Die Presseschau von Montag, dem 9. Mai 2022

Gefühlt die ganze Welt blickt heute bang nach Moskau. Dort wird der russische Machthaber Wladimir Putin anlässlich der Feier des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland eine Rede halten. Der mögliche Inhalt dieser Rede und ihre potenziellen Folgen für den Ukraine-Krieg beschäftigen auch einen Großteil der Leitartikel.

Russlands Präsident Putin (Bild: Sergei Guneyev/Sputnik/AFP)

Russlands Präsident Putin (Bild: Sergei Guneyev/Sputnik/AFP)

„Die ganze Welt schaut heute um 9 Uhr nach Moskau“, schreibt Het Nieuwsblad. „Was wird Putin den Russen (und der Welt) auf der ‚Feier des Sieges über die Nazis‘ erzählen?“, fragt De Morgen. „Westen schaut mit Argusaugen auf die 9.-Mai-Rede: Putin will der Welt Angst machen“, titelt Het Laatste Nieuws. „77 Jahre nach dem Weltkrieg: Gedenken im Schatten des Ukraine-Krieges“, so das GrenzEcho.

Der russische Präsident Wladimir Putin wird heute eine Rede halten, die den Verlauf des Krieges in der Ukraine verändern könnte, kommentiert De Morgen. Er wird diesen 9. Mai missbrauchen, den Tag, an dem Russland normalerweise des Sieges im Zweiten Weltkrieg über die Nazis gedenkt, um seine blutige Offensive zu rechtfertigen. Es ist leider sehr wahrscheinlich, dass die Russen und wir heute mit Hasspropaganda gegen die Ukraine und die Nato überschüttet werden. Erwarten Sie Verweise auf das atomare Arsenal Russlands als Warnung an die Nato.

Entscheidend wird auch die Frage sein, ob Putin durch eine erste offizielle Benutzung des Wortes „Krieg“ – statt der bisherigen „Spezialoperation“ – den Weg ebnen wird für die Generalmobilmachung von Reservisten und Bürgern. Sollte Putin sich dafür entscheiden, so wäre das ein fataler Fehler. Denn er würde damit erneut zahlreiche junge Russen zum sicheren Tod in den Schützengräben des Donbass verurteilen. Die Chance ist sehr klein, dass junge Menschen in Russland heute konfrontiert werden mit Bildern der Tausenden ihrer Altersgenossen, die in der Ukraine bereits gestorben sind. Jede Form des Protestes gegen das ukrainische Blutbad wird vom Regime hart unterdrückt werden.

Wenn wir eines Tages wieder Frieden auf dem europäischen Kontinent haben wollen, dann müssen wir mehr tun, um zu diesen jungen Russen durchzudringen und Dissidenten zu unterstützen, die den Krieg mit dem ukrainischen Brudervolk beenden wollen. Eine Diktatur wie die Putins kann nicht rein militärisch besiegt werden, das kann nur von innen heraus geschehen, ist De Morgen überzeugt.

Militärischen Druck aufrechterhalten

Einige Analysten erwarten eine offizielle Kriegserklärung oder die Generalmobilmachung, hält Het Belang van Limburg fest. Aber beide Szenarien sind für Putin nicht ohne Risiko, denn sie wären ein Eingeständnis, dass seine „Spezialoperation“ nicht nach Plan verläuft. Aber egal, was Putin heute auch verkündet, Zehntausende von Wehrpflichtigen auszubilden kostet Zeit und vor allem auch Mittel. Ein großer Teil des modernen russischen Kriegsgeräts steht ausgebrannt in der Ukraine. Diese Verluste auszugleichen wird Zeit brauchen. Zeit, die zugunsten der Ukraine spielt, die derweil die massive Unterstützung des Westens einsetzen kann.

Deshalb dürfen wir auch nicht – egal, wie schlimm dieser Krieg auch ist – mit den Waffenlieferungen aufhören, wie es naive Friedenstauben hier und da fordern. Nur durch militärischen Druck kann Putin an den Verhandlungstisch gezwungen werden. Und dann zu unseren Bedingungen und nicht zu seinen, so Het Belang van Limburg.

Das letzte Überbleibsel der UdSSR?

Der russische Nationalfeiertag ist der 12. Juni, erinnert L’Avenir. Der Tag also, an dem Russland seine staatliche Souveränität und damit Emanzipation von der sowjetischen Ideologie erklärt hat. Seit 2002 wird dieser Tag auch offiziell als „Tag Russlands“ bezeichnet. Die Wirklichkeit aber ist, dass der echte Nationalfeiertag für Putin und für viele Russen der 9. Mai geblieben ist.

Zum 60. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland 2005 kamen noch 50 Staats- und Regierungschefs nach Moskau, darunter viele westliche. 2015, nach der Annexion der Krim, waren es noch 30, darunter kaum welche aus dem Westen. Heute wird Putin alleine auf der Tribüne stehen. Ist vielleicht Putin selbst mittlerweile das letzte Überbleibsel der Sowjetunion?, fragt sich L’Avenir.

Aufeinanderprallen der Jahrestage und Symbole

Der heutige 9. Mai ist ein Aufeinanderprallen der Jahrestage und der Symbole, unterstreicht La Libre Belgique: Am 9. Mai feiern die Europäer am Europatag dieses beispiellose Konstrukt, das seit 70 Jahren besteht und seinen Mitgliedern erlaubt, in Frieden zu leben. Die Russen holen am 9. Mai ihre Panzer und neuesten Waffen heraus, um den Heroismus der Soldaten zu verherrlichen und das Ende des Großen Vaterländischen Krieges zu markieren. Die einen streben nach einer friedlichen Zukunft, die anderen tauchen wieder tief ein in das vergossene Blut der Vergangenheit. Die einen fördern die Demokratie, die Menschenrechte und die Freiheiten, die anderen streben danach, zu zerstören und zu unterdrücken. Die Europäer müssen an diesem 9. Mai 2022 alles daransetzen, um mit Mut, Menschlichkeit und Kreativität die Ukrainer in der Union zu verankern. Und alle die zu unterstützen, selbst innerhalb Russlands, die sich diesem Krieg widersetzen und sich dafür engagieren, dass die Waffen schweigen, meint La Libre Belgique.

Das GrenzEcho wünscht sich, dass die Welt Russland nach einem Ende des Ukraine-Krieges wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt: Auch 1945 haben sich am Ende bei den Alliierten die besonnenen Köpfe durchgesetzt und den Deutschen und Deutschland, trotz aller Gräueltaten des verbrecherischen Nazi-Regimes, eine Rückkehr in die Gemeinschaft der Völker ermöglicht. Deutschland hat sich dafür radikal verändert. Auch in Russland wünschen sich viele eine Zukunft in Freiheit und Wohlstand. Ob dieser Weg eingeschlagen wird, ist aktuell genauso schwer zu beantworten wie die Frage, wann und wie der Krieg in der Ukraine enden wird. Wie auch immer, man wird die Russen mitnehmen müssen: indem man ihnen Respekt entgegenbringt, selbst nach dem, was jetzt in der Ukraine geschieht, fordert das GrenzEcho.

Boris Schmidt