Die Presseschau von Dienstag, dem 1. Juni 2021

Auch heute machen die Zeitungen mit König Fußball auf. Sie heben unter anderem auch den Einfluss der Roten Teufel und der Impfkampagne auf den Gemütszustand der Belgier hervor. Auf der wirtschaftlichen Ebene gilt es derweil, ein schwieriges Gleichgewicht zu finden. Schließlich sorgt die schockierende Aussage des Vlaams Belang-Vorsitzenden Tom Van Grieken weiter für Diskussionen.

Eden Hazard (Bild: Glyn Kirk/AFP)

"Ich bin nicht weit von meinem besten Niveau", sagt Eden Hazard auf Seite eins von Le Soir (Bild: Glyn Kirk/AFP)

„Dries Mertens nimmt Abschied von seiner Frau und seinem Hund“, so die Schlagzeile von Het Laatste Nieuws. „Hoffentlich nicht bis gleich“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. „Ist es ein Abschied für 40 Tage?“, fragt sich Gazet van Antwerpen.

In den Zeitungen steigt sichtbar das EM-Fieber. Auf vielen Titelseiten sieht man ein Foto, das Dries Mertens zeigt, wie er sich von seiner Frau verabschiedet. Und es ist so: Je länger die beiden sich nicht sehen, desto weiter ist Belgien bei der EM gekommen. Wenn die Roten Teufel 40 Tage im Turnier waren, dann haben sie das Finale gespielt – und dann hoffentlich auch gewonnen.

„Ich werde bereit sein“, sagt derweil Kapitän und Mittelfeld-Star Eden Hazard auf Seite eins von La Dernière Heure. „Eden Hazard kann wieder lachen“, schreibt das GrenzEcho auf Seite eins. Denn nach einigen Verletzungen ist Hazard offensichtlich wieder fit. „Ich bin nicht weit von meinem besten Niveau“, sagt er auf Seite eins von Le Soir.

Der Mörtel, der Belgien zusammenhält

„Die Roten Teufel sind der Mörtel, der dieses Land zusammenhält“, meint La Dernière Heure in ihrem Leitartikel. Noch vor zehn Tagen war Belgien am Rande der kollektiven Depression. Seit die Sonne herausgekommen ist, können die Menschen wieder lachen. Die Terrassen sind voll, und das Ende des Corona-Tunnels scheint in Sicht zu sein. Und so nebensächlich es auch aussehen mag: Die Roten Teufel können dieses positive Grundgefühl noch verstärken. Mehr noch: Sie können dieses von Zentrifugalkräften geplagte Land zusammenschweißen, die Spannungen zwischen dem Norden und dem Süden zumindest für eine Zeit vergessen machen. Wenn Mertens, Hazard oder Lukaku ein Tor erzielen werden, dann wird das nämlich keine Flamen, Wallonen oder Brüsseler in Freudentaumel versetzen, sondern Belgier!

Vielen Dank!

Einige Zeitungen beschäftigen sich auch heute wieder mit der Impfkampagne. Ab jetzt wird nämlich landesweit noch mal ein Gang höher geschaltet. Het Laatste Nieuws veranschaulicht das in einer Schlagzeile: „Jede Sekunde bekommt ein Flame eine Impfung verabreicht“, schreibt das Blatt.

„Vielen Dank!“, meint Het Laatste Nieuws anerkennend in seinem Leitartikel. Vielen Dank an all die Freiwilligen, die das möglich machen, die der Motor hinter dieser Impfkampagne sind. Vielen Dank etwa an die Helden, die – mit orangen Flaggen bewaffnet – den Verkehr auf den Parkplätzen der Impfzentren regeln. Wer schon in einem Impfzentrum war, der spürt den Enthusiasmus dieser Menschen. Aber auch das Glück derer, die endlich die lang ersehnte Spritze bekommen. Viele von ihnen müssen gar nicht viel sagen, um zu zeigen, wie wichtig dieser Moment für sie ist. Natürlich herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Natürlich gibt es immer noch Kritikpunkte. Nichts desto trotz sollte man all das auch mal zu würdigen wissen.

Die Freiheit mit Vorsicht genießen

„Die Freiheit winkt“, meint auch sinngemäß Le Soir. Man braucht sich nur umzuschauen: Überall sieht man Menschen, die einfach nur den Moment genießen, es sich gut gehen lassen wollen. Auf einer Terrasse, bald im Kino, im Theater, im Restaurant. Natürlich ist das total nachvollziehbar. Nur gibt es leider doch ein Aber. Denn diese Freiheit ist immer noch im wahrsten Sinne des Wortes mit Vorsicht zu genießen. Erstens hat das Virus vielleicht doch noch nicht sein letztes Wort gesprochen. Und zweitens ist die Impfabdeckung immer noch weit von der Quote entfernt, die für eine sogenannte Herdenimmunität nötig wäre. Entsprechend sind wir jetzt gefragt. In den nächsten rund drei Monaten werden wir mit unserer Verantwortung konfrontiert. Jetzt sind wir die wichtigsten Garanten für unsere eigene Sicherheit und die der anderen. Ein Teil unseres Schicksals liegt jetzt in unseren hoffentlich desinfizierten Händen.

Widerstandsfähigere Wirtschaft und Inflationsgespenst

De Tijd und L’Echo sehen auf Seite eins schon deutliche Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung. „Der Fiskus erntet die Früchte der ökonomischen Wiederbelebung“, schreibt De Tijd. Das Steueraufkommen war im ersten Quartal sogar höher als im Vergleichszeitraum 2019, also vor der Corona-Krise.

Aber auch von dieser guten Neuigkeit sollte man sich nicht blenden lassen, warnt De Tijd in ihrem Leitartikel. Klar, auf der einen Seite erweist sich die Wirtschaft als widerstandsfähiger als erwartet. Die Schreckensvisionen haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Aber wenn wir die rosa Brille mal abnehmen, dann werden doch noch Corona-Spuren sichtbar. In vielen anderen Teilen der Welt ist die Lage nämlich wesentlich schlechter. Die Weltwirtschaft wird Jahre brauchen, um sich zu erholen. Außerdem geht das Inflationsgespenst um. Die Kunst wird darin bestehen, die staatlichen Unterstützungsleistungen vorsichtig zurückzufahren, damit sich die Wirtschaft auf ein gesundes Gleichgewicht einpendeln kann.

Vergiftete politische Debatte

Einige flämische Zeitungen beschäftigen sich auch heute noch mit den Aussagen von Tom Van Grieken, dem Vorsitzenden des rechtsextremen Vlaams Belang. Der hatte ja in einem Zeitungsinterview erklärt, dass Flandern „dominant weiß“ sein sollte. Die Hautfarbe spielt für Van Grieken also doch eine Rolle, kritisiert sinngemäß Gazet van Antwerpen. Es gibt also Flamen und dann noch mal weiße Flamen. Wie muss sich das in den Ohren all der Menschen anhören, deren Haut nicht die gewünschte „dominante“ Farbe hat? Wie zum Beispiel die Siegerin von The Voice Flandern, die aus Sint-Niklaas kommt und kongolesische Wurzeln hat.

Het Belang van Limburg kann seinerseits nur feststellen, dass der Fall Jürgen Conings die politische Debatte vergiftet hat. Eigentlich wollte die Föderalregierung dafür sorgen, dass Hassrede künftig von Strafgerichten geahndet werden kann. Nur zur Erinnerung: Hassrede nennt man einen verbalen Angriff auf eine Person oder eine Bevölkerungsgruppe, und das auf der Grundlage von deren Herkunft, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Nach UN-Konventionen fällt ein solches Verhalten nicht mehr unter die Meinungsfreiheit. Seit 2007 werden Hassberichte, die Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit beinhalten, von Strafgerichten behandelt. Alle anderen Formen von Hassrede liegen aber noch in der Zuständigkeit der Schwurgerichte. Die Vivaldi-Regierung wollte das vereinheitlichen. Der Vlaams Belang wettert gegen dieses Vorhaben, wohl in erster Linie, weil der Schuh passen könnte. Jetzt legt sich aber plötzlich auch die N-VA quer, deren Stimmen man dafür nötig hätte. Damit ist die Debatte über dieses wichtige Thema eigentlich tot. Und das ist bedauerlich.

Roger Pint