Die Presseschau von Samstag, dem 6. März 2021

Ganz klar im Mittelpunkt stehen heute die Entscheidungen des Konzertierungsausschusses. Die Vertreter aller Regierungen des Landes haben ja einen Zeitplan vorgelegt, der die Etappen der Lockerungen der Corona-Maßnahmen festlegt. "Endlich!", jubeln viele Leitartikler. Wobei einigen das Ganze eigentlich immer noch zu langsam geht.

Pressekonferenz nach dem Konzertierungsausschuss (Bild: Olivier Matthys/POOL/Belga)

Pressekonferenz nach dem Konzertierungsausschuss (Bild: Olivier Matthys/POOL/Belga)

„Endlich eine Perspektive“, titeln Het Nieuwsblad, das GrenzEcho und De Morgen. „In drei Schritten ins Reich der Freiheit“, so die Schlagzeile von Het Belang van Limburg. „Kommen Sie aus der Wohnung!“, appelliert Het Laatste Nieuws auf Seite eins. „Alle nach draußen!“, schreibt auch Le Soir. „Am Montag mit zehn Personen draußen versammeln, ab Mai wieder ins Café“, schreibt Gazet van Antwerpen. Ab Montag wird es nämlich erlaubt sein, sich unter freiem Himmel mit bis zu zehn Leuten zu versammeln.

La Libre Belgique dröselt den Zeitplan genauer auf: „8. März: zehn Personen draußen, 15. März: ein Fünftel aller Unterrichte im Hochschulwesen wieder im Präsenzunterricht. 1. April: Veranstaltungen unter freiem Himmel mit 50 Teilnehmern werden erlaubt. 19. April: 100 Prozent Präsenzunterricht im Regelschulwesen. 1. Mai: Der Horeca-Sektor darf wieder öffnen“. La Dernière Heure spricht von einem „sehr vorsichtigen Zeitplan“. „Und die wirkliche Befreiung, die kommt erst im Mai“.

„Draußen, draußen, draußen“

„Das Fest der Befreiung beginnt draußen“, kann Het Laatste Nieuws in seinem Leitartikel nur feststellen. Die Pressekonferenz des Konzertierungsausschusses, die fühlte sich tatsächlich so ein bisschen wie eine Befreiung an. Natürlich bleibt die Lage kritisch, nicht vergessen: Aktuell müssen pro Tag 150 Menschen wegen Covid in Krankenhäusern aufgenommen werden. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit haben wir nochmal eine deutliche Perspektive – und das für alle Sektoren, vom Horeca- über den Kultursektor bis hin zum Unterrichtswesen. Und es ist ein Exitplan, an den wirklich alle glauben, nicht nur die Regierung und die Lobbygruppen, sondern auch die Virologen. Klar: Es wird noch viel Kritik geben, es werden wohl auch noch viele kleine Punkte klarer ausformuliert werden müssen. Aber, es ist und bleibt ein großes Verdienst, dass nun endlich ein ausgewogener Stufenplan auf dem Tisch liegt, der uns einen Weg aus diesem Elend aufzeigt.

„Wäre das nicht auch schon letzte Woche möglich gewesen?“, fragt sich rhetorisch De Standaard. Da hatte sich der Konzertierungsausschuss ja noch vertagt, weil die Zahlen plötzlich einen Sprung gemacht hatten. Jetzt sind besagte Zahlen nicht wesentlich besser, aber: Wir wissen sie jetzt zu deuten, meint das Blatt sinngemäß. Wir wissen jetzt, dass eine Dritte Welle nicht automatisch kommen muss, dass sie abzuwenden ist. Mit diesem Wissen musste die Regierung dann aber auch die Pausentaste zumindest ein wenig lösen.

Erstmal müssen wir uns also nur ein Wort merken, meint Het Belang van Limburg: „draußen“. Genauer gesagt sind es drei Worte: „draußen, draußen, draußen“. Hier sollte sich unser soziales Leben in den nächsten Wochen erstmal abspielen. Erst im Mai wird sich das ändern. Denn dann sollten eigentlich alle Risikogruppen geimpft sein. Das Ganze war aber nicht umsonst. Bislang hat die Pandemie in Belgien rund 20.000 Todesopfer gefordert. Ohne die Maßnahmen wären es laut neuen Berechnungen bis zu 80.000 gewesen. Das müssen wir immer im Hinterkopf behalten.

Trotz der Erleichterung: Ein hartes Urteil

Der Weg in die Freiheit ist jetzt jedenfalls ausgeschildert, meint Gazet van Antwerpen. Wobei: Die Exitstrategie, die die Regierungen des Landes ausgetüftelt haben, ist von großer Vorsicht geprägt: Keine Auslandsreisen bis zum 18. April, Wiederöffnung des Restaurant- und Gaststättengewerbes erst im Mai, immer noch lediglich ein Knuffelkontakt, keine einzige Lockerung der Homeoffice-Pflicht: Das ist schon ein hartes Urteil. „Außenaktivitäten“, das ist der Schlüssel. Und die Logik, die sich dahinter verbirgt, die ist nachvollziehbar. Erst ab Mai werden Aktivitäten in Innenräumen wieder möglich, eben auch in Cafés und Restaurants. Grundvoraussetzung dafür ist aber, dass es eine funktionierende Strategie für die Schnell- und Selbsttests geben wird. Die letzten Monate haben allerdings gezeigt, dass wir nicht besonders stark sind im Organisieren von größeren Kampagnen.

„Endlich!“, jubelt aber auch erstmal La Libre Belgique. Endlich gibt es eine konkrete Perspektive. Nach all den Worten des Mitgefühls, nach allen Mahnungen und Moralpredigten brauchten wir endlich mal konkrete Daten. Nur ein ausformulierter Zeitplan konnte uns die so nötige Motivation wieder zurückgeben. Wobei: Das geht alles doch ziemlich langsam. Und die Regel, wonach wir nur einen Knuffelkontakt treffen dürfen, die bleibt bestehen. Was für eine Heuchelei! Diese Regel gibt es nur in Belgien – und spätestens seit dem Geständnis von Jean-Marc Nollet fehlt ihr jede politische Glaubwürdigkeit. Neben den ersehnten Lockerungen bleibt den Belgier aber eigentlich nur das Warten auf eine Impfung. Da kann man nur hoffen, dass die versprochene Beschleunigung der Kampagne gelingt.

„Das Warten geht weiter“, meint auch das GrenzEcho. Warten, bis die Monate April und Mai anbrechen, damit die Normalisierung einsetzen kann – und dabei auf schönes Wetter hoffen. Immerhin haben wir jetzt eine datierte Perspektive. Aber auch nach diesem Treffen der Regierungsspitzen unseres Landes bleibt die Frage, warum in Belgien nicht schneller geimpft und nicht konsequenter getestet wird. Man wird den Eindruck nicht los, dass wir immer einen Schritt zu spät kommen.

Le Soir ist noch schärfer: Frische Luft verspricht man uns, es ist allenfalls ein frisches Lüftchen. Wenn man sich die Entscheidungen des Konzertierungsausschusses so anschaut, dann denkt man irgendwie immer noch, man sitzt bei Wasser und Brot. Naja, immerhin kann ab Montag wieder eine gewisse Form von sozialem Leben beginnen. Und, ja, man sollte sich in diesen düsteren Zeiten über jeden noch kleinen oder symbolischen Schritt freuen können. Dafür muss man aber nicht jede Argumentation der Regierenden unkritisch im Raum stehenlassen. Denn: Wenn die Perspektiven derzeit so bescheiden sind, dann auch, weil der Staat es nicht auf die Reihe gekriegt hat, die Impfkampagne vernünftig aufzuziehen. Damit der Frühling anbrechen kann, müssen die Bürger weiter die Regeln befolgen. Nun, dann sollte die Politik im Gegenzug auch die Bürger respektieren.

Naja, lasst uns die Empfehlung von Erika Vlieghe beherzigen und nicht herumnörgeln, meint La Dernière Heure. Natürlich müssen wir dafür auch nicht gleich applaudieren, aber immerhin haben wir jetzt den erhofften Zeitplan, der die längst überfällige Rückkehr zum gesunden Menschenverstand ermöglicht.

Jetzt bricht aber die schwierigste Phase an, ist Het Nieuwsblad überzeugt. Erstmal ist es so, dass viele Menschen die Geduld verloren haben. Und das wird umso heikler, je mehr Menschen geimpft sein werden. Wie wohl werden die jüngeren Menschen reagieren, wenn sie bald die dann geimpften Über-60- und Über-70-Jährigen gesellig und zwanglos zusammen Kaffee trinken sehen? Das wird den Druck auf dem Kessel erhöhen und auch die allgemeine Solidarität auf die Probe stellen. Im Moment regularisiert die Regierung im Grunde nur das Verhalten, das ohnehin schon sehr viele an den Tag legen. Das wird bald nicht mehr reichen. Dann wird man nicht regularisieren, sondern regieren müssen…

Roger Pint