Die Presseschau von Donnerstag, dem 9. Juni 2022

Anlässlich des Staatsbesuchs in der Demokratischen Republik Kongo hat König Philippe gestern vor dem Parlament in Kinshasa eine mit Spannung erwartete Rede gehalten. Das, was der belgische Monarch dabei gesagt beziehungsweise eben nicht gesagt hat, ist das Top-Thema auf den Titelseiten und auch in den Leitartikeln.

König Philippe bei seiner Rede im "Palais du Peuple" in Kinshasa, Sitz des kongolesischen Parlaments (Bild: Arsene Mpiana/AFP)

König Philippe bei seiner Rede im "Palais du Peuple" in Kinshasa, Sitz des kongolesischen Parlaments (Bild: Arsene Mpiana/AFP)

„Philippe wiederholt ‚tiefstes Bedauern‘ – Rede des Königs schlägt neues Kapitel in der Beziehung Belgien-Kongo auf“, schreibt das GrenzEcho auf Seite eins. „Das ‚allertiefste Bedauern‘ des Königs über die Kolonisierung: ‚Dieses Regime war von Paternalismus, Diskriminierungen und Rassismus gekennzeichnet'“, bringt La Libre Belgique ein Zitat aus der Rede, die König Philippe gestern anlässlich des Staatsbesuchs im Kongo gehalten hat. „‚Aufrichtiges Bedauern‘ im Kongo, aber keine Entschuldigungen“, unterstreicht jedoch De Morgen in seiner Überschrift.

Zum ersten Mal hat ein belgischer König auf kongolesischem Staatsgebiet einen Kniefall getan, kommentiert Het Belang van Limburg. Einen Kniefall wegen der jahrelangen Ausbeutung der damaligen Kolonie zur Bereicherung Belgiens. Die Worte König Philippes waren hart – sicher nicht zuletzt, wenn man bedenkt, dass die königliche Familie unter Leopold II. die größte Verantwortung für das Kolonialsystem trug. Andererseits ist da durchaus noch Luft nach oben, wenn man die Worte Philippes mit denen des niederländischen Königs Willem-Alexander zu den Ereignissen im ehemaligen Niederländisch-Indien vergleicht. Willem-Alexander hatte sich für die Gräueltaten entschuldigt, die nach der Unabhängigkeitserklärung Indonesiens von den Niederländern verübt worden waren. Für Belgien könnte der Kniefall angesichts seiner Taten im Kongo also durchaus noch tiefer ausfallen. Dem Vernehmen nach wartet man hierzulande noch auf den Abschlussbericht der parlamentarischen Kommission zum Kongo. Aber selbst, wenn der vorliegen wird, scheint politisch doch wenig Interesse an einer echten Entschuldigung zu bestehen. Denn während „Bedauern“ ein persönliches Gefühl ist, stellen Entschuldigungen juristisch betrachtet Sprengstoff dar. Denn damit könnte der Kongo Reparationsforderungen stellen, fasst Het Belang van Limburg zusammen.

Mehr als Bedauern ist problematisch

Es ist schwierig, den Schlussfolgerungen des Kammerausschusses vorzugreifen, schreibt De Tijd. Denn wenn es zu Entschuldigungen kommen sollte und damit verbundenen finanziellen Folgen, dann ist es besser, wenn die politische Unterstützung dafür so breit wie möglich ist. Das Letzte, was man hier wollen kann, ist ein König, der irgendetwas in Gang setzt ohne Rücksprache mit und Rückhalt der Volksvertreter. Abgesehen davon stellen sich zu möglichen Reparationszahlungen diverse Fragen: An wen soll das Geld bezahlt werden? Wie soll so etwas überhaupt berechnet werden? Woher wissen wir, dass das Geld auch da ankommen wird, wo es hingehört? All das unterstreicht, dass es kaum andere Optionen gibt als eben Bedauern auszudrücken. Weiter als das zu gehen, ist problematisch, ist De Tijd überzeugt.

Das Verdienst von König Philippe

Die Rede König Philippes war nicht einfach eine Kopie des historischen Briefs, in dem der Monarch vor knapp zwei Jahren schon sein Bedauern ausgedrückt hatte, hebt Het Nieuwsblad hervor. Mit seiner Rede vor dem kongolesischen Parlament ist Philippe einen gehörigen Schritt weiter gegangen. Entschuldigungen im Namen Belgiens hatte aufgrund der möglichen juristischen und finanziellen Folgen niemand von König Philippe in Kinshasa erwartet. Die Staatsoberhäupter, die so weit gegangen sind beim Ausdruck ihres Bedauerns wie Philippe gestern, lassen sich an einer verstümmelten Hand abzählen. Das tiefe Bedauern, das normalerweise ausgedrückt wird, beschränkt sich meist auf die Anerkennung von Gräueltaten und Exzessen. König Philippe aber ist deutlich weiter gegangen, er hat die Politik seiner Vorfahren und der Wirtschaftsgrößen von damals sehr streng verurteilt. Damit ist unser Land bei der Abrechnung mit der Vergangenheit deutlich weiter als die viel größeren Kolonialmächte um uns herum. Und das ist in nicht geringem Maß das Verdienst von König Philippe, so Het Nieuwsblad.

Auch 60 Jahre nach der Kolonialzeit wird der Kongo noch ausgebeutet, erinnert das GrenzEcho. Menschen, ja ganze Dörfer, die dieser Ausbeutung im Weg stehen, werden abgeschlachtet. Die Grenzen des Landes werden immer wieder verletzt. Der öffentliche Aufschrei aber bleibt aus. Belgien als das Land, das selbst oder in der Person seines ehemaligen Königs Leopold II. dieses Land viele Jahrzehnte als Kolonie ausgebeutet hat, wobei Menschenleben wenig zählten, hat hier eine besondere Verantwortung. Der scheint man nun gerecht werden zu wollen. Es wurde Zeit. Umso mehr ist die Annäherung beider Länder „auf Augenhöhe“ zu begrüßen, findet das GrenzEcho.

Der Kongo braucht Klarheit für seine Zukunft

La Dernière Heure lobt vor allem den König selbst für seinen gelungenen Auftritt: Philippe hat Geschichte geschrieben, sein Unterfangen ist ihm im Großen und Ganzen gelungen, so gefährlich es auch war. Durch die Wahl seiner Worte hat er diplomatisches Geschick unter Beweis gestellt – etwas, was ihm seine Kritiker immer abgesprochen hatten. Natürlich sollten wir nicht naiv sein und glauben, dass alle Wunden geheilt gewesen wären, sobald das Mikrofon des Königs aus war. Aber durch seine richtigen und menschlichen Worte hat König Philippe den Weg geebnet für eine stärkere belgo-kongolesische Zukunft, meint La Dernière Heure.

Ein Bedauern, das live und persönlich ausgesprochen wird, hat immer mehr Kraft und Bedeutung als ein schriftlich ausgedrücktes, unterstreicht L’Avenir. Die Geste des Königs war wichtig, mutig und notwendig. Sie erlaubt Belgien, ein wenig mehr Verantwortung für diese schmerzhafte Vergangenheit zu übernehmen. Damit sich die noch immer klaffende Wunde eines Tages schließen kann. Aber leider wird der Vernarbungsprozess noch Zeit in Anspruch nehmen. Jetzt heißt es, den eingeschlagenen, schwierigen Weg fortzusetzen. Einfach deshalb, weil die Vergangenheit, so schmerzhaft sie auch ist, nicht vage bleiben darf. Sonst wird es die Zukunft nämlich auch. Der Kongo braucht aber mehr denn je Klarheit, wenn es um seine Zukunft geht, betont L’Avenir.

Boris Schmidt