Die Presseschau von Samstag, dem 14. November 2020

Viele Zeitungen beschäftigen sich zunächst mit den Ergebnissen des gestrigen Konzertierungsausschusses und blicken dabei schon auf den kommenden Montag: Dann werden die Schulen wieder öffnen. Und das ist nicht ohne Risiko. Einige Blätter stellen sich auch heute wieder die Frage, wie wir denn wohl Weihnachten feiern könnten. Und dann geht noch ein besorgter Blick in die USA.

Premier Alexander De Croo und Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke beim Besuch in der Uniklinik Antwerpen im letzten Monat (Bild: Benoît Doppagne/Belga)

Premier Alexander De Croo und Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke beim Besuch in der Uniklinik Antwerpen im letzten Monat (Bild: Benoît Doppagne/Belga)

„Auch, wenn sie rückläufig sind: Die Zahlen bleiben alarmierend“, titelt Gazet van Antwerpen. Und die Konsequenz steht auf Seite eins des GrenzEchos: „Corona-Regeln weder gelockert, noch verschärft“.

Der Konzertierungsausschuss hat beschlossen, die bisherige Marschrichtung erstmal beizubehalten. Es bleibt also beim „verschärften Lockdown“. Angesichts der immer noch viel zu hohen Corona-Zahlen sei an Lockerungen im Moment nicht zu denken.

Zumal am Montag ohnehin erstmal die Schulen wieder geöffnet werden; zumindest teilweise. „Es ist der erste Test“, schreibt Het Laatste Nieuws. Wobei: Nicht alle sind glücklich damit. Vor allem das Krankenhauspersonal sieht das kritisch: „Die Wiedereröffnung der Schulen kommt zu früh“, sagt der Chef der Intensivmedizin der Universitätsklinik von Gent in Het Laatste Nieuws. „Warum die Wiedereröffnung der Schulen nicht unverantwortlich ist“, das erläutert demgegenüber De Standaard.

„Zurück in die bittere Realität“

De Morgen wirft die dabei wohl zentrale Frage auf: „Wie ansteckend sind Kinder nun eigentlich?“. Neue Studien weisen ja darauf hin, dass Kinder doch ansteckender sind, als man ursprünglich gedacht hatte. Dazu passt die Aufmachergeschichte von La Dernière Heure: „Der kleine Kaïs ist wieder fit“, schreibt das Blatt. Der vierjährige Junge hatte wegen einer Covid-Erkrankung auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Jetzt geht es ihm wieder besser.

Nach den guten Neuigkeiten über einen wirksamen Impfstoff kommen wir jetzt wieder in der bitteren Realität an, meint nachdenklich De Standaard in seinem Leitartikel. Inzwischen ist uns aufgegangen, dass ein Impfstoff unsere Probleme nicht schlagartig lösen wird; dass uns nicht sofort unser altes Leben zurückgeben wird. Die technischen und logistischen Herausforderungen sind riesig – viel größer jedenfalls, als wir gedacht hätten. Jetzt wissen wir: Auch im nächsten Sommer wird noch längst nicht jeder geimpft sein. In der Zwischenzeit sorgt die anstehende Wiedereröffnung der Schulen für gemischte Gefühle. Denn: Wir sind noch nicht aus der Gefahrenzone, die Lage in den Krankenhäusern ist weiter kritisch. Die dunklen Wolken bleiben also erstmal noch über unseren Köpfen hängen.

„Die Schulen so lange wie möglich offenlassen!“

Die Wiedereröffnung der Schulen dürfte noch für viele Diskussionen sorgen, orakelt De Morgen. Ist die Entscheidung vernünftig oder nicht? Die Wahrheit ist: Niemand kennt die Antwort. Und, weil die Wissenschaft noch kein klares Bild hat, wird das Ganze zur Glaubensfrage, bekommt die Diskussion fast religiöse Züge. Es gibt im Wesentlichen zwei mögliche Positionen. Aus der rein epidemiologischen Sicht kann man durchaus sagen: „Macht die Schulen dicht!“. Wie man eben alles auch geschlossen hat, von nicht-unerlässlichen Geschäften bis zu Veranstaltungsorten. Gerade hier gibt es aber auch noch eine andere Seite: Wir müssen an die junge Generation denken. Viele Schüler weisen schon jetzt einen enormen Lernrückstand auf. Außerdem weisen Studien darauf hin, dass immer mehr Jugendliche wegen der Corona-Maßnahmen inzwischen unter psychischen Problemen leiden. Offene Schulen sind in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Fazit: Wir können uns nicht den Luxus erlauben, diese Frage allein vom epidemiologischen Standpunkt aus zu betrachten.

Het Nieuwsblad sieht das ähnlich. Man darf die Schule und das Virus nicht gegenüberstellen. Hatte die Regierung sich nicht bei der Bekämpfung der Corona-Krise eine Reihe von Zielen gesetzt? Eins davon, das war und ist, die Schulen möglichst offen zu halten. Also, nochmal zur Verdeutlichung: Die Schule ist ein Ziel, kein Mittel zum Zweck, wie etwa die Horeca-Betriebe oder der Kultursektor, die den Zielen untergeordnet wurden. Das Ziel muss also bleiben, die Schüler so viel wie möglich zur Schule gehen zu lassen; bis es echt nicht mehr anders geht. Und dazu braucht man auch ein Mindestmaß an Stabilität: Man muss verhindern, dass sich die Rahmenbedingungen alle Nase lang wieder ändern…

Weihnachten – Von Porzellan und Elefanten

„Doch, was ist mit Weihnachten?“, fragen sich auch heute noch einige Zeitungen. Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke hat die Frage ja quasi abgewürgt: Für Spekulationen über Weihnachten sei es noch zu früh, sagte Vandenbroucke.

Dieses teuflische Virus hat nicht nur tausende Menschenleben gefordert, Familien zerstört, in Alten- und Pflegeheimen eine Schneise der Verwüstung hinterlassen, hat nicht nur unsere sozialen Kontakte auf ein Mindestmaß reduziert, jetzt zwingt es uns auch noch dazu, Weihnachten neu zu erfinden, seufzt La Libre Belgique. Weihnachten, das ist der Moment des Jahres, in dem sich die Familien zusammenfinden. Besser gesagt: „war“. Denn, Weihnachten 2020 wird wohl in die Geschichte eingehen als das Weihnachtsfest, das wir nicht im erweiterten Familienkreis feiern konnten. Vielleicht finden wir aber auch bei der Gelegenheit zurück zum ursprünglichen Geist von Weihnachten: Zum Bewusstsein, dass das Leben wertvoll und zugleich zerbrechlich ist.

„Was passiert mit Weihnachten?“, diese Frage ist alles nur nicht unmoralisch oder geschmacklos, meint Le Soir. Klar mag das auf den ersten Blick so aussehen, schließlich sterben täglich immer noch 200 Menschen in diesem Land an den Folgen einer Covid-Erkrankung. Dennoch: Weihnachten ist mehr als die Laune einer Horde von unverantwortlichen Egoisten. Das Fest steht vielmehr symbolisch für die zusammengeführte Familie, die sich um einen Tisch versammelt. Was am Ende möglich sein wird, das entscheiden die Zahlen. Entsprechend vorsichtig sollte jeder jetzt mit dieser Thematik umgehen. Weihnachten, das ist im Moment wie Porzellan: Entsprechend sollte man Elefanten fernhalten.

Trumpismus über alles?

Einige Zeitungen blicken auch heute wieder besorgt in die USA, wo sich der abgewählte Präsident Donald Trump ja weiter an die Macht klammert.

„Und das Opfer dieser Charade, das ist die amerikanische Demokratie“, beklagt Gazet van Antwerpen. Trump spricht von „großflächigem, massivem Wahlbetrug“; es gibt dafür nicht den Hauch eines Beweises. Aber, das interessiert Trump nicht. Er will nur Zweifel säen. Kein anderer Politiker käme mit einer solchen Nummer durch. Das zeigt, wie bedingungslos ihm seine Wähler folgen. Trump ist Spezialist im Schaffen von Parallelwelten. Die Vorgehensweise erinnert an die Nationalsozialisten im Deutschland der 1930er Jahre.

„Trump ist eine Gefahr für den Weltfrieden“, ist das GrenzEcho überzeugt. Zu seiner Entlastung heißt es zwar immer wieder, Trump habe keine Kriege angezettelt. Das stimmt aber nicht. Handelskriege sind auch Kriege. Zudem hat er sich Diktatoren wie Kim Jong Un an den Hals geworfen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Vernunft in den Reihen seiner republikanischen Partei dann doch die Oberhand gewinnt. Und dass Trump das Weiße Haus zum 20. Januar verlässt – wie es die Verfassung vorsieht.

Gleich wie es kommt, Trump wird sich nicht geschlagen geben, warnt aber Het Belang van Limburg. Er denkt ja schon darüber nach, einen eigenen Fernsehsender zu gründen. Um Rache zu nehmen an FoxNews, dem konservativen Fernsehkanal, von dem er sich verraten fühlt. Der ideale Trumpismus verträgt nun mal nichts anderes als Trump-Wahrheiten. Mit Hilfe einer eigenen Plattform könnte Trump also nach Herzenslust weiter Lügen in die Welt trompeten – die eine „alternative Wahrheit“. Da stellt sich nur eine Frage: Kann ein Politiker, der sich derartig über alle demokratischen Regeln hinwegsetzt, kann der überhaupt noch ein Politiker sein in einer Demokratie? Zufällig sind bei uns auch die nächsten Wahlen 2024. Wir sollten uns auch schon einmal eine Antwort auf diese Frage überlegen.

Roger Pint