Die Presseschau von Mittwoch, dem 6. Januar 2021

Auf fast allen Titelseiten der Zeitungen ist am Mittwoch die Nachricht zu sehen, dass Belgien seine Strategie ändern wird, um die Impfkampagne zu beschleunigen. Zuvor hatte es immer lautere Kritik gegeben. Auch die meisten Leitartikel befassen sich mit dieser Thematik.

Spritzen mit Impfstoff von Pfizer und Biontech (Archivbild: Dirk Waem/Pool/Belga)

Bild: Dirk Waem/Belga

„Belgien ändert seine Strategie, um die Impfkampagne zu beschleunigen“, schreibt La Libre Belgique auf Seite eins. „Personal der Wohn- und Pflegezentren bekommt dann doch früher Impfstoff“, titelt Het Laatste Nieuws. „Behörden legen nach immer lauterer Kritik an langsamer Impfung einen Zahn zu – Reservedosen werden eingesetzt, damit es schneller geht“, erklärt De Morgen.

Es geht also dann doch schneller, frotzelt Het Nieuwsblad. Seltsam ist aber doch, dass die ganzen Regierungen des Landes diese Möglichkeit erst nach Druck von außen entdeckt haben. Wobei man auch festhalten muss, dass es in fast allen Ländern ähnliche Kritik und Diskussionen gibt. Und selbst der beste Impfplan und die beeindruckendste Logistik können nichts gegen die Ungeduld der Menschen tun. Alle warten auf den erlösenden Piekser. Dass die zuständigen europäischen Stellen mehr Klarheit über die Wirksamkeit oder die Sicherheit von Impfstoffen wollen, kann man als hoffnungslose Zeitverschwendung betrachten. Das ändert nichts daran, dass die Argumentation an sich berechtigt ist. Sollte in den schnelleren Ländern alles gutgehen, dann erscheint die europäische Vorgehensweise als Fehler. Sollte aber etwas schiefgehen, dann sind wir den Zulassungsbehörden vielleicht im Nachhinein dankbar.

Die Frage hierzulande ist jetzt, ob der belgische Strategiewechsel Panikfußball durch die Politik ist oder ob es gute Gründe für den quälend langsamen Start gab. Marc Van Ranst hat jedenfalls Recht, wenn er dafür plädiert, dass jetzt in großem Stil geimpft werden muss, nämlich sieben Tage die Woche. Ja, es muss gut laufen, und es muss sicher laufen. Aber jetzt muss es eben auch so schnell wie möglich gehen. Alles andere würden die Menschen nicht verstehen.

Keine Diskussion mehr über Geschwindigkeit

Belgien scheint kaum über viele der jetzt kritischen Fragen nachgedacht zu haben, kommentiert Het Laatste Nieuws. Könnte nicht auch nachts und während des Wochenendes geimpft werden? Wäre es nicht besser, die zweite Dosis aufzuschieben, um erstmal möglichst viele Menschen zu impfen? Ist die Logik richtig, erst die Alten und besonders Gefährdeten zu impfen? Oder wäre angesichts einer möglichen dritten Welle nicht der Schutz des Gesundheitspersonals wichtiger? All das sind berechtigte Fragen.

Gazet van Antwerpen räumt ein, dass bei einer so massiven Impfkampagne Vorsicht geboten ist. Aber der doch sehr träge Beginn hat für viele Fragen und vor allem Ärger gesorgt. Und die Menschen ohne Not zu verärgern, ist etwas, was die Regierung in Zeiten wie diesen nun wirklich nicht tun darf. Es liegt noch ein langer Weg vor uns, trotz der Impfstoffe und trotz der Corona-Zahlen, die bei uns besser als in vielen anderen europäischen Ländern sind. Und nach den ganzen bisherigen Pannen und Debakeln darf sich die Politik wirklich keine weiteren Fehler mehr erlauben. Gut, so lange nicht klar ist, ob Geimpfte das Virus übertragen können oder nicht, sollte die grundlegende belgische Strategie nicht über Bord geworfen werden. Worüber es aber jetzt keine Diskussion mehr geben darf, das ist die Geschwindigkeit.

Die Verantwortung liegt jetzt bei der Politik

Es ist ja lobenswert, dass die politisch Verantwortlichen mit Kursänderungen auf Kritik reagieren, hält De Morgen fest. Aber wir bleiben für den Augenblick noch skeptisch. Eine klare Aussicht auf eine wirklich schnellere Impfung gibt es nämlich nach wie vor nicht – aller Rhetorik zum Trotz. Die politischen Entscheidungen auf europäischer, belgischer und auch flämischer Ebene sind immer wieder eine Enttäuschung. Man kann nur hoffen, dass Lehren aus den Fehlern der Vergangenheit gezogen werden – damit das Krisenmanagement effizienter, aktiver und robuster wird. Denn eines sollte man nicht tun: die desaströsen Auswirkungen dieser offensichtlichen staatlichen Ohnmacht unterschätzen.

Für das GrenzEcho ist die Impfkampagne das, woran sich die belgische Politik Ende 2021 messen lassen muss. Die Ungeduld der Menschen nimmt zu. Verständlich, schließlich befinden wir uns seit fast einem Jahr in einer Art Dauerausnahmezustand. Der Kalender, der aktuell kommuniziert wird, scheint wenig ambitioniert. Aber besser ein etwas zurückhaltender Terminplan, als einer, den man dann doch nicht einhalten kann. Jenen, die jetzt mit Forderungen nach erhöhter Produktionskapazität oder größeren Liefermengen vorpreschen, möchte man anraten, erst den Beweis zu erbringen, dass sie die eigene Aufgabe, nämlich den Impfstoff zu verabreichen, bewältigen. Die Wissenschaftler haben geliefert. Jetzt ist es ist an den politisch Verantwortlichen in Brüssel und vor Ort, ihren Teil der Aufgabe ohne nennenswerte Pannen zu erledigen.

Starke Führung statt Gold, Weihrauch und Myrrhe

Die Weihnachtsferien haben wir geschafft, die Zahlen der Krankenhausaufnahmen und Todesfälle sinken weiter. Und 2021 wird das Jahr der positiven Veränderung werden. Unter der Voraussetzung, dass wir in unseren Anstrengungen nicht nachlassen, fasst Het Belang van Limburg in seinem Leitartikel die aktuelle Lage zusammen. In der ersten Pressekonferenz des nationalen Krisenzentrums des Jahres hat Steven Van Gucht die gute Nachricht mitgebracht, dass wir, wenn sich die Trends fortsetzen, Anfang Februar weniger als 75 Krankenhausaufnahmen pro Tag haben könnten. In Verbindung mit den Impfstoffen bedeutet das, dass Lockerungen in puncto Corona-Einschränkungen näher rücken.

Der föderale Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke hat allerdings klargemacht, dass das noch nichts für den Konzertierungsausschuss diesen Freitag ist. Das Dümmste, was Belgien angesichts einer dritten Corona-Welle tun könnte, wäre, die Fehler von September zu wiederholen. Wer an dieser Vorgehensweise zweifelt, der muss nur ins benachbarte Ausland blicken. Und egal, wie sehr Vandenbroucke mit seinem fast schon autoritären Stil manchen Menschen und Kollegen auf die Nerven gehen mag, so ist es doch gut, dass jemand die Corona-Krise mit fester Hand managt. Denn was heute an Dreikönig viel mehr als Gold, Weihrauch und Myrrhe gebraucht wird, ist eine starke Führung.

Boris Schmidt