Die Presseschau von Montag, dem 16. Mai 2022

Auf den heutigen Titelseiten sieht man vor allem die Gewinner des Tages: den Club Brügge und das ukrainische Kalush Orchestra, das mit dem Song "Stefania" den Eurovision Song Contest gewann. Die Leitartikel beschäftigen sich außerdem auch mit den Plänen zum Nato-Beitritt von Finnland und Schweden.

ESC 2022 - Ukraine (Bild: Marco Bertorello/AFP)

Das Kalush Orchestra gewinnt den ESC 2022 (Bild: Marco Bertorello/AFP)

„Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten“, titelt Het Nieuwsblad. „Club Brügge macht alles klar gegen Antwerpen und feiert seinen Meistertitel“, schreibt Gazet van Antwerpen auf Seite eins. „Club Brügge schafft Titel-Hattrick“, so die Schlagzeile des GrenzEchos.

Mit einem Sieg gegen den FC Antwerpen hat sich Club Brügge vorab den Meistertitel gesichert, zum dritten Mal in Folge. „Und am Ende gewinnt Club Brügge“, bemerkt denn auch Het Laatste Nieuws. La Libre Belgique betrachtet das Ganze aus dem Blickwinkel des Verlierers: „Brügge beendet die wilden Titelträume der Union Saint-Gilloise.“ Aufsteiger Union hatte ja lange Zeit realistische Aussichten auf den Meistertitel, am Ende hat’s aber nicht ganz gereicht.

Ein historischer Eurovision Song Contest

Auf den Titelseiten sieht man aber auch noch andere Gewinner: „Historisch: Zum ersten Mal gewinnt ein Land im Krieg den Eurovision Song Contest“, schreibt Gazet van Antwerpen auf Seite eins. „Und noch nie gaben die Fernsehzuschauer mehr Punkte als jetzt an die Ukraine“, fügt Het Laatste Nieuws hinzu. Die Band Kalush Orchestra hat ja am Samstagabend in Turin den ESC gewonnen. Das ist „mehr als ein symbolischer Sieg für die Ukraine“, meint Het Nieuwsblad. Het Belang van Limburg ist deutlicher: „Mit einem Gesangswettbewerb zeigt Europa Russland den Mittelfinger.“

„Die Ukraine musste gewinnen“, ist Gazet van Antwerpen überzeugt. Eine Überraschung ist das Ergebnis jedenfalls nicht. Auf den ersten Blick mag das Fragen aufwerfen. Fragen wie zum Beispiel: „Wurde der Wettbewerb durch den Ukraine-Krieg gekapert?“ Und: „Ist das ein böses Omen für die Zukunft des Festivals, das doch eigentlich immer darauf bedacht war, die Politik außen vorzulassen?“. Machen wir uns nichts vor: In einem Wettbewerb, an dem über 50 Länder teilnehmen, ist es fast unmöglich, dass das immer ohne Politik abläuft. Und das gilt erst recht für ein so einschneidendes Ereignis wie den russischen Angriff auf die Ukraine. All die Emotionen, die damit einhergehen, ganz zu schweigen vom Leid der ukrainischen Zivilbevölkerung… So etwas kann man nicht aus einem europäischen Song Festival heraushalten. Man kann doch nicht so tun, als gäbe es keinen Krieg. Und das hat das Publikum mit seinem Votum deutlich gemacht. Der ESC hat bewiesen, dass er nicht weltfremd ist. Zum Glück!

Ein Symbol der Solidarität

Het Nieuwsblad sieht das genauso. Natürlich musste die Ukraine gewinnen. Alles andere wäre besorgniserregend gewesen – hätte es doch bedeutet, dass uns alle Perspektiven und alle Werte abhandengekommen sind. Die zwölf Punkte für die Ukraine sind ein schönes Symbol für die gestärkte europäische Einheit. Und ein Stinkefinger der Demokratie an die Adresse des Tyrannen auf der anderen Seite der Frontlinie. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist eine Zeitenwende und es wäre ein unglückliches Signal gewesen, wenn man das beim ESC nicht gemerkt hätte. Vergleichbar mit den angeblich „apolitischen“ Olympischen Spielen von 1936, die Hitler für seine internationale Propaganda missbrauchte. Deswegen: Es wäre viel schlimmer gewesen, wenn die Ukraine nicht gewonnen hätte.

„Alles kann politisch werden“, glaubt auch Le Soir. Meist ist der ESC so etwas wie das lächerliche Hochamt des Kitschs. Diesmal wurde der Wettbewerb zu einem Symbol der Solidarität. „Wir sehen uns nächstes Jahr in Mariupol!“. Niemand glaubt dieses Versprechen des ukrainischen Präsidenten, Wolodymyr Selenskyj. Wichtig war aber an diesem Wochenende einfach nur die Tatsache, dass er diese Einladung in den Raum stellen konnte. Die Botschaft lautet nämlich: „Wir sind nicht tot.“

Ein klassisches Eigentor

Apropos: Eine Folge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist ja auch, dass sich die Nato bald vergrößert. „Finnland und Schweden stehen an der Schwelle zur Nato, eine historische Wende“, titelt La Libre Belgique. „Historischer Tag für Finnland und die Nato“, notiert das GrenzEcho.

De Standaard ist nicht ganz so begeistert angesichts der Aussicht, dass Finnland und bald wohl auch Schweden der Nato jetzt beitreten werden. „Ist das wirklich der richtige Zeitpunkt? Und muss das so schnell gehen?“, fragt sich das Blatt. „Ist das nicht die Provokation zu viel?“ Natürlich ist es das gute Recht von Finnland und Schweden, selbst zu entscheiden, dass sie jetzt doch nach Jahrzehnten der Neutralität der Nordatlantischen Verteidigungsallianz beitreten wollen. Sie suchen Schutz vor dem aggressiven Nachbarn. Aber werden sie dadurch nicht das Gegenteil erreichen? Wir dürfen nämlich nicht vergessen, dass Russland auch über Atomwaffen verfügt. Was ist, wenn Putin auf den Knopf drückt? Dann kann auch die Nato keinen Schutz mehr bieten. Natürlich darf man den Erpressungsversuchen des Kremls nicht nachgeben. Russland allzu sehr in die Enge zu treiben, kann aber schreckliche Folgen haben.

Putin muss nur in den Spiegel schauen, glaubt demgegenüber La Libre Belgique. Jedes Land – ob nun die Ukraine, Finnland oder Schweden – hat das Recht, seine eigenen geostrategischen Weichenstellungen vorzunehmen. Und jeder Organisation steht es frei, neue Mitglieder aufzunehmen. Putin-Versteher rechtfertigen oft den russischen Angriffskrieg mit der angeblich rücksichtslosen Osterweiterung der Nato. Erstens: Niemand hat diese Länder dazu gezwungen, dem Bündnis beizutreten. Und zweitens: Das rechtfertigt gar nichts und bestimmt keinen Angriffskrieg gegen ein souveränes und unabhängiges Land. Und wenn es heute EINEN Aggressor auf dem alten Kontinent gibt, dann ist das Russland. Durch seine Militäraktionen und seine martialischen Drohungen hat Wladimir Putin in hohem Maße zur von ihm so gehassten Nato-Osterweiterung beigetragen. Ein klassisches Eigentor.

Roger Pint