevorstehenden „großen Wende“. Zumindest hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron diesen Begriff in den Mund genommen. Die Frage ist, was die Politik insbesondere im Westen unternehmen will, um diesen Umbruch herbeizuführen und vor allem auch zu begleiten. Fest steht wohl, dass man nicht ewig Symptombekämpfung betreiben kann, indem man sich etwa darauf beschränkt, die Folgen der hohen Energiepreise für Bürger und Unternehmen abzumildern. In den letzten Monaten haben wir kollektiv bewiesen, dass wir auch mit weniger Energie auskommen können. Wenn die politische Klasse jetzt nicht in diesen Prozess einsteigt, dann verpasst sie eine historische Chance, um besagte „große Wende“ herbeizuführen.

Roland Jost stimmt Vergleich zu

„Roland Jost akzeptiert eine Bewährungsstrafe von drei Jahren Haft“, so schließlich die Aufmachergeschichte von L’Echo. Der Chef der Jost Group hat demnach einem entsprechenden staatsanwaltlichen Vergleich zugestimmt. In dem Verfahren ging es Sozialdumping. Das zuständige Gericht muss dem Deal aber noch zustimmen.

Roger Pint