Die Presseschau von Samstag, dem 27. Februar 2021

Im Mittelpunkt steht heute ganz klar die gestrige Sitzung des Konzertierungsausschusses, der sich ja erstmal vertagt hat. Einige Blätter zeigen Verständnis für den Aufschub, beklagen aber zugleich die vielen Lockerungsversprechen, die in dieser Woche in den Raum gestellt wurden. Beißende Kritik gibt es an der Tatsache, dass niemand ein Wort über die schleppende Impfkampagne verloren hat.

Premier Alexander De Croo, der flämische Ministerpräsident Jan Jambon und Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke bei der Pressekonferenz nach dem Konzertierungsausschuss am Freitag (Bild: Johanna Geron/Belga)

Premier Alexander De Croo, der flämische Ministerpräsident Jan Jambon und Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke bei der Pressekonferenz nach dem Konzertierungsausschuss am 26. Februar (Bild: Johanna Geron/Belga)

„Die kalte Dusche“, titelt La Libre Belgique. „Kalte Dusche statt Lockerungen“, schreibt das GrenzEcho. „Das war auch für mich eine kalte Dusche“, zitiert Het Nieuwsblad den Premierminister Alexander De Croo auf Seite eins. „Ein Schlag mit dem Hammer“, so formuliert es La Dernière Heure. „Absolut nichts!“, schreibt Gazet van Antwerpen und gemeint ist natürlich das Resultat des Konzertierungsausschusses.

Denn der Konzertierungsausschuss hat erstmal entschieden, nicht zu entscheiden. Trotz der vielen Hoffnungen und Erwartungen, die viele an die Sitzung geknüpft hatten, vertagten sich die Vertreter der Regierungen des Landes auf den nächsten Freitag. „Keine Lockerungen wegen blinkender Warnleuchten“, titelt Het Laatste Nieuws. Besagte Warnleuchten, das sind die sichtbar steigenden Corona-Zahlen. Besonders besorgniserregend ist die Lage in den Krankenhäusern. Gestern Mittag hatte der Konzertierungsausschuss die neuesten Zahlen bekommen. Demnach mussten allein vorgestern über 200 Covid-Patienten in Krankenhäusern aufgenommen werden. „Eine Zahl hat alle Pläne zunichte gemacht“, so das Fazit von Het Nieuwsblad.

„So viel Lärm, und dann nichts“

Alexander De Croo und seine Kollegen hatten keine Wahl, ist L’Avenir überzeugt. Man wollte nicht den gleichen Fehler nochmal machen. Wir erinnern uns: Am vergangenen 23. September hatte der Nationale Sicherheitsrat unter der Leitung der damaligen Premierministerin Sophie Wilmès die Corona-Maßnahmen gelockert. Zum denkbar falschen Zeitpunkt, denn wenig später schlitterte das Land in die zweite Welle. Die heutige Equipe hat – wie vor Angst versteinert – die Pausentaste gedrückt. Und uns bleibt nichts anderes übrig als zu warten, zu warten auf den scheinbar so unerreichbaren Frühling.

„So viel Lärm, und dann nichts“, kann Le Soir in seinem Leitartikel nur leicht resigniert feststellen. Die Realität ist unbarmherzig und sie ist schwer zu ertragen. Kaum hatten wir angefangen, uns auf den Frühling zu freuen, da wurden wir doch schon wieder mit den schrecklich bekannten, zermürbenden Schlagzeilen und Schlagwörtern konfrontiert: „Den Krankenhäusern droht der Kollaps“, „Dritte Welle“, „exponentielle Steigung“… Was für eine Ernüchterung. Aber gleich danach hat man Lust, mit den politisch Verantwortlichen mal ein ernstes Wörtchen zu reden. Mit den Parteipräsidenten, die sich in dieser Woche gegenseitig überbieten wollten mit ihren Lockerungs-Versprechen. Warum in Gottes Namen mussten sie so viele falsche Hoffnungen schüren? Es war eine verlogene Empathie: Erst den Bürgern das vorsäuseln, was viele hören wollten, um sich dann doch der Realität der Zahlen zu beugen. Hätte man nicht gleich zugeben können, dass es eben die Zahlen sind, die in letzter Instanz über das weitere Vorgehen entscheiden? Leider steht zu befürchten, dass wir in der kommenden Woche das gleiche Theater wieder erleben müssen.

Von Luftschlössern und Nebelkerzen

„Vielen Dank für die kalte Dusche!“, meint seinerseits De Standaard leicht sarkastisch. Die Parteipräsidenten waren in dieser Woche buchstäblich auf allen Kanälen, um das Lockerungen-Karussell jedes Mal ein bisschen weiter zu drehen. Sie hofften, beim Wähler punkten zu können, als wäre jeder Konzertierungsausschuss eigentlich nur ein Zwischensprint auf dem Weg zur Wahl. Es ist regelrecht irritierend zu sehen, wie sich die Vorsitzenden vieler Koalitionsparteien aus der Verantwortung stehlen und allein dem Premier und seinem Gesundheitsminister die unangenehmen Aufgaben überlassen. Insbesondere Alexander De Croo ist aber von Anfang an seiner Linie treu geblieben. In den Tagen vor dem Konzertierungsausschuss hat er immer wieder betont, dass die Zeit für Lockerungen nicht reif ist. Und die Zahlen haben ihm (leider) Recht gegeben. Aber was wäre, wenn all die Lockerungsversprechen eigentlich nur eine Nebelkerze waren, um vom eigentlichen Problem abzulenken? Lockerungen erlösen uns nämlich nicht von dem Virus, sondern nur Impfungen. Und hier jagt eine Panne die nächste.

Het Nieuwsblad sieht das genauso. Plötzlich, nach dem schnellen Ende des Konzertierungsausschusses, plötzlich schwieg die Lockerungsbrigade. Die von Premier De Croo und seinen Kollegen dekretierte Auszeit tut weh, eben weil in den letzten Tagen allzu viele Luftschlösser aufgeblasen worden sind, die das Virus jäh zum Platzen gebracht hat. Und damit ist noch für jeden deutlich geworden, dass es letztlich nur einen Ausweg aus der Krise gibt: Impfungen. Doch was mussten wir feststellen: Viel zu viele Impfdosen lagern im Kühlschrank. Die lagern dort, weil sie laut der vor Wochen festgelegten Impfstrategie dort lagern müssen. Spätestens damit wird auch klar, dass die schleppende Impfkampagne längst nicht nur auf das Konto der EU geht. Die Verantwortlichen begründen ihr Vorgehen immer wieder mit der gebotenen Vorsicht. Klar: Vorsicht heißt, Risiken möglichst auszuschließen. Aber übertrieben vorsichtig zu sein, das kann auch unvorsichtig sein.

Schleppende Impfkampagne: Tödlich für die Motivation

Eine gut funktionierende Impfkampagne würde den Menschen auch zumindest eine Perspektive geben, glaubt Gazet van Antwerpen. Das Ganze wäre wesentlich erträglicher, wenn wir wüssten, dass die Impfkampagne glatt läuft. Aber was sehen wir stattdessen? Leere Impfzentren, Impfdosen, die in Kühlschränken herumliegen. Solche Meldungen säen Zweifel. Und für die Motivation der Menschen ist das tödlich.

La Dernière Heure ist wesentlich schärfer: Diese total missratene Impfkampagne ist schlichtweg inakzeptabel. Unsere politisch Verantwortlichen verstecken sich hinter den Zahlen, um die Belgier weiterhin unter einer Käseglocke zu halten. Andere Zahlen, nämlich die, die die Impfkampagne illustrieren würden, die verschweigen sie hingegen.

Das GrenzEcho schlägt in dieselbe Kerbe. Dass angesichts der Zahlen keine großen Lockerungen zu erwarten waren, das war eigentlich vor Beginn des Konzertierungsausschusses absehbar. Dass aber keiner ein Wort z.B. darüber verlor, wie man die schleppende Impfkampagne beschleunigen wolle, oder was man sonst so unternehmen wird, um einen Weg aus der Krise zu finden, das zeigt, wie sehr diese Krise unsere Regierenden gelähmt hat. Stattdessen wurde das Volk erneut angehalten, die Hygieneregeln zu beachten und geduldig eine weitere Woche zu warten. In der Schule gäbe es dafür eine glatte Null.

Die Strategien müssen auf den Prüfstand!

„Es hätte etwas mehr sein dürfen“, meint auch Het Laatste Nieuws. „Mitten in einem Sturm kann man nicht starten“, sagte Alexander De Croo. Das stimmt! Aber nichts hindert den Piloten der Air-Covid-Maschine daran, bei der Gelegenheit schon mal nach dem Fahrwerk zu gucken, um zu schauen, ob man nicht mit Blick auf die Landung etwas verbessern kann. Konkret: Rund eine halbe Million Impfchargen liegen aktuell in Kühlschränken. Dafür werden komplizierte, verworrene Begründungen angeführt, die aber niemand nachvollziehen kann. Hinzu kommt: Auch unsere bisherige Taktik eines Semi-Lockdowns stößt an ihre Grenzen, gerade angesichts der neuen Corona-Varianten. Vielleicht wäre es an der Zeit, unsere Strategie insgesamt mal zu überdenken.

Roger Pint