Die Presseschau von Mittwoch, dem 22. Juni 2022

Die Titelseiten und auch Leitartikel befassen sich zunächst mit der Ankunft eines neuen Telekom-Anbieters auf dem belgischen Markt. Daneben geht es aber auch um das Comeback der Steinkohle in Europa, die Rückholaktion von IS-Frauen und ihren Kindern aus Syrien sowie den anstehenden Streik bei Brussels Airlines.

Sendemast in Eupen

Bild: Andreas Lejeune/BRF

„Versteigerung der Frequenzen für superschnelles 5G: Neuer Akteur auf dem Telekom-Markt – werden die Preise in Belgien sinken?“, fragt das GrenzEcho auf Seite eins. „Die Ankunft eines vierten Mobilfunk-Anbieters könnte die Preise um 20 Prozent sinken lassen“, glaubt La Libre Belgique. „Die 5G-Versteigerungen haben den Markt geöffnet und den Staat bereichert“, fasst L’Echo zusammen. „Digi, der vierte Anbieter, der Belgien verführen will“, beschäftigt sich Le Soir mit besagtem viertem Anbieter.

Belgien gehört bei den Telekom-Preisen zu den schlechtesten Schülern in Europa, erinnert De Morgen in seinem Leitartikel. Das hat alles mit Proximus und Telenet zu tun, den zwei großen Spielern, die den Markt fest im Griff haben. Orange als dritter im Bunde kann zwar ein bisschen mitspielen, hat es aber nicht geschafft, wirklich groß mitzumischen: Die Mehrheit der belgischen Kunden ist brav bei den zwei Telekom-Riesen geblieben. Ein vierter Anbieter kann hier Veränderung bringen. Das hofft zumindest die Regierung. Allerdings wird der Weg lang sein: Es werden Investitionen in die Infrastruktur notwendig sein, in Sendemasten, und vor allem auch ins Marketing, um die unwilligen Belgier davon zu überzeugen, zu einem unbekannten Anbieter zu wechseln, unterstreicht De Morgen.

Großer Verlierer mit Kirsche auf dem Kuchen

Für die großen Drei wird das Leben durch den Neuankömmling unbequemer werden, glaubt De Tijd. Das sehen auch die Anleger so, die Aktien von Telenet und Proximus haben das bereits schmerzhaft zu spüren bekommen. Denn was gut für die Telekomkunden ist, ist nicht gut für die Telekomanbieter. Einer der größten Anteilseigner ist dabei der Föderalstaat, er ist Mehrheitsaktionär bei Proximus. Das wirft diverse Fragen auf. Unter anderem, warum der Staat seine Finger in einem Betrieb haben muss, der auf dem Markt mit Privatfirmen konkurriert. Außerdem ist es nicht der Staat, der Innovationen im Telekom-Sektor vorantreibt, sondern die Dynamik der Märkte. Dass der Föderalstaat jetzt also ein bisschen als der große Verlierer der Öffnung des Telekom-Marktes dasteht, hat er nur sich selbst zuzuschreiben, findet De Tijd.

Die Schwesterzeitung L’Echo hebt derweil die Vorteile für den Staat hervor: Durch die Versteigerung der 5G-Frequenzen hat er innerhalb von drei Wochen 1,2 Milliarden Euro eingenommen, rund eine halbe Milliarde mehr als ursprünglich erwartet. Das ist quasi die Kirsche auf dem Kuchen, so einen Geldregen gibt es nicht alle Tage und er könnte sich als sehr nützlich für eine ganze Reihe von Dossiers erweisen. Allerdings muss sich erst noch über die Verteilung beziehungsweise die Verwendung der Mittel geeinigt werden. Wer Belgien und seine Machtebenen kennt, weiß, dass das alles andere als eine Selbstverständlichkeit werden wird, so L’Echo.

Steinkohle ist nicht die Antwort auf die Energiekrise

Gazet van Antwerpen kommentiert das Comeback der fossilen Energieträger, genauer gesagt der Steinkohle: Vier Monate nach dem Beginn des Überfalls Russlands auf die Ukraine und der Erkenntnis, dass Europa so schnell wie möglich unabhängig werden muss von den Energielieferungen des Kremls, sind sie also wieder da, die Steinkohlekraftwerke. Die Niederlande, Deutschland, Italien, Griechenland und auch Großbritannien fahren sie wieder hoch. Alle Regierungen betonen, dass es sich nur um eine temporäre Maßnahme handeln soll, dass Energievorräte für den kommenden Winter angelegt werden müssen. Es ist ja auch in der Tat so, dass jetzt alle verfügbaren Kräfte eingesetzt werden müssen, damit das Licht an bleiben kann. Was aber nicht passieren darf, ist, dass das Gegenteil von dem eintritt, was eigentlich erreicht werden soll: Europa darf es sich nicht wieder gemütlich machen mit den fossilen Energieträgern anstatt voll auf die Entwicklung nachhaltiger Energiequellen zu setzen, mahnt Gazet van Antwerpen.

Steinkohle ist nicht die Antwort auf die Energiekrise, betont auch De Standaard. Es ist schon ein trauriges Paradox: Die Abhängigkeit von Russland und die hohen Energiepreise sind das ultimative Argument für massive Investitionen in erneuerbare Energien. Aber in der Praxis fließen durch die Maßnahmen zum Schutz der Kaufkraft der Bürger viele zusätzliche Milliarden für Gas und Öl nach Russland. Durch die steigenden Zinsen und Schulden wird es nicht mehr lange möglich sein, beides gleichzeitig zu tun, warnt De Standaard.

Keine bessere Alternative

Het Nieuwsblad greift die Rückholaktion auf, mit der sechs Frauen und 16 Kinder von IS-Kämpfern aus einem Lager in Syrien nach Belgien gebracht worden sind: Kinder dürfen nicht für die Taten ihrer Eltern bestraft werden, erinnert die Zeitung. Und jeder Mensch verdient eine zweite Chance. Das sind Prinzipien, auf die man nicht nur dann pochen darf, wenn es einem gerade passt. Natürlich ist das Ganze kein ideales Szenario. Aber eine bessere Alternative gibt es eben auch nicht. Die Kinder in Syrien verrotten zu lassen oder sie gewaltsam von ihren Müttern zu trennen, hätte nichts anderes bedeutet, als neue terroristische Zeitbomben zu schaffen, ist Het Nieuwsblad überzeugt.

Le Soir kommt auf die anstehenden Streiks im Luftfahrtsektor zurück, bei Brussels Airlines etwa soll ja ab morgen die Arbeit niedergelegt werden. Natürlich sind die Reisenden frustriert, die sich nach zwei Jahren Pandemie nach der wiedergefundenen Freiheit und fernen Ländern sehnen. Sie sehen sich aber auch konfrontiert mit der Unzufriedenheit der Piloten, der Besatzungen und der Gepäckabfertiger. Ihr Streik könnte die Kunden dazu animieren, sich auch einmal die Frage zu stellen, ob man wirklich wieder so fliegen kann wie früher, zu einem lächerlich niedrigen Preis, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf das Klima und auf die Arbeitsbedingungen des Personals, meint Le Soir.

Boris Schmidt