Die Presseschau von Freitag, dem 27. Mai 2022

Nach dem gestrigen Feiertag kommentieren viele Leitartikel heute die Schießerei an einer US-Grundschule ausführlicher und versuchen, Erklärungsansätze zu finden. Weitere Themen sind die ausbleibende Wirkung der Sanktionen gegen Russland sowie Needle-Spiking-Meldungen von einem Festival in Hasselt.

Gedenkstätte für die Opfer des Amoklaufs vor dem Gerichtsgebäude in Uvalde, Texas (Bild: Chandan Khanna/AFP)

Gedenkstätte für die Opfer des Amoklaufs vor dem Gerichtsgebäude in Uvalde, Texas (Bild: Chandan Khanna/AFP)

„USA trauern nach tödlichster Schießerei seit zehn Jahren in einer Schule“, schreibt Het Laatste Nieuws auf Seite eins. „Erschossen in ihrem Klassenraum“, heißt es bei Gazet Van Antwerpen. „Warum das Problem mit Waffen immer noch besteht in den USA“, titelt De Morgen.

Der Amoklauf eines 18-jährigen Mannes, der an einer Schule in Texas am vergangenen Dienstag 21 Menschen, davon 19 Kinder erschossen hat, wird besonders von den flämischen Zeitungen bereits auf den Titelseiten prominent behandelt. In den Leitartikeln beschäftigen sich auch die frankophonen Zeitungen damit.

La Libre Belgique stellt fest: Amerika ist von den Krankheiten Gewalt und Schusswaffen befallen. Das wird bereits lange lediglich bedauert und es steht zu befürchten, dass das schreckliche Massaker von Dienstag wieder nichts ändern wird. Schuld daran sind vor allem die Republikaner. Sie weigern sich, etwas an dem Waffengesetz in den USA zu ändern und sich gegen die große Macht der Waffenlobby zu stellen. Sie nehmen lieber in Kauf, dass immer wieder Kinder und Jugendliche von Amokläufern erschossen werden. Das ist eine moralische Bankrotterklärung, urteilt La Libre Belgique.

Waffen sind „Amerikas heilige Kuh“

Le Soir notiert: Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man sich vor Augen führt, dass man in den USA erst 21 Jahre alt werden muss, um Bier trinken zu dürfen, aber schon mit 18 Jahren ganz legal eine Schusswaffe kaufen kann. Zu tun hat das mit dem historisch bedingten Freiheitsgefühl vieler Amerikaner. Der Aufkleber „Gott schuf den Menschen, Sam Colt machte sie gleich“ spricht dabei Bände. Der Spruch verdeutlicht, wie wichtig vielen Amerikanern das Recht ist, eine Waffe zu besitzen. Das kann nichts entschuldigen, aber erklären, warum die USA immer noch wie der Wilde Westen erscheinen, mit dem Recht auf Waffenbesitz als heilige Kuh, schüttelt Le Soir den Kopf.

Auch De Standaard zeigt sich überzeugt: Der Amoklauf von Dienstag wird nichts an der Situation in den USA ändern. Dafür sind die Menschen, die den Besitz von Waffen befürworten, zu unerreichbar für alle Argumente, den Waffenbesitz einzuschränken. Sie sind von der Technik fasziniert und haben den Spruch der Waffenlobby verinnerlicht, der da lautet: Das einzige, was einen bösen Menschen mit einer Waffe in der Hand stoppen kann, ist ein guter Mensch mit einer Waffe in der Hand, erklärt De Standaard.

La Dernière Heure bemerkt: Präsident Joe Biden kommentierte den Amoklauf mit den Worten: Wann endlich, im Namen Gottes, werden wir uns gegen die Waffenlobby stellen? Dieser Ausruf macht die ganze Hilflosigkeit deutlich, der sich selbst ein US-Präsident ausgesetzt sieht. Waffen und damit Töten und viele Selbstmorde mit den gekauften Waffen werden weiter zu den USA dazugehören. Sieht so der Amerikanische Traum aus?, fragt La Dernière Heure.

De Morgen kommentiert: Die Waffenbesessenheit der Amerikaner ist zu vergleichen mit der Stellung, die bei uns das Autofahren einnimmt. Das ist unsere heilige Kuh. Wehe, wenn man an dem Recht, überall hinfahren zu dürfen, rüttelt. Klar sind Autos an sich keine Mordinstrumente. Aber trotzdem sterben durch Autos jährlich viele Menschen bei uns, erinnert De Morgen.

Russland: Sanktionen zeigen kaum Wirkung

Die Wirtschaftszeitung De Tijd blickt nach Russland und stellt fest: Die wirtschaftlichen Sanktionen des Westens gegen Russland haben nicht die Wirkung, die sich manche erhofft haben. Der russische Rubel ist überraschend stark geblieben. Russland bleibt ein Rohstoffriese und kann seine Geschäfte mit Gas und Öl auch ohne Europa weiterführen. Präsident Putin ist weiter sehr beliebt im Volk, beherrscht weiter die Propagandamaschine und hat noch genügend Geld, um sein Umfeld zufrieden zu stellen. Die Hoffnung auf einen Putsch oder dergleichen gegen Putin ist nicht sehr realistisch. Dazu ist der Krieg von Russland gegen die Ukraine ins Stocken geraten.

Europa sollte sich deshalb langsam Gedanken darüber machen, wie es nach dem Krieg mit diesem Russland umgehen will. Dieser Plan muss jetzt schon aufgestellt werden, damit Europa bei möglichen Verhandlungen mit einer klaren Position auftreten kann, rät De Tijd.

Needle-Spiking-Meldungen: „Panik ist noch nicht angesagt“

Auf dem Musikfestival „We R Young“ in Hasselt war 24 jugendlichen Besuchern am Mittwoch schlecht geworden. Mehrere von ihnen gaben an, zuvor einen Nadelstich gespürt zu haben. Dazu kommentiert Het Laatste Nieuws: Diese Meldungen über das so genannte Needle Spiking sind mit Vorsicht zu genießen. In England gab es in den vergangenen Monaten insgesamt 1.300 Meldungen von diesem Needle Spiking. Kein einziger Verdacht konnte durch medizinische Untersuchungen bestätigt werden. Sehr wahrscheinlich wird es in Hasselt ähnlich sein.

Bislang ist noch nicht bewiesen, dass jemand in Hasselt Teenager mit einer Spritze gepikst hat. Wobei dann auch zu klären wäre, warum jemand so etwas tun sollte. Und dass Teenager während des Auftritts ihrer Idole manchmal in Ohnmacht fallen, ist auch kein neues Phänomen. Deshalb sollte man mit Überreaktionen vorsichtig sein. Panik vor Needle Spiking ist – zurzeit zumindest – noch nicht angesagt, meint Het Laatste Nieuws.

Kay Wagner