Die Presseschau von Samstag, dem 9. Juli 2022

Das Erinnern an die Überschwemmungskatastrophe vor fast genau einem Jahr steht im Mittelpunkt der Zeitungskommentare, die sich aber auch mit geplanten Neuerungen bei der Corona-Impfkampagne beschäftigen, mit einer Fusion zwischen zwei belgischen Unternehmen und zwei Frauen mit ungewöhnlichen Lebenswegen.

Eupen ein Jahr nach dem Hochwasser

Eupen ein Jahr nach dem Hochwasser (Bild: Robin Emonts/BRF)

„Ein Jahr nach der Sintflut“, titelt De Morgen. „Ein Jahr danach und immer noch ratlos“, so die Schlagzeile von L’Avenir. „Flandern braucht einen Wasserbeauftragten nach niederländischem Vorbild“, schreibt Het Belang van Limburg auf Seite eins.

Viele Zeitungen erinnern heute an die Überschwemmungen, die Belgien im vergangenen Juli heimgesucht haben. Die Katastrophe jährt sich zwar erst nächste Woche, doch schon heute ist sie Gegenstand vieler Aufmachergeschichten, Reportagen und Leitartikel.

In seinem Editorial schreibt Le Soir: 39 Menschen haben in den Fluten ihr Leben verloren. Die Namen dieser 39 Toten sind bislang nirgends zusammen in einer Liste aufgeschrieben worden, in keinem Dokument, in keiner Mitteilung einer Regierung oder einer Kommission. Es gibt keine Gedenktafel für sie. Dass unsere Zeitung heute das erste Mal eine komplette Liste dieser Namen veröffentlicht, ist unsere Art, diese Opfer zu würdigen. Für die Überlebenden soll es eine Chance sein, zu trauern. Außerdem helfen die Namen, uns an den Schrecken dieser Katastrophe zu erinnern – an die schrecklichste Naturkatastrophe, die Belgien je erlebt hat, unterstreicht Le Soir.

Politik hat Chance vertan

De Morgen stellt fest: Viele Menschen leiden noch immer unter den Folgen der Überschwemmungen. Das ist auch Schuld der Politik. Sie hat es versäumt, den Opfern schnell und zügig zu helfen. Vielmehr ist das passiert, was schon nach den Anschlägen von Brüssel geschehen ist. Jeder hat mit dem Finger auf den anderen gezeigt, um die Schuld von sich zu weisen. Die Politik ist nicht mehr fähig, die Probleme der Menschen zu lösen – so denken viele Bürger. Die Überschwemmungen vor einem Jahr waren eine Gelegenheit, dieses Denken zu korrigieren. Die Chance ist vertan worden, bedauert De Morgen.

La Libre Belgique überlegt, ob man die Katastrophe hätte verhindern können und kommt zu dem Schluss: Keine Prozedur, kein zusätzliches Material, kein Notfallplan, so perfekt er auch sein mag, wird Bäche und Flüsse daran hindern, über die Ufer zu treten. Und seit mehr als 30 Jahren hämmern uns Klimatologen ein, dass der Klimawandel diese Intensität dieser Naturphänomene noch verstärkt. Dadurch werden die Naturphänomene immer weniger natürlich, werden zu wahren Katastrophen. Die Wallonen wissen jetzt, was das kosten kann; sie haben es selbst in der Hand, Konsequenzen zu ziehen und sich besser auf künftige Katastrophen einzustellen, meint La Libre Belgique.

Het Nieuwsblad sieht es ähnlich und führt aus: Eine Katastrophe kommt immer unerwartet. Komplett wird man sich nie vor Katastrophen schützen können. Aber man kann sich so gut wie möglich darauf vorbereiten, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Das ist eine Lehre, die aus den Überschwemmungen von vor knapp einem Jahr gezogen werden kann. Übrigens auch für Flandern, das zwar weitaus weniger vor einem Jahr betroffen wurde, aber auch äußerst anfällig für Überschwemmungskatastrophen ist, betont Het Nieuwsblad.

Die Frage bleibt: Warum?

Het Laatste Nieuws kommentiert zu den Neuerungen bei der Corona-Impfkampagne: Die Pläne des föderalen Gesundheitsministers Frank Vandenbroucke sehen vor, dass die Logistik für diese Kampagne jetzt von einem niederländischen Unternehmen ausgeführt werden soll; bislang wurde das von einem belgischen Betrieb gemacht. Ehrlich gesagt verstehen wir nicht, warum der Minister diesen Wechsel vollzieht. Denn logistisch hat es eigentlich gut funktioniert bei den Corona-Impfungen. Außerdem hat der bisherige Logistiker mittlerweile Erfahrungen sammeln können. Er weiß, wie es geht. Wenn nichts kaputt ist, dann sollte man nichts reparieren, hat einmal der amerikanische Präsident Jimmy Carter gesagt. Dem ist nur zuzustimmen. Gerade bei so einem sensiblen Thema wie der Gesundheit der Bürger sollten Experimente vermieden werden. Die Frage an Vandenbroucke bleibt also: Warum, empört sich Het Laatste Nieuws.

Zur geplanten Fusion des flämischen Chemiekonzerns Tessenderlo mit dem ebenfalls flämischen Unternehmen Picanol schreibt De Tijd: Das ist eine glänzende Neuigkeit in dunklen Zeiten. Sie ist das Verdienst des flämischen Unternehmers Luc Tack. Er ist Chef beider Unternehmen und es ist ihm zu verdanken, dass sie sich in den vergangenen 20 Jahren von grauen Mäusen zu Vorzeigeunternehmen in ihren Branchen entwickelt haben. Ein solcher Unternehmer wie Tack, der auf den Standort Belgien setzt, tut unserem Land und unsere Industrie gut, freut sich De Tijd.

Belgien als Land der Möglichkeiten

L’Echo widmet sich zwei Persönlichkeiten aus dem belgischen Wirtschaftsleben und verneigt sich zunächst vor Tiffany Afschrift. Denn die bekannte Steueranwältin hat entschieden sie selbst zu werden. Jahrzehntelang kannte man sie als Mann. Dass sie jetzt eine Frau ist, hat sie, wie sie selbst gesagt hat, der belgischen Gesellschaft zu verdanken, die ihr die Freiheit gegeben hat, unter ihrer „wahren Identität“ leben zu können.

Die andere Frau ist Ilham Kadri. Die Franko-Marokkanerin aus einfachen Verhältnissen hat es bis zum Chef der Solvay-Gruppe geschafft. Dafür wurde sie jetzt in Brüssel mit der französischen Légion d’honneur ausgezeichnet. In ihrer Dankesrede hat sie darauf verwiesen, dass sie nur aufgrund der Freiheiten so weit gekommen sei, von denen sie in Belgien habe profitieren können. Beide Beispiele zeigen, dass Belgien ein Land der Möglichkeiten ist, sich zu entfalten. Dank guter Gesetzgebung und einer toleranten Gesellschaft. Es ist gut, daran erinnert zu werden, dankt L’Echo.

Kay Wagner