Die Presseschau von Montag, dem 4. Januar 2021

Nach einer kurzen Neujahrspause beherrscht das Coronavirus wieder alle Titelseiten und Leitartikel. Besonderes Augenmerk gilt hierbei der diese Woche beginnenden großangelegten Impfkampagne. Aber auch andere Aspekte der Gesundheitskrise werden kommentiert.

Ein Bewohner des Seniorenheims in Puurs erhält die Corona-Impfung (Bild: Dirk Waem/Pool/Belga)

Ein Bewohner des Seniorenheims in Puurs erhält die Corona-Impfung (Bild: Dirk Waem/Pool/Belga)

„Testpflicht und Quarantäne – Tausende Reisende werden kontrolliert“, titelt das GrenzEcho. „Virusvarianten sorgen für Unruhe“, schreibt De Morgen auf Seite eins. Und Le Soir meldet: „Hohe Bereitschaft, sich impfen zu lassen“.

Uns steht eine entscheidende Woche im Kampf gegen das Coronavirus bevor, kommentiert Gazet van Antwerpen. Welchen Effekt werden die Urlaubsrückkehrer haben, die jetzt wieder zur Arbeit und zur Schule gehen? Außerdem steht der Schlussverkauf an. Am allerwichtigsten ist aber der Beginn der Impfkampagne. Und hier tragen die politisch Verantwortlichen und die Experten die größte Verantwortung. Der Bürger muss nur den Ärmel hochkrempeln, um sich impfen zu lassen. Für den Staat ist das die Chance, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Das wird keine einfache Aufgabe werden, war das doch schon vor der Gesundheitskrise angeschlagen. Um die notwendigen 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung zu impfen, braucht es vor allem eine offene und klare Kommunikation. Und eine schnelle, effektive und auf objektiven Kriterien beruhende Impfkampagne. Sind diese Bedingungen gegeben, dann kann das Vertrauen vielleicht wiederhergestellt werden.

Belgien darf sich weder Fehler noch Irrwege erlauben

De Standaard fragt sich, warum es eigentlich so lange dauert, bis die meisten von uns bei der Impfung an die Reihe kommen werden. Es ist nachvollziehbar, dass es erst Testläufe geben musste. Aber wie lange soll das noch dauern? Wenn das jetzt schon in den Alten- und Pflegeheimen so langsam geht, die ja sehr kontrollierte Umgebungen darstellen, dann lässt das wenig Gutes für die Impfung des Rests der Bevölkerung erwarten. Das wird nämlich logistisch und organisatorisch noch ein ganzes Stück komplizierter werden. Und die Drehbücher dafür liegen trotz monatelangem Vorlauf immer noch nicht bereit. Wenn nicht so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich geimpft werden, dann ist das eine sträfliche Unterlassung. Jedes Zaudern bedeutet mehr Tote und Krankenhausaufnahmen, die hätten vermieden werden können. Belgien darf den Vorteil seiner aktuell guten Ausgangsposition nicht verspielen. Und die Angst, dass die komplizierte Staatsstruktur sich auch hier negativ auswirken wird, ist nicht unbegründet.

La Libre Belgique erinnert daran, dass die Belgier auch in den kommenden Wochen weiter Geduld, Ausdauer und Bürgersinn zeigen müssen, um ein Wiederaufflammen der Epidemie zu verhindern. Denn auch, wenn sich die Zahlen bei uns positiv entwickeln, bieten die dramatische Lage in den Nachbarländern und die neue, „britische“ Virusvariante viel Anlass zur Sorge. Die ist ja ansteckender und trifft vor allem jüngere Menschen. Vorsicht ist also mehr denn je das Gebot der Stunde. Und das wird der Konzertierungsausschuss kommenden Freitag zweifelsohne bestätigen. Die große kommende Herausforderung wird die Impfkampagne sein. Und durch seine Komplexität ist Belgien ja nicht gerade ein Synonym für Effizienz. Aber eines muss klar sein: Hier darf sich das Land weder Fehler noch Irrwege erlauben. Die föderalen und regionalen Autoritäten müssen sich auf der Höhe zeigen. Und die Bürger müssen sich vor allem verantwortlich und solidarisch verhalten.

Ausgestreckter Mittelfinger für den Gesundheitssektor

De Morgen blickt ebenfalls voraus auf den kommenden Konzertierungsausschuss und schreibt: Wenn die politisch Verantwortlichen zusammenkommen, dann sollten sie wirklich überlegen, wie sie verhindern können, dass die britische Virusvariante hier Fuß fassen kann. Und das bedeutet auch, dass das Offenhalten der Schulen kein politischer Fetisch sein darf. Auch wenn es ehrenwert und wichtig ist, das Unterrichtswesen so lange wie möglich seine Arbeit tun zu lassen.

Het Belang van Limburg greift in seinem Kommentar das Problem der Reiserückkehrer auf. Es geht um die Zehntausenden Belgier, für die der Skitrip in die Alpen oder eine Woche auf Teneriffa unverzichtbar war. Sie haben im Gegensatz zur großen Mehrheit der Menschen ihren eigenen Genuss über die Solidarität und den Verantwortungssinn gestellt. Die, die sich jetzt auch noch nicht an die Test- und Quarantäneregeln halten, bringen nicht nur viele andere in Gefahr. Sie zeigen den Menschen des Gesundheitssektors auch noch ungeniert den ausgestreckten Mittelfinger.

Einfache Ziele und eine Lektion

Het Nieuwsblad kommt auf eine Debatte der letzten Tage zurück, ob Belgier bei den Impfungen Vorrang vor in Belgien wohnhaften Nicht-Belgiern bekommen sollten: Auch wenn der flämische Gesundheitsminister Wouter Beke (CD&V) klargestellt hat, dass alle legal in Belgien wohnenden Menschen gratis geimpft werden, ist das politisch betrachtet keine einfache Entscheidung. Ausländer, und da ist es egal, ob es Niederländer oder Nigerianer sind, sind immer ein einfaches Ziel. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, dass wer die Pandemie besiegen und zu einem normalen Leben zurückkehren will, gar keine andere Wahl hat, als möglichst viele Menschen im Land zu impfen. Egal, welchen Pass sie haben. Wenn wir die betroffenen zehn Prozent der Bevölkerung ausschließen, werden wir nie die notwendige Durchimpfungsrate erreichen. Schon gar nicht, wenn sich ein Teil der Belgier der Impfung verweigert.

Le Soir schließlich zieht noch eine andere Lehre aus der Gesundheitskrise, nämlich, dass wir angesichts großer Herausforderungen nicht wehrlos sind. Große finanzielle Mittel können mobilisiert und unpopuläre, aber notwendige politische Entscheidungen getroffen werden. Und wir haben gelernt, dass wir, wenn nötig, unsere Art, zu leben, zu konsumieren und zu arbeiten, auch umstellen können. Und diese Lektion sollten wir auch bei den zum Beispiel klimatischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft nicht vergessen.

Boris Schmidt