Die Presseschau von Dienstag, dem 24. Mai 2022

Titelseiten und Leitartikel beschäftigen sich mit sehr unterschiedlichen Themen. Dazu gehören unter anderem die neuen Michelin-Sterne, die Haushalts-Empfehlungen der EU-Kommission, der Gipfel von Davos und auch Russlands Überfall auf die Ukraine, der heute vor drei Monaten begonnen hat.

Sternekoch Gary Kirchens (Mitte) mit seinem Team (Bild: Marc Dirix/Belga)

Sternekoch Gary Kirchens (Mitte) mit seinem Team (Bild: Marc Dirix/Belga)

Heute werden auf den meisten Titelseiten in irgendeiner Form die 2022er-Michelin-Sterne aufgegriffen, wobei jede Zeitung natürlich ihre regionalen Champions feiert. „Guide Michelin zeichnet Eupener Koch aus – Ein Stern für Gary Kirchens“, schreibt etwa das GrenzEcho. „Es regnet Michelin-Sterne über Antwerpen“, titelt Gazet van Antwerpen. Mit diesem Erfolg überflügelt die Scheldestadt auch die Hauptstadt, wie Le Soir hervorhebt: „Brüssel ist nicht mehr das Epizentrum der belgischen Gastronomie“, liest man hier.

Setzt man die Anzahl Sterne-Restaurants ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, dann kommt Belgien weltweit auf den vierten Platz, lobt Gazet van Antwerpen in ihrem Leitartikel. Umso bedauernswerter ist es, dass gerade der Gastronomie-Sektor besonders unter der Krise leidet. Das ist auch eine Folge des Endes staatlicher Unterstützungsmaßnahmen nach der Corona-Pandemie. Aber nicht nur, der Sektor hat auch mit vielen anderen Problemen zu kämpfen – vom Personalmangel bis hin zu den stark gestiegenen Preisen für unter anderem Energie und Nahrungsmittel.

Darunter leiden natürlich Sterne-Restaurants noch am wenigsten, ihre Klientel ist bereit, sich die exklusive Bewirtung etwas kosten zu lassen. Aber für die anderen wird die Lage immer dramatischer. Der Belgier ist zwar ein Genussmensch, aber das kann leider nicht verhindern, dass immer mehr unserer geliebten Restaurants unterzugehen drohen, so Gazet van Antwerpen.

Eine berechtigte und knallharte Analyse

Verschiedene Zeitungen kommentieren die Entscheidung der EU-Kommission, den sogenannten Stabilitäts- und Wachstumspakt erst 2024 wieder vollständig in Kraft zu setzen beziehungsweise die budgettechnischen Empfehlungen der Kommission an Belgien. Durch die Aussetzung der strengen Schuldenregeln gewinnt die Föderalregierung eine Verschnaufpause von einem Jahr, schreibt Het Nieuwsblad. Ein Jahr, um ihren Haushalt mehr oder weniger in Ordnung zu bekommen.

Dieser Aufschub ist dann aber auch so gut wie der einzige Lichtblick in der ansonsten knallharten Analyse des Zustands der belgischen Staatskasse. Denn eigentlich könnte man die Schlussfolgerungen so zusammenfassen: Ohne Corona-Krise und Ukraine-Krieg würde Belgien jetzt auf der Anklagebank sitzen. Der Staat ist bei seinen Ausgaben viel zu großzügig, das ist die Kernaussage.

Europa gibt uns mit dem Aufschub auch eine Warnung: Es muss eingegriffen werden – und zwar jetzt! Außerdem gibt es auch nicht wirklich ein Jahr Verschnaufen: Was nicht dieses Jahr passiert, wird gar nicht mehr passieren. Denn in einem Vor-Wahljahr werden sicher keine unangenehmen Entscheidungen mehr getroffen werden, warnt Het Nieuwsblad.

Zu Recht weist die Kommission Belgien darauf hin, dass die Grenze ungezügelter Krisen-Notfall-Haushalte langsam, aber sicher erreicht ist, findet De Morgen. Es ist auch zu Recht, dass die Kommission Alarm schlägt und Reformen in diversen Bereichen fordert. Die Kommission hat auch viel besser als die nationale Politik erkannt, dass man die Schuld nicht der einen oder anderen Regierung geben kann. Vielmehr ist das Versagen in puncto Haushalt kollektiv. Leider ist es aber viel einfacher, diese Diagnose zu stellen, als das Problem zu lösen. Denn eigentlich ist der Bericht der EU-Kommission vor allem eine unmissverständliche Aufforderung an Belgien, seine Kräfte zu bündeln – und das in einer Zeit so großer politischer Zersplitterung, seufzt De Morgen.

Treffen mit angeschlagenen Überzeugungen

De Standaard greift die Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Davos auf: Das erste physische Treffen nach der Pandemie ist nicht sehr glanzvoll. Nicht nur, dass viele große Staatschefs gar nicht erst persönlich gekommen sind. Der Glauben, dass die Globalisierung der Weg ist zu mehr Wohlstand, Zusammenarbeit und Frieden hat durch Russlands Angriffskrieg einen ziemlichen Knacks bekommen. Die Vorstellung hat sich als Illusion erwiesen, dass Autokratien durch freien Handel zu freien Demokratien würden. Auch China wird immer repressiver und weltweit eifern dem autoritäre Führer nach. Hinzu kommen die gestörten Handelsströme, explodierende Preise für Nahrungsmittel, Energie und andere Rohstoffe. Gleichzeitig wird die Kluft zwischen Arm und Reich noch extremer.

Die Aufgabe von Davos ist sicher nicht, die Probleme der Welt zu lösen, dafür ist die Veranstaltung viel zu elitär, von Eigeninteressen durchzogen, mangelt es ihr an demokratischer Legitimität und ist der Glaube an die Macht des freien Handels zu naiv. Aber trotzdem hat das Treffen seinen Nutzen: Denn wenn rivalisierende Machtblöcke überhaupt keine gemeinsamen Interessen mehr haben, dann trägt das sicher nicht zur Sicherheit auf der Welt bei, meint De Standaard.

Statt des dringend notwendigen Dialogs herrscht auf der Welt weitgehend Funkstille zwischen Hauptstädten wie Washington, Peking, Brüssel oder Neu-Delhi, beklagt das GrenzEcho. Man mag von dem Gipfel in Davos halten, was man will. Wenn von dort Impulse kommen, die einen Dialog in Gang setzen, wäre eine Mission 2022 des Weltwirtschaftsforums erfüllt.

Drei Monate Krieg

Le Soir erinnert daran, dass heute vor genau drei Monaten der brutale Überfall Russlands auf die Ukraine begonnen hat: Das ist auch ein Krieg gegen den Westen, erinnert die Zeitung, Putin versucht, uns politisch, wirtschaftlich und auch psychologisch zu destabilisieren und zu spalten. Die Osteuropäer treibt die Angst vor einem russischen Sieg um, sie haben ihre eigene schmerzhafte Geschichte mit Moskau vor Augen. Aber auch die Westeuropäer sollten sich nicht in Sicherheit wähnen: Putins Russland vor den Toren der Union nach einer Kapitulation der Ukraine würde eine enorme Bedrohung unserer Demokratien darstellen, unterstreicht Le Soir.

Boris Schmidt