Die Presseschau von Montag, dem 1. März 2021

Im Fokus der Zeitungen stehen vor allem die Corona-Impfungen. Dies einerseits wegen der Probleme bei der belgischen Impfkampagne, andererseits wegen des in den USA bereits zugelassenen Vakzins von Johnson & Johnson. Auch die Wiederöffnung der nicht-medizinischen Kontaktberufe wird kommentiert.

Impfzentrum in Mechelen (Bild: Katleen Vastiau/Belga)

Impfzentrum in Mechelen (Bild: Katleen Vastiau/Belga)

„Die Impfstrategie muss überarbeitet werden“, so der große Aufmacher bei L’Avenir. „Impfungen – Ein Kurswechsel drängt sich auf“, schreibt Le Soir auf Seite eins. „Mittwoch ist der neue Tag der Entscheidung – Es muss vorwärts gehen“, titelt Het Laatste Nieuws.

Vergangenen Freitag sind die durch viele Politiker angeheizten Hoffnungen nicht erfüllt worden, erinnert De Standaard. So eine Ernüchterung geht immer einher mit einer Suche nach Schuldigen. Dass der Weg ins „Reich der Freiheit“ dermaßen holprig würde, war nämlich so nicht abgesprochen. Zumindest glauben die Menschen das. Einen Ausweg können nur die Impfungen bieten. Dass deren Organisation eine nie dagewesene Herausforderung ist, ist eine Sache. Auch, dass es Kinderkrankheiten gibt. Aber es gibt zu viele lose Enden. Und die Entschuldigungen überzeugen nicht.

Deswegen muss jetzt dringend geschaltet werden. Belgien muss die Spitzengruppe anstreben. Das ist die beste Chance auf Ruhe und eine Perspektive. Nach einer vorsichtigen Startphase, die nachvollziehbar war, muss es jetzt vorwärts gehen. Natürlich laufen die Lieferungen nicht wie erwartet. Aber wir brauchen mehr Kreativität statt bürokratischer Herangehensweise. Und die komplizierte Staatsstruktur mit ihren vielen Gesundheitsministern scheint eher zu bremsen, als zu beschleunigen. Die Menschen fordern eine Ziellinie, die vor den Sommerferien liegt. Nicht irgendwo danach. Und den Menschen steht der Sinn auch nicht nach dicken Romanen mit Erklärungen, sondern nach einer Kurzgeschichte, warnt De Standaard.

In doppelter Hinsicht schlecht

Neun Monate wusste man, dass die Impfstoffe kommen würden, unterstreicht Le Soir, und dass man die Vakzine dann so schnell wie möglich an alle Impfwilligen verteilen muss. Vor diesem Hintergrund ist die Unfähigkeit, zumindest den Anschein von Effizienz zu erwecken, schwer zu erklären. Und das ist in doppelter Hinsicht schlecht. Zum einen finden zu wenige Impfungen statt. Zum anderen wird die Skepsis gefüttert und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen die Impfung verweigern. Das gefährdet die Impfrate von 70 Prozent, die für eine Wiederöffnung notwendig sind. Und die Experten und Politiker sollten aufhören, den Menschen zu erzählen, dass alles nur von ihrem Verhalten abhängt. Denn das stimmt nicht, giftet Le Soir.

Die Bilder leerer Impfzentren zeigen, dass Belgien den Beginn der Impfkampagne in den Sand gesetzt hat, schreibt L’Avenir. Offiziell will man noch nicht von einem Fiasko sprechen. Aber auch die besten Begründungen der Welt können diesen stotternden Start nicht wegerklären. Zu einem Zeitpunkt, zu dem nur eine allgemeine Impfung in der Lage scheint, einer dritten Welle Einhalt zu gebieten, ist es Zeit für Klartext. Und vielleicht auch, die Prozeduren und Abläufe noch einmal zu prüfen, wie es der Gesundheitsminister vorschlägt, meint L’Avenir.

Schuldhafte Verweigerungshaltung

Gerade mal fünf Prozent der verfügbaren Dosen von Astrazeneca sind bislang in Belgien verimpft worden. Das ist unfassbar, wettert La Libre Belgique. Kinderkrankheiten? Wohl eher eine chronische Erkrankung! Vor allem, wenn man sich anschaut, wie sich seit Beginn der Pandemie ein Versagen an das nächste reiht. Wenn der Impfstoff von Astrazeneca unter seinem schlechten Ruf leidet, muss man eben besser aufklären. Und global betrachtet leidet die Impfkampagne unter der komplexen Struktur eines Föderalstaates, der nicht im Krisenmanagement geübt ist. Die Handhabung hat Dilettantismus, Schlampigkeit, mangelnde Voraussicht und Inkompetenz enthüllt. Die Verweigerungshaltung der Behörden ist nicht nachvollziehbar und schuldhaft. Wenn die Impfstrategie nicht schnell geändert wird, dürfte der Premierminister Probleme bekommen, die Menschen dazu zu motivieren, noch lange durchzuhalten, ist La Libre Belgique wütend.

Eine Anpassung der Impfstrategie scheint unverzichtbar für unsere mentale Gesundheit, stellt auch La Dernière Heure fest, und für die wirtschaftliche Gesundheit unserer Firmen. Belgien hinkt im europäischen Vergleich hinterher. Die Bilder leerer Impfzentren irritieren die Bürger. Und die Hunderttausende unbenutzter Impfdosen in den Kühlschränken bringen die Opposition auf die Palme. Zu Recht! Es ist noch nicht zu spät. Aber es ist fünf vor zwölf, mahnt La Dernière Heure.

Gazet van Antwerpen blickt auf die europäische Ebene. In den Vereinigten Staaten ist am Wochenende der Impfstoff von Johnson & Johnson zugelassen worden. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA soll sich erst am 11. März zu einer Zulassung hier äußern. Währenddessen sollen in Amerika bis Mitte März schon einige Millionen Dosen davon verimpft worden sein. Für Belgien wird nicht vor April mit echten Lieferungen gerechnet. Die für die Europäische Union so schmerzhafte Geschichte wiederholt sich also. Eine genaue und überzeugende Erklärung hat dafür keiner. Die Politiker treibt das Ganze in den Wahnsinn. Und es ist besonders ärgerlich, weil der Impfstoff in den Niederlanden entwickelt worden ist und auch Belgien und Belgier eine maßgebliche Rolle bei Janssen Pharmaceuticals spielen, dem für den Impfstoff verantwortlichen Tochterunternehmen der amerikanischen Firma Johnson & Johnson, hält Gazet van Antwerpen fest.

Weder die richtige Priorität, noch die richtige Wahl

Het Nieuwsblad schließlich greift die heutige Wiederöffnung der restlichen nicht-medizinischen Kontaktberufe auf. Nicht, dass es dem Sektor nicht gegönnt sei, er hat monatelang und schwer gelitten. Aber trotzdem: Wenn es wenig oder keinen Raum für neue Perspektiven für die Bevölkerung gibt, müssen die Prioritäten anders gesetzt werden und das Allgemeinwohl in den Mittelpunkt gestellt werden.

Unter diesem Gesichtspunkt kann man die Entscheidung nicht verteidigen, schon gar nicht gegenüber Studenten und Schülern, die seit Monaten nur Fernunterricht kennen, oder gegenüber jungen Menschen, die sich bei schönem Wetter mit mehr als vier Freunden treffen wollen. Die nicht-medizinischen Kontaktberufe waren weder die richtige Priorität, noch die richtige Wahl. Es scheint einmal mehr, dass die mit der stärksten Lobby gewonnen haben, ärgert sich Het Nieuwsblad.

Boris Schmidt