Die Presseschau von Freitag, dem 22. Januar 2021

Viele Titelseiten und auch Leitartikel blicken auf den heute stattfindenden Konzertierungsausschuss, insbesondere hinsichtlich eines möglichen Verbots nicht-essentieller Reisen. Auch die Jugend steht im Fokus. Ein weiteres Thema sind Corona-Massentests in bestimmten Antwerpener Stadtvierteln.

Gesundheitsminister Vandenbroucke bei der Pressekonferenz nach dem Konzertierungsausschuss (Bild: Benoît Doppagne/Belga)

Pressekonferenz nach dem letzten Konzertierungsausschuss (Bild: Benoît Doppagne/Belga)

„Corona-Maßregeln – Konzertierungsausschuss führt heute Verbot von Urlaubsreisen ein“, schreibt Het Belang van Limburg auf Seite eins. „Zeitweiser Stopp für nicht-essentielle Reisen heute im Konzertierungsausschuss“, präzisiert De Morgen. „Belgien bekommt europäische Zustimmung, um Vergnügungsreisen einzuschränken“, ergänzt De Standaard.

Vom heute stattfindenden Konzertierungsausschuss werden keine Lockerungen der Schutzmaßregeln erwartet. Im Gegenteil: Angesichts der Gefahr der Einschleppung neuer Corona-Varianten durch Urlauber werden weitere, temporäre Reisebeschränkungen ganz oben auf der Tagesordnung stehen.

Premierminister Alexander De Croo hat bereits angekündigt, dass er ein Verbot sogenannter nicht-essentieller Reisen befürwortet, erinnert L’Avenir, gerade hinsichtlich der anstehenden Karnevalsferien. Man darf schließlich auch nicht vergessen, dass es die letzten Karnevalsferien waren, die zur Ausbreitung des Coronavirus in Europa beigetragen haben. Und die damaligen Versäumnisse beziehungsweise ihr mangelndes Bewusstsein für die Gefahr sind den politisch Verantwortlichen seitdem vorgehalten worden. Hinzu kommt, dass die Impfkampagne immer noch am Anfang steht und abweichende Corona-Varianten eine neue große Bedrohung darstellen. In diesem Kontext kann die Reduzierung des Personenverkehrs sinnvoll erscheinen. Wobei die genaue Definition, welche Reisegründe essentiell beziehungsweise eben nicht-essentiell sind, nicht ganz so einfach ist.

„Unbegreiflich“

Die Diskussion, ob nicht notwendige Reisen verboten werden sollen oder nicht, tobt jetzt schon seit Wochen, kommentiert Het Nieuwsblad. Gestern sollte dann der Europäische Gipfel eine Lösung finden, um die neuen Mutationen draußen zu halten. Das war ziemlich spät. Einmal mehr entstand der Eindruck eines Riesentankers, der es nicht schafft, rechtzeitig seinen Kurs zu ändern. Entsprechende Kritik an der Trägheit der EU gibt es schon länger, etwa bei der Zulassung der Corona-Impfstoffe. Nur ist Eile bei so etwas der schlechteste Ratgeber. Abkürzungen zu nehmen bedeutet hier, mit dem Feuer zu spielen.

Kommt es hierbei nämlich zu einem Unglück, ist das Vertrauen in die Impfstoffe weg. Und ohne sie gibt es keine Rückkehr zu einem normalen Leben. Die Europäische Union ist hier also ein zu leichter Blitzableiter. Und das trifft auch auf die Reiseverbote zu. Seit zehn Monaten wissen wir, dass Ferien zu Corona-Spitzenwerten führen. Und nur strengstens abzuraten und an das Verantwortungsgefühl der Menschen zu appellieren funktioniert selbst angesichts der neuen Mutanten nicht. Es ist unbegreiflich, dass die Regierung auf die EU gewartet hat, um Reiseverbote einzuführen. Das ist wie einen Regenschirm aufzuspannen, obwohl es seit Wochen durchs Dach regnet.

Das GrenzEcho kritisiert scharf die Aussicht auf die Wiedereinführung von Grenzkontrollen. Und die Rolle der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die offenen Grenzen im Schengen-Raum gelten als eine der wesentlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte. Jetzt drohen einige Länder, die weggefallenen Grenzen wieder hochzuziehen. Unter anderem Deutschland – ein Armutszeugnis für Europa. Dass Merkel diesen Ton vorgibt, zeugt vor allem von der Nervosität und dem Druck, unter dem sie im eigenen Land steht. Wieder einmal hat sie es nicht geschafft, im eigenen Bundesstaat eine eingleisige Marschroute in der Pandemie durchzusetzen. Jetzt will sie wenigstens in Europa für mehr Einheitlichkeit sorgen.

Die „vergessene“ Gruppe

De Morgen greift einen anderen möglichen Beschluss des Konzertierungsausschusses auf: eine sogenannte „Abkühlwoche“ mit ausschließlich Fernunterricht für die Sekundarschulen vor den Karnevalsferien. Von diesem „Abkühlen“ wird zu Hause nicht viel zu spüren sein, giftet die Zeitung. Sowohl Kindern als auch Eltern wird viel eher die Decke auf den Kopf fallen angesichts der langen Zeit, die drinnen und vor den Bildschirmen verbracht werden muss. Erwachsene haben zumindest die Perspektive, irgendwann geimpft zu werden. Minderjährige haben noch nicht einmal das. Wie soll man sie da motivieren? Sie sind eine vergessene Gruppe. Deswegen sollten sie bei zukünftigen Lockerungen vorne in der Warteschlange stehen.

Auch La Libre Belgique beklagt, dass die 13- bis 18-Jährigen weder echte Interessenvertreter noch Plattformen haben, um sich Gehör zu verschaffen. Und sie sind nicht nur schulisch betroffen, sondern auch in puncto Sport sehr stark eingeschränkt. Und das seit Monaten. Es wäre wirklich an der Zeit, hier vernünftige und praktikable technische Lösungen zu finden. Denn diese erzwungene Inaktivität in Zeiten der körperlichen Entwicklungsphase kann schwere Folgen haben. Und Sport ist oft das einzige, was Jugendliche von den Bildschirmen wegbekommt. Natürlich ist eine Rückkehr zum normalen Leben aktuell noch ausgeschlossen. Aber diese Einschränkungen drohen bei den jungen Menschen langfristig mehr Unheil anzurichten, als sie kurzfristig verhüten.

Belohnung von Regelübertretern?

Gazet van Antwerpen greift die geplante Corona-Massentestung von 6.500 Menschen in zwei Antwerpener Stadtvierteln auf. In den betroffenen Vierteln leben viele orthodoxe Juden. Der Sprecher des Forums der Jüdischen Organisationen hatte suggeriert, dass, falls in den jüdischen Vierteln tatsächlich wie befürchtet vier Mal so viele Corona-Fälle wie in anderen Vierteln existieren, diese Menschen ja vielleicht Vorrang bei den Impfungen bekommen könnten. Er hat es ja wahrscheinlich gut gemeint, kommentiert die Zeitung. Aber die Argumentation ist problematisch.

Menschen in Wohn- und Pflegezentren können nichts für ihr hohes Alter und dass sie deswegen besonders durch das Virus gefährdet sind. Aber sollten Menschen, die durch ihren Lebensstil ein höheres Risiko laufen, ebenfalls Recht auf eine prioritäre Impfung haben? Sollte man überspitzt gesagt Regelübertreter noch belohnen? Und damit Übertretungen ermutigen, wie es Bürgermeister Bart De Wever formulierte? Als nächstes müssten wir dann ja auch den Menschen schnellere Impfungen versprechen, die auf Teufel komm raus in den Karnevalsferien zum Skifahren müssen.

Boris Schmidt