Die Presseschau von Samstag, dem 27. März 2021

Die Leitartikler befassen sich mit einer Vielzahl verschiedener Themen, unter anderem den ab heute geltenden strengeren Corona-Regeln und den Impfkampagnen. Aber auch der angekündigte nationale Streiktag, die Querelen zwischen den Regierungsparteien und die Blockade des Suezkanals werden kommentiert.

Impfzentrum der Wallonie in Colfontaine (Bild: Justin Namur/Belga)

Impfzentrum der Wallonie in Colfontaine (Bild: Justin Namur/Belga)

„Es war die Notbremse oder ein noch längeres Corona-Elend“, titelt De Standaard. „Kurze Welle oder lange Welle, es liegt in unserer Hand“, so die Überschrift im Innenteil bei Het Nieuwsblad. „Drei Szenarien zeigen, wie unser Verhalten die Kurve bestimmt“, schreibt Het Belang van Limburg auf Seite eins.

Die gestern vom Nationalen Krisenzentrum vorgestellten Vorhersagemodelle zeigen nicht nur, dass Einschränkungen und unsere Befolgung der Regeln die Entwicklung der Corona-Zahlen beeinflussen, hält De Standaard fest. Sondern sie sagen noch etwas anderes sehr Wichtiges aus: Nämlich, dass wir auch ohne weitere Verschärfungen womöglich nicht in die Gefahrenzone von 2.000 belegten Covid-Intensivbetten gekommen wären. Trotz der britischen Virus-Variante. Das ist den Einschränkungen zu verdanken, die wir bisher schon erduldet haben, und den Impfungen der älteren Menschen. Und je weiter die Impfkampagne fortschreitet und die Kurve abflacht, desto weniger schwer wird das Argument der Krankenhausaufnahmen wiegen. Das wird dazu führen, dass die Debatten über die Einschränkungen unserer kollektiven Freiheit schwieriger werden. Weil es für die politisch Verantwortlichen immer mühsamer werden wird, zu rechtfertigen, dass sie die ganze Gesellschaft für immer weniger schwer Erkrankte lahmlegen. Vielleicht sind die seit heute geltenden Verschärfungen der Corona-Regeln also die letzten, hofft De Standaard.

Lob und eine Dosis Egoismus

Es gibt Anzeichen, dass die Impfkampagne langsam Fahrt aufnimmt. Auch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft, stellt derweil das GrenzEcho fest. Auch wenn man noch weit entfernt ist von den Kapazitäten, die die zwei Impfzentren hier zu bieten hätten. Dennoch muss man den Verantwortlichen in Regierung und Ministerium attestieren, dass vor Ort getan wurde, was getan werden kann. Selbst zusätzliche Impfdosen wurden gesichert, auch wenn es nur 2.000 sind, bald kommen Schnelltests, und Masken hatte man auch vor anderen. Und während im Rest des Landes die Kindergärten am Montag geschlossen bleiben, werden die ostbelgischen Kinder dort mit ihren Freunden spielen. Man zeigt Mut und nutzt die Möglichkeiten der Autonomie, lobt das GrenzEcho.

Gazet van Antwerpen beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema Impfstoffe, allerdings auf EU-Ebene. Als Begründung für die Langsamkeit der europäischen Impfkampagnen wird oft angeführt, dass die Union eben solidarisch ist und deswegen viele in Europa hergestellte Impfstoffdosen in andere Länder geflossen sind. Aber man muss das Kind auch einfach beim Namen nennen: Die Europäische Union ist auch ziemlich langsam und naiv gewesen. Der Streit um die Impfstoffe ist jetzt aber in eine neue Phase eingetreten, die EU zeigt Großbritannien die Zähne, um eine gerechtere Verteilung der hier produzierten Astrazeneca-Dosen zu erreichen. Und Boris Johnson wird verstehen müssen, dass Europa sich jetzt auch mal selbst die höchste Priorität gibt. Jedem eben seine Dosis Egoismus, meint Gazet van Antwerpen.

Jetzt Lösungen und Kompromisse finden

L’Avenir kommentiert den für Montag angekündigten nationalen Streiktag. Auch wenn die Arbeitgeber wie jedes Mal anprangern, dass es der falsche Zeitpunkt für einen Streik ist, so verdient eine Frage es doch, gestellt zu werden: Warum sollte ein Virus, egal wie ansteckend es ist, die Arbeitnehmer dazu zwingen, die einzige Waffe nicht einzusetzen, die sie bei den Verhandlungen um bessere Löhne haben? Und damit im Kampf für eine bessere Zukunft? Es geht um die Arbeitsbedingungen der Nach-Corona-Welt. Denn wenn uns das Virus nicht mehr in seinen Klauen hat, wird die Wirtschaft wieder ihren Betrieb aufnehmen. Und wer nicht will, dass alles beim Alten bleibt oder sogar schlimmer wird, der muss jetzt daran arbeiten, Lösungen und Kompromisse zu finden, findet L’Avenir.

L’Echo greift die politischen Querelen unter anderem der letzten Tage zwischen den Koalitionspartnern in der Föderalregierung auf: Wenn der Ecolo-Co-Präsident öffentlich zugibt, sich nicht mehr an die Regeln über erlaubte Kontakte zu halten, wenn der Vorsitzende der frankophonen Sozialisten den Streikaufruf der Gewerkschaften für diesen Montag zu „200 Prozent“ unterstützt, wenn der MR-Präsident die erneute Verschärfung der Coronavirus-Schutzmaßnahmen durch den Konzertierungsausschuss kritisiert – dann sagt jeder das, was er denkt, sagen zu müssen. Und jeder hat dafür seine Gründe. Aber durch das ständige Infragestellen der Handlungen der Regierung, an der die eigene Partei beteiligt ist, vergiften sie die Atmosphäre. Dieses toxische, wahlkampfähnliche Klima bremst die Regierung, wenn es sie nicht ganz paralysiert. Und das kann so nicht weitergehen! Denn auf dem Spiel stehen unsere Gesundheit, unser Wohlergehen, unser gesellschaftliches Leben und unsere Wirtschaft, wettert L’Echo.

Plan B

Ganz anderes Thema schließlich bei De Morgen: Aus der Blockade des Suezkanals durch ein havariertes Container-Frachtschiff sollten verschiedene Lehren gezogen werden. Erstens: Das Wirtschaftswachstum stößt auf natürliche Grenzen, in diesem Fall ein eigentlich zu großes Schiff in einem mittlerweile zu kleinen Kanal. Zweitens: Nach der Coronakrise unterstreicht der Vorfall erneut, wie anfällig unsere globalen Versorgungsketten und Abhängigkeiten mittlerweile geworden sind. Strategische Vorräte haben wir quasi nicht mehr, fast alle verlassen sich auf „Just-in-time“-Lieferungen. Drittens: Die maritimen Lebensadern drohen immer mehr zu einem Spielball zwischen den Großmächten zu werden. Wer sie kontrolliert, der hat die Macht über Gewinne und Verluste. Und der Unfall zeigt, wie überraschend leicht manipulierbar die Warenströme sind. Dieses Mal ist ein Schiff aus natürlichen Ursachen aufgelaufen. Das nächste Mal könnte jemand nachhelfen. Zum Beispiel eine Terrorgruppe, die mit einer Rakete ein Schiff in einem Nadelöhr versenkt. Oder Hacker, die die Brücke und damit die Steuerung übernehmen. Oder eine feindliche Marine, die eine Seeblockade errichtet. Wir sollten also besser schon mal über einen Plan B für so einen Fall nachdenken, fordert De Morgen.

Boris Schmidt