Die Presseschau von Freitag, dem 30. Juli

Auf den Titelseiten sieht man viele Bilder von belgischen Olympiahoffnungen, vor allem von der wallonischen Leichtathletin Nafi Thiam. Weiterhin betreiben die Leitartikler Ursachenforschung zur Flutkatastrophe. Auch die Verantwortung des Roten Kreuzes und Katastrophenschutz sind wichtige Themen.

Nafi Thiam (Bild: Jasper Jacobs/Belga)

Nafi Thiam (Bild: Jasper Jacobs/Belga)

„Bereit für eine Medaille am Sonntag“, so die Schlagzeile auf Seite eins von Het Belang van Limburg und auch Het Laatste Nieuws. Zu sehen ist die Turnerin Nina Derwael. Die 21-Jährige ist am Donnerstag im Mehrkampf-Finale Sechste geworden. An diesem Sonntag steht aber ihre Parade-Disziplin auf dem Programm: der Stufenbarren. Hier gehört Nina Derwael zum engeren Kreis der Favoritinnen.

Medaillenhoffnung Nafi Thiam empfindet keinen Druck

„Aber wo bleiben die Wallonen?“, fragt herausfordernd Gazet van Antwerpen. Die Zeitung kann nur feststellen, dass fast alle belgischen Olympia-Medaillen von flämischen Athleten errungen werden. Apropos: Auf vielen Titelseiten sieht man jedoch eine wallonische Medaillenhoffnung, nämlich die Leichtathletin Nafissatou Thiam.

„Der Druck, der auf den Sportlerinnen und Sportlern lastet, ist mitunter enorm“, sagt die 26-jährige Thiam auf Seite eins von L’Avenir. „Und was mit Simone Biles passiert, das macht jeden Athleten betroffen“, fügt sie in De Standaard hinzu. Die Rede ist von der amerikanischen Turnerin, die sich aus den Wettbewerben zurückgezogen hat, weil sie dem Druck nicht mehr standhalten konnte. „Sie persönlich empfinde aber keinen Druck“, versichert Nafi Thiam auf der Titelseite von De Morgen.

Die Entscheidung der amerikanischen Turnerin Simone Biles, das ist ein bemerkenswertes Ereignis, beurteilt Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel. Und das nicht nur, weil sie so offen über ihre psychischen Probleme redet, sondern auch, weil sie dafür so schnell, so viel Unterstützung erfahren hat.

Die Olympischen Spiele sind ein Spiegel der Gesellschaft. Und überall sehen wir Bestrebungen, das Thema geistige Gesundheit aus der Tabuzone herauszuholen. Und das ist gut so. Wir sind vielleicht noch nicht so weit, dass über mentale Probleme so selbstverständlich gesprochen werden kann wie über ein gebrochenes Bein. Aber es geht in die richtige Richtung.

Flutkatastrophe – Ursachenforschung geht weiter

Viele Zeitungen blicken auch wieder in die Katastrophengebiete, die von den Überschwemmungen vor zwei Wochen betroffen waren. Le Soir empfiehlt in seinem Leitartikel ein entschlosseneres Management der bekannten Überschwemmungsgebiete. Es gab bereits eine Hochwassergefahrenkarte, die also besonders gefährdete Gebiete als rote Zone kennzeichnete. Das Problem ist nur, dass das nicht konsequent genug umgesetzt wurde. Da sind auch die Bürgermeister nicht ganz unschuldig, die unter anderem auch Druck machten, um zu verhindern, dass gewisse Gebiete zu roten Zonen erklärt wurden. Wir müssen uns dessen bewusst werden, dass diese Flutkatastrophe auch eine Folge der fortschreitenden Urbanisierung ist.

Das Grenzecho konzentriert sich seinerseits weiter auf die Ursachenforschung. Natürlich ist man im Nachhinein immer schlauer; das gilt auch in diesem Fall. Nichtsdestotrotz: Es lagen ausreichend Informationen vor, sodass man die Faktenlage auch anders hätte beurteilen und andere Entscheidungen hätte fällen können. Auch wird zu bewerten sein, wie die Koordination der Dienste und wie die Kommunikation Richtung Gemeinden und Richtung Bürger verlief. Eine weitere Frage: Wo liegt die operative und die politische Verantwortung für die Geschehnisse?

La Libre Belgique denkt an die Opfer und an den Wiederaufbau. Die Wallonie muss sich jetzt wieder aufrichten. Moralisch wird das schwierig, materiell umso mehr. Tausende von Familien müssen untergebracht werden. Eine logistische, soziale und budgetäre Herausforderung ohne Beispiel. Zum Glück gibt es diesen unglaublichen Elan der Solidarität. Hier steht nur zu hoffen, dass sich der nicht am Ende als ein simpler Tsunami erweist: Also eine unglaublich starke und intensive Welle, die aber extrem schnell abebbt. Die Opfer werden aber noch lange Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen.

Belgien braucht eine Agentur für Krisenmanagement

„Lasst uns nicht auf die freiwilligen Helfer einprügeln!“, mahnt indes La Dernière Heure. Der Bürgermeister von Pepinster hat am Donnerstag außergewöhnlich scharfe Kritik an der Arbeit des Roten Kreuzes geübt. Die Organisation sei so gut wie unsichtbar. Da stellt sich allerdings die Frage, ob man dem Roten Kreuz hier nicht eine zu große Last auf die Schultern legt. Ist die Organisation wirklich für diese Aufgabe qualifiziert? Oder anders gefragt: Wo ist der Staat? Das Rote Kreuz sollte in diesem Drama nicht zum Buhmann werden und die Freiwilligen Helfer noch viel weniger.

De Morgen plädiert in diesem Zusammenhang für die Schaffung eines föderalen Koordinationszentrums. Man kann jedenfalls nur feststellen, dass die Nothilfe während der Katastrophe chaotisch verlaufen ist. Natürlich haben die Rettungskräfte vor Ort alles gegeben. Es mangelte nicht an menschlichem Engagement, sondern vielmehr an Koordination und materiellen Mitteln. Schuld sind allein die Sparmaßnahmen im Katastrophenschutz.

Klimaforscher und Meteorologen warnen davor, dass sich solche Katastrophen in Zukunft häufen werden. Vor diesem Hintergrund wären die belgischen Behörden gut beraten, eine nationale Agentur für das Krisenmanagement ins Leben zu rufen. Nach dem Vorbild der amerikanischen FEMA. Es ist herzerwärmend zu sehen, wie viele Freiwillige Helfer dieses Land mobilisieren kann. Was diese Menschen jetzt noch brauchen, das ist ein bärenstarkes Krisenteam, das ihr Engagement in Bahnen lenken kann.

Roger Pint