Die Presseschau von Mittwoch, dem 28. Juli

Bei der Impfkampagne gegen Corona ist Belgien nach Meinung der Zeitungen auf einem guten Weg. Das rettende Ufer ist aber noch nicht erreicht. Die Folgen der Hochwasserkatastrophe, Zahlen aus dem Finanzministerium und eine Anhörung in Washington sind andere Themen.

Impfzentrum in Brüssel (Bild: Benoit Doppagne/Belga)

Impfzentrum in Brüssel (Archivbild: Benoit Doppagne/Belga)

„Impfkampagne gerät bei städtischer Jugend ins Stottern“, titelt De Morgen. „Impfzentren bereiten sich auf ihre Schließung vor“, heißt es bei Het Belang van Limburg auf Seite eins. „Experten setzen auf Schulstart ohne Masken“, so die Schlagzeile bei Het Nieuwsblad.

Die neuesten Zahlen rund um Covid-19, die gestern veröffentlicht worden sind, sorgen für gleich mehrere Aufmacher und Leitartikeln in den Zeitungen. Die Wirtschaftszeitung L’Echo stellt fest: Die Impfkampagne in Europa und besonders in Belgien ist ein voller Erfolg. 70 Prozent der erwachsenen Europäer sind bereits mindestens einmal gegen Covid geimpft. In Belgien sind es sogar 83,1 Prozent.

Das sind beeindruckende Zahlen, die man so nicht erwartet hätte zu Beginn des Jahres. Zwar ist es noch zu früh zum Jubeln, denn das Virus verbreitet sich weiter. Doch mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf muss jetzt langsam der Weg in die Normalität wiedergefunden werden. Und eins ist sicher: In Belgien darf es nicht noch einmal zu einem Lockdown kommen durch den das soziale Leben der Menschen eingefroren und die Wirtschaft gelähmt wird, schließt L’Echo.

Sorge bei Blick auf die Zukunft

Auch De Standaard findet: Alle Zeichen stehen auf Entspannung in Sachen Covid. Die Impfungen zeigen ihre Wirkung. Und selbst in den jüngsten Hotspot-Ländern Niederlande und Großbritannien gehen die Zahlen der Neuinfektionen wieder zurück. Der Internationale Währungsfonds prophezeit daher erneut Wachstum für die großen Nationen. Das ist eine gute Meldung. Aber auch eine Meldung, die Sorge bereitet. Denn vom Wirtschaftswachstum werden sehr wahrscheinlich die Länder und Regionen profitieren, die Covid jetzt so langsam in den Griff bekommen. Das sind die reichen Länder dieser Erde.

Die armen Länder hinken bei der Impfkampagne noch weit hinterher. Sie werden die Verlierer der Corona-Pandemie sein. Mit Blick auf die Zukunft und Themen wie Migration und Klimawandel verheißt das wenig Gutes, sorgt sich De Standaard.

De Morgen findet: Belgien und Flandern haben in Bezug auf die Covid-Impfkampagne eine vorbildliche Leistung vollbracht. Bei den Olympischen Spielen wäre dafür eine Medaille fällig; doch wie jede Medaille hat auch diese zwei Seiten: Die eine, die glänzt, die andere, die im Schatten liegt. In Bezug auf Belgien bilden die jungen Menschen die Schattenseite. Sie sind nicht so eifrig dabei, sich impfen zu lassen.

Natürlich ist es problematisch, jemanden zum Impfen zu verpflichten. Aber durch den Widerstand der jungen Menschen wird Covid auch bei uns ein Problem bleiben. Was kann man dagegen tun? Eine Möglichkeit wäre, die Covid-Impfkampagne in die Schulen zu verlagern. Dort werden auch andere Impfungen durchgeführt. Das wäre immerhin besser, als geimpften Bürgern Freiheitsrechte zu gewähren, die nicht-geimpften Bürgern verwehrt bleiben, meint De Morgen.

Brüssel als Problem

Het Laatste Nieuws sieht das Problem bei der wenig vorhandenen Impfbereitschaft vor allem in der Hauptstadt-Region Brüssel: Vor genau einem Jahr wurde in der Provinz Antwerpen ein harter Lockdown erschlossen. Damals wurden 914 Neuinfektionen in einer Woche gezählt. In Brüssel sind es zurzeit 1.679 Neuinfektionen pro Woche. Und nichts Vergleichbares wie in Antwerpen damals geschieht. Ganz im Gegenteil: Auch in Brüssel tut man so, als ob Covid fast schon besiegt wäre, als ob die hohe Impfquote auch in der Hauptstadt gelte. Das ist leichtsinnig. Es bleibt unverständlich, warum niemand in Brüssel gegen diesen Missstand etwas tut, ärgert sich Het Laatste Nieuws.

Zu den Folgen der Hochwasserkatastrophe kommentiert L’Avenir: Wer hätte gedacht, dass in einem so reichen Land wie Belgien so etwas möglich ist? 15.000 Menschen verlieren von heute auf morgen das Dach über dem Kopf. Diesen Menschen eine neue Bleibe zu verschaffen, und sei es auch nur vorübergehend, benötigt Zeit.

Die linksradikale PTB versucht daraus Profit zu schlagen. Sie will wörtlich Spezialeinheiten aussenden, um nicht genutzten leerstehenden Wohnraum ausfindig zu machen. Dort könnten die Hochwasseropfer ja untergebracht werden.

Dieses Gepolter ist fast schon zynisch. Denn die PTB weiß ganz genau, dass die wallonische Regierung bereits seit dem Frühjahr das Thema leerstehenden Wohnraum angegangen ist. Und außerdem haben viele Besitzer dieses leerstehenden Wohnraums nicht erst auf die Spezialeinheiten der PTB gewartet, sondern ihren Wohnraum schon jetzt zur Verfügung gestellt, betont L’Avenir.

Immer mehr Denunzianten

Die beiden Wirtschaftszeitungen De Tijd und L’Echo vermelden einen neuen Rekord für Belgien. Im vergangenen Jahr haben so viele Bürger wie noch nie andere Bürger beim Finanzamt wegen angeblicher Steuerhinterziehung angezeigt. 3.500 Denunzierungen gingen beim Fiskus ein. Die Zahlen beruhen auf Angaben des föderalen Finanzministers.

La Libre Belgique schaut nach Washington, wo gestern die Anhörungen zur Stürmung des Kapitols am 6. Januar begonnen haben. Die Zeitung beklagt den Boykott der Anhörung durch die Republikaner und begründet: Der Sturm des Kapitols ist ebenso dramatisch wie die Attentate des 11. Septembers. Damals kam der Feind von außen. Dieses Mal handelt es sich um Terrorismus von innen. Der aber ist genauso fanatisch. Die Republikaner täten gut daran, das endlich zu erkennen, mahnt La Libre Belgique.

Kay Wagner