Die Presseschau von Montag, dem 16. November 2020

Auf vielen Titelseiten sind die Roten Teufel zu sehen, die in der Nations League England besiegt haben. Das Coronavirus bleibt aber das große Thema. Zunächst zieht ein Bericht von Amnesty International viel Aufmerksamkeit auf sich. Es geht auch um den Schulstart nach den verlängerten Herbstferien, die Exit-Strategie und eine heikle Intervention des Justizministers.

Youri Tielemans brachte die Belgier mit 1:0 in Führung. Bild: Dirk Waem/Belga

Youri Tielemans nach dem 1:0 gegen England (Bild: Dirk Waem/Belga)

„Die Roten Teufel haben ein Zeichen gesetzt“, titelt La Dernière Heure. „Die Roten Teufel haben ihre Revanche“, schreibt L’Avenir. In der Nations League hat Belgien am Abend England mit 2:0 besiegt. Die beiden Tore fielen in der ersten Halbzeit, in der zweiten flachte das Spiel spürbar ab.

„Eine Halbzeit reicht“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. Wirklich überzeugend waren die Roten Teufel zwar diesmal auch wieder nicht. Aber „gnadenlos effektiv“, wie das GrenzEcho schreibt. Die Roten Teufel haben schlichtweg ihre seltenen Chancen konsequent genutzt. „Einfach nur froh sein, dass man gewinnt“, so die Schlagzeile von Het Laatste Nieuws. „Und die Roten Teufel haben Trainer Roberto Martinez damit ein Geschenk zu seinem 50ten Länderspiel gemacht“, schreibt Gazet van Antwerpen.

„Verstoß gegen die Menschenrechte“

„Eine Klagewelle gegen die Alten- und Pflegeheime“, titelt derweil Le Soir. Inzwischen wird die erste Corona-Krankheitswelle aufgearbeitet. Und „laut einem Bericht von Amnesty International wurde in den belgischen Alten- und Pflegeheimen gegen die Menschenrechte verstoßen“, schreibt La Libre Belgique. „In den Alten- und Pflegeheimen wurden die Menschenrechte mit Füßen getreten“, titeln auch De Morgen und Gazet van Antwerpen. Das Urteil von Amnesty ist gnadenlos: „Ausgerechnet der Teil der Bevölkerung, der am meisten gefährdet ist, hatte die geringste Garantie auf eine angemessene Versorgung“, heißt es in dem Bericht.

„Das muss man erstmal sacken lassen“, meint schockiert De Morgen. Es wurden Menschenrechte verletzt. Die von älteren Menschen. In Belgien. Solche Meldungen verbindet man ja eigentlich nur mit irgendwelchen weit entfernten Diktaturen. Und doch passiert so etwas laut Amnesty hier vor unserer Nase. Der Bericht der Menschenrechtsorganisation ist gespickt mit Zeugenaussagen, von denen viele regelrecht haarsträubend sind. Sollten die sich bestätigen, dann kann das nicht ohne Folgen bleiben. Die Angehörigen der 7.000 Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen, die während der ersten Welle gestorben sind, sie verdienen Klarheit, die Wahrheit. Meine Damen und Herren Politiker: Wäre es nicht an der Zeit, eine unabhängige Untersuchungskommission ins Leben zu rufen?

Größte Wachsamkeit ist geboten

Im Moment richten sich derweil alle Augen auf die Schulen. Heute beginnt ja nach verlängerten Herbstferien wieder der Unterricht. Für die unteren Jahrgänge wird ein Präsenzunterricht organisiert, ab der zweiten Stufe der Sekundarschule werden die Klassen in der Praxis halbiert.

„Der ganze Druck lastet jetzt auf den Schulen“, kann Gazet van Antwerpen nur feststellen. Niemand bestreitet, dass die Wiedereröffnung der Schulen mit einem Risiko verbunden ist – einem „berechneten“ Risiko, fügen viele aber hinzu. Hier geht es nicht nur um das persönliche und soziale Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen, das ist letztlich eine gesellschaftliche Diskussion: Der Einsatz, das ist die Schulbildung der jungen Generation. Diesem Ziel wird alles andere untergeordnet: Die Geschäfte und auch die Horeca-Betriebe werden geschlossen, damit die Schulen offenbleiben können. Dennoch wird das Krankenhauspersonal in den nächsten Tagen wohl den Atem anhalten. Und das ist vollkommen nachvollziehbar. In jedem Fall ist größte Wachsamkeit geboten.

Lektionen aus der Vergangenheit lernen

„Natürlich wird das eine Gratwanderung“, räumt auch La Libre Belgique ein. Aber die Schulen haben sich darauf vorbereitet. Man muss nämlich nicht glauben, die Lehrerschaft hätte während der verlängerten Herbstferien einfach nur die Füße hochgelegt. Vielmehr hat man überall nach neuen Wegen gesucht, um sich noch besser auf die momentane Situation einzustellen. Und auch den Kindern und Jugendlichen muss man ein Lob aussprechen. Denn auch ihnen wird in diesen seltsamen Zeiten einiges abverlangt. Deswegen: Hut ab vor allen Beteiligten! Oder, um es mit Seneca zu sagen: „Das Leben wartet nicht darauf, dass Gewitter vergehen. Es lernt, im Regen zu tanzen“.

„Das Ganze war aber dann doch gleich wieder von Misstönen begleitet“, bedauert L’Avenir. In Courcelles bei Charleroi hatte die örtliche Bürgermeisterin eine Maskenpflicht für alle Schülerinnen und Schüler ab sechs Jahren verordnet. Später wurde sie von der Unterrichtsministerin der Französischen Gemeinschaft, Caroline Désir, zurückgepfiffen. Désir kann auf Expertenberichte verweisen, wonach es keine objektiven Gründe für eine Maskenpflicht für Kinder unter zwölf gibt. In Zeiten, in denen ohnehin schon jeder verunsichert ist, sind solche Kontroversen schlicht und einfach unnötig. Und sie zeigen zudem, dass immer noch nicht alle die Lektionen der Vergangenheit gelernt haben.

Dringend eine Exit-Strategie

Jetzt beginnt also die Phase des „berechneten Risikos“, so das Fazit von Het Laatste Nieuws. Es ist gut möglich, dass die Wiedereröffnung der Schulen jetzt den Sinkflug der Zahlen etwas verlangsamt, dass uns dadurch vielleicht sogar Weihnachten verhagelt wird. Gerade deswegen kann man nur hoffen, dass die Föderalregierung ihre Hausaufgaben macht, dass sie unter Hochdruck an einer Exit-Strategie arbeitet. Ab wann können die Maßnahmen gelockert werden? Welche Kriterien werden da ausschlaggebend sein? Denn, nicht vergessen: Nach dem Schock dieser Zweiten Welle werden wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben.

„Und nicht zu vergessen: Wir brauchen auch eine Impfstrategie“, hakt Het Nieuwsblad ein. Vor allem muss entschieden werden, wer als erster an die Reihe kommt. Diese Entscheidung wird immer bis zu einem gewissen Maß willkürlich sein. Es wird immer Anlass für Kritik geben, man kann es nun einmal nicht jedem recht machen. Die Regierung sollte sich dadurch nicht beirren lassen und schnell eine Marschrichtung festlegen.

„Hart an der Roten Linie“

„Gewalt gegen Polizisten muss immer und konsequent geahndet werden“, so schließlich die Aufmachergeschichte von Het Laatste Nieuws. In der Brüsseler Stadtgemeinde Ixelles sind vier Polizisten bei einer Corona-Kontrolle verletzt worden. Sie wollte einige junge Männer dazu ermahnen, eine Maske zu tragen. Der neue Justizminister Vincent Van Quickenborne will jetzt in einem Rundschreiben die Vorgabe machen, dass im Falle von Gewalt gegen Polizisten Nulltoleranz gelten soll.

„Richtig so!“, findet La Dernière Heure. Die Videos von dem Vorfall, die im Netz kursieren, zeigen einmal mehr, dass sich einige Jugendliche in der Hauptstadt für unantastbar halten. Dieses Gefühl wird noch dadurch verstärkt, dass man die Randalierer gleich wieder auf freien Fuß gesetzt hat. Das bedeutet freilich nicht, dass sie nicht doch noch zur Rechenschaft gezogen werden, aber dennoch. Es ist höchste Zeit, dass der Respekt vor den Ordnungskräften wiederhergestellt wird.

Und doch flirtet der neue Justizminister da mit den Grenzen seiner Zuständigkeit, analysiert De Standaard. Vincent Van Quickenborne übte unverhohlene Kritik an der Staatsanwaltschaft Brüssel, versprach sogar, dass die Täter bestraft würden. Damit bewegt er sich aber hart an der Roten Linie, ein Justizminister darf sich schließlich nicht in laufende Strafverfahren aktiv einschalten. Was aber nichts daran ändert, dass sein Aufruf zur Nulltoleranz bei Gewalt gegen Polizisten mit Sicherheit ein guter Anfang ist.

Roger Pint