Die Presseschau von Mittwoch, dem 24. November 2021

Die Zeitungen beschäftigen sich heute mit der alarmierenden Lage an der Corona-Front. Sie verurteilen in diesem Zusammenhang politische Manöver und appellieren an den allgemeinen Bürgersinn. Vor allem in Flandern werden auch verheerende Missstände bei DPD und PostNL thematisiert.

Pflegepersonal der Intensivstation im Imelda-Krankenhaus in Bonheiden (Archivbild: Dirk Waem/Belga)

Illustrationsbild: Dirk Waem/Belga

„Keine Besserung in Sicht“, titelt alarmiert Het Nieuwsblad. Die Kurven weisen weiterhin in die falsche Richtung, alle wichtigen Corona-Zahlen steigen unaufhörlich weiter. „Und das eine Woche, nachdem die neuen Maßnahmen beschlossen wurden“, beklagt Het Nieuwsblad. Noch nie waren so viele Kitas geschlossen, immer mehr Veranstaltungen werden annulliert, sogar die Audi-Fabrik in Forest musste stillgelegt werden.

„Inzwischen befürchte ich doch einen Lockdown“, sagt der Virologe Marc Van Ranst auf Seite eins von De Morgen. „Wir warnen und warnen und warnen, aber die Politik wollte bislang nicht entschlossen durchgreifen“, beklagt Van Ranst. „Wahrscheinlich haben wir bald keine andere Wahl mehr, als die Notbremse zu ziehen“. „Kommt ein neuer Lockdown?“, fragt sich auch De Standaard. „Einige Provinzgouverneure plädieren jedenfalls für neue, landesweite Verschärfungen“, schreibt das Blatt. Eine Gouverneurin hat schon mal damit begonnen: „Einen ganzen Monat lang keine Feiern mehr“, schreibt Het Laatste Nieuws auf Seite eins. Das hat die Gouverneurin von Ostflandern, Carina Van Cauter, beschlossen. Alle großen Feste, die nicht von Profis organisiert werden, sind für vier Wochen verboten.

Reine Wissenschaft mit überschaubarem Bewegungsspielraum

„Der Mangel an Entschlossenheit und Tatkraft kommt in diesen Tagen wie ein Bumerang zurück“, schimpft De Standaard in einem wütenden Leitartikel. Die Zahlen gehen durch die Decke. Sie sind schlechter, als die pessimistischsten Prognosen es für möglich gehalten hätten. Jetzt ziehen schon die ersten Provinzen die Schrauben fester an, als es die Regierungen des Landes für nötig hielten. Das wissenschaftliche Beratergremium Gems hatte schon letzte Woche lediglich das strikte Minimum an Maßnahmen auf den Tisch gelegt. Und auch das wurde noch vom Konzertierungsausschuss unterboten. In anderen Ländern hingegen haben die Behörden hart durchgegriffen. Dort wurde auf die Wissenschaftler gehört, hat man nicht nach parteipolitischen Gesichtspunkten entschieden oder im Interesse von Lobbygruppen, sondern nur im Sinne der Volksgesundheit. Das hätte man in Belgien auch machen sollen. Aber stattdessen haben wir das Gegenteil bekommen. Der Kampf gegen die Pandemie ist kein politisches Projekt, das man nach ideologischen Gesichtspunkten gestalten kann. Es ist reine Wissenschaft mit einem sehr überschaubaren Bewegungsspielraum. Das hätte man nach 21 Monaten eigentlich wissen können.

Gesucht: Booster-Impfung für Bürgersinn

„Wir brauchen jetzt eine Booster-Impfung für Bürgersinn“, mahnt Het Nieuwsblad. Das Infektionsgeschehen rast wie ein Schnellzug durch das Land und das fordert seinen Tribut. Das schlimmstmögliche Szenario für die Krankenhäuser ist nicht mehr auszuschließen. Und wie schon bei den vorangegangenen Wellen regiert jetzt wieder die Panik. Es reicht aber nicht mehr, rechts und links ein paar Sandsäckchen zu platzieren, wenn man mit einer Flutwelle konfrontiert ist. Klar: Die Menschen haben es satt, haben das Gefühl, dass es jetzt genug sein muss mit Einschränkungen. Nur sind Kontaktbeschränkungen nun mal weiterhin die schnellste Lösung. Dafür muss die Politik jetzt den Weg ebnen, die entsprechende Motivation anfachen!

Genau in diesem Bereich haben die Regierungen des Landes aber in letzter Zeit eine schlechte Figur gemacht, findet La Libre Belgique. Die Kommunikation ließ einfach zu wünschen übrig, es mangelte an Pädagogik. Und damit hat man letztlich ein Klima des Misstrauens geschürt. Wenn etwa der Premierminister erklärt, dass wir hier eine Epidemie der Ungeimpften sehen, dann ist das natürlich nicht ganz falsch, aber dann blendet er Nuancen aus. Denn was sehen wir jetzt? Dass eben auch die Impfungen nicht zu Hundert Prozent schützen, was ja auch nie behauptet wurde. Solche Unsauberkeiten sind nur kontraproduktiv. Hinzu kommt dann nochmal, dass die Maßnahmen nicht konsequent genug durchgesetzt werden, was ein Gefühl von Ungerechtigkeit erzeugt. All das schadet der Akzeptanz. Und das sorgt für eine weitere Polarisierung.

Gefährliche Polarisierung spaltet weiter die Gesellschaft

„Die Polarisierung nimmt bedrohlich zu“, warnt auch L’Avenir. Bester Beweis ist die Demo vom vergangenen Sonntag. Der Graben zwischen Geimpften und Ungeimpften wird immer tiefer. Und der Fall des wallonischen Arztes, der 2.000 Impfnachweise gefälscht hat, ist wohl nur ein weiteres Symptom.

Auch das GrenzEcho warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft. Beide Lager stehen sich immer unversöhnlicher gegenüber. Wir befinden uns auf einer gefährlichen Abwärtsspirale. Die Pandemie und die neuerliche Panik, die sich allenthalben breit macht, rechtfertigen aber in keiner Weise die Errichtung einer Zweiklassengesellschaft. Warum etwa sollte ein Ungeimpfter, der ein Bett auf einer Intensivstation braucht, weniger Anrecht darauf haben als jeder andere? Ein nächster Schritt könnte sein, Menschen, die ihr Leben lang ungesund gelebt und sämtliche ärztliche Ratschläge in den Wind geschlagen haben, von gewissen ärztlichen Dienstleistungen auszuschließen.

Riesiger Luxus, hoher Preis für Arbeiter

Einige flämische Zeitungen beschäftigen sich ihrerseits mit dem Skandal, der derzeit die Paketzusteller-Branche erschüttert. Bei den Unternehmen PostNL und DPD sind haarsträubende Missstände ans Licht gekommen.

Het Belang van Limburg fasst es in seinem Leitartikel mit einem Wort zusammen: Sklavenarbeit! Die ganze Bandbreite hat man da gesehen: Schwarzarbeit, Beschäftigung illegaler Einwanderer und sogar Minderjähriger – das Ganze für einen Hungerlohn bei einem höllischen Arbeitspensum. Hier muss der Staat dringend durchgreifen!

Das ist der Fluch der Gratiszustellung von Internetkäufen, meint De Morgen. Hier zeigt sich die sogenannte New Economy von ihrer hässlichen Seite. Die „bestell-schnell“-Wirtschaft ist offensichtlich vor allem ein Segen für die Unternehmen, die am geschicktesten die Sozialgesetze umschiffen. Auch für uns Verbraucher muss jetzt ein Lernprozess einsetzen: Dass eine Bestellung schon am nächsten Tag eintrifft, ist ein riesiger Luxus. Nun, wir müssen einsehen, dass Luxus nun mal selten gratis ist.

Roger Pint