Die Presseschau von Montag, dem 30. November 2020

Am Wochenende wurde es vielerorts voll. Unter anderem in Brüssel und Brügge. Aber auch etwa im benachbarten Maastricht. Zu voll angesichts der Coronavirus-Krise. Und das beschäftigt auch die Leitartikler. Ebenso wie die Kommunikation der Verantwortlichen und das Durchhaltevermögen der Bevölkerung.

Andrang beim "Winterglühen" in Brügge

Andrang beim "Winterglühen" in Brügge (Bild: Maaike Tijssens/BELGA)

„Voll, voller, am vollsten“, titelt Het Laatste Nieuws zu Fotos aus respektive Brügge, Maastricht und Brüssel vom Wochenende. „‚Wenn es so voll wird, werden die Geschäfte nicht wieder aufmachen‘ – Minister und Virologen schlagen Alarm nach Gedränge in Brüssel und Brügge“, so die Überschrift bei Het Nieuwsblad. „Druck jenseits der Grenze verheißt wenig Gutes“, so auch Het Belang van Limburg mit Blick auf die morgige Öffnung der nicht-essentiellen Geschäfte hierzulande.

Am Wochenende war unter anderem im niederländischen Maastricht beim Einkaufen sehr viel los – auch durch zahlreiche Belgier. Zu viel in Corona-Zeiten. Und auch in der Hauptstadt und in Brügge waren viel zu viele Menschen, um den festlich beleuchteten Weihnachtsbaum auf der Grand’Place beziehungsweise das Lichterfest „Winterglühen“ zu genießen.

Die Massen müssen gesteuert werden

Auch wenn Veranstaltungen an sich untersagt sind, gibt es dennoch Anlässe für die Menschen, in die Städte zu strömen, kommentiert Gazet van Antwerpen: verkaufsoffene Sonntage, Weihnachtsbeleuchtungen, ein Lichterfest. Brüssel, Brügge, Maastricht und Eindhoven haben gezeigt, dass sich die Menschen nicht selbst organisieren können. Obwohl die Geschäfte diese Woche wieder aufmachen werden, sind die Belgier in Massen über die Grenze geströmt. Und diese Massen müssen gesteuert werden. Die Bilder vom Wochenende haben unmissverständlich die Risiken einer Geschäftsöffnung unterstrichen. Ja, die Händler werden ihr Bestes tun, und die Bürgermeister und Verwaltungen werden das nach Kräften unterstützen. Aber es gibt eben trotzdem immer Menschen, die sich auch jetzt noch nicht so benehmen, wie sie sollten. Appelle an den gesunden Menschenverstand reichen leider nicht. Deswegen muss auf Organisation gesetzt werden – und zwar mit allen Mitteln und Menschen, die zur Verfügung stehen. Warum zum Beispiel nicht die Expertise der Profis aus dem Eventsektor nutzen?

Morgen sind es noch fünf Tage bis Nikolaus. Und drei Wochen bis Weihnachten, erinnert Het Nieuwsblad. In normalen Jahren die Zeit, in denen die Händler die größten Umsätze machen. Jetzt kommt noch dazu, dass die nicht-essentiellen Geschäfte wochenlang geschlossen waren. Wir hoffen es zwar nicht, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass morgen viel mehr als die zugelassene eine Person pro zehn Quadratmeter vor den Regalen stehen wird. Der föderale Gesundheitsminister setzt vor allem auf die Bürgermeister. Und die haben dieses Jahr ja schon ordentlich Erfahrung sammeln können. Aber trotzdem wird es auch dieses Mal wieder „überraschte“ Bürgermeister geben. Es war schon etwas naiv, nicht zu erwarten, dass Tausende von Menschen in Brüssel und Brügge die festliche Lichtshow anschauen würden. Gerade auch angesichts des Mangels an alternativen Unterhaltungsmöglichkeiten. Große Dramen sind zum Glück ausgeblieben, aber wir sollten das als Warnung für die morgige Wiederöffnung der Geschäfte nehmen.

Druck auf dem Kessel

Jeden Tag bekommen die Belgier zu hören, dass die Corona-Zahlen sinken, hält L’Avenir fest. Dass die Impfstoffe immer effizienter werden. Sehen sie die sorglosen Weihnachtsvorbereitungen in den Nachbarländern. Die eigenen Landsleute, die vom Einkaufen in Maastricht, Lille oder Luxemburg zurückkommen. Oder die sich auf den nächsten Winterurlaub vorbereiten. Aber die Belgier sind bei diesem Fest nicht eingeladen, die Regierung hat sich für die strenge Gangart entschieden und jegliche Hoffnung auf weitere Lockerungen zunichte gemacht. Dadurch droht in den 25 Tagen bis Weihnachten die Spannung immer weiter zu steigen. Der Kessel ist kurz davor, zu explodieren. Die Frage ist, wie lange die Einheitsfront der politisch Verantwortlichen noch halten wird. Vielleicht müssten die Druckventile Gästezahl, Ausgangssperre oder Frisöre geöffnet werden. Um zu sehen, wie das Manometer reagiert. Auf die Gefahr hin, dass man die Ventile nicht wieder schließen kann.

La Dernière Heure kritisiert in ihrem Leitartikel die Kommunikationsweise des föderalen Gesundheitsministers Frank Vandenbroucke. Er ist brillant, ein Arbeitstier und an seinem Pflichtbewusstsein gibt es Nichts auszusetzen. Aber vernachlässigt dieser so direkte und rationale Mensch nicht vielleicht manchmal den psychologischen Aspekt der Corona-Maßnahmen, die er ankündigt? Seine Logik ist unerbittlich: Je weniger die Druckventile geöffnet werden, desto weniger zirkuliert das Virus. Das klappt so lange, wie die Bevölkerung mitspielt. Das kann entweder durch Zwang oder durch Überzeugung funktionieren. Für Zwang fehlen den Behörden die Mittel und Hebel. Und in Sachen Überzeugung ist Vandenbroucke nicht besonders gut. Hoffen wir, dass es der Regierung trotzdem gelingt, ihre harte Linie durchzusetzen. Aber Zweifel daran sind erlaubt.

Ein harter Test für die Uneigennützigkeit

Für Het Laatste Nieuws ist die Corona-Krise ein konstanter Test unserer Uneigennützigkeit. Wer selbst zu einer Risikogruppe gehört, ist auch schneller bereit, die Regeln zu befolgen. Aber das Coronavirus fordert eben auch große Anstrengungen von den Menschen, die selbst weniger bedroht sind. Und es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Solidarität und Uneigennützigkeit. Bei der Solidarität wird die Last gleichmäßig verteilt, weil das im Interesse aller ist. Beim Altruismus beziehungsweise der Uneigennützigkeit gibt es kein persönliches Interesse, mitzumachen. Außer vielleicht, sich dadurch besser zu fühlen. Wie weit sind wir bereit, dafür zu gehen? Das hängt letztlich von jedem selbst ab. Aber die Festtage werden ein harter Test werden, was die Bereitschaft der Menschen zur Uneigennützigkeit angeht. Und die Herausforderung für die Regierung liegt nicht darin, eine solche Uneigennützigkeit zu verordnen – sondern sie durchzusetzen.

Boris Schmidt