Die Presseschau von Freitag, dem 16. Oktober 2020

Nervös richten die Zeitungen ihren Blick auf den am Freitag anstehenden Konzertierungsausschuss, bei dem strengere Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie beschlossen werden sollen. Auf den Titelseiten gibt es aber auch eine schöne Meldung: König Philippe hat seine Halbschwester Prinzessin Delphine empfangen.

Pflegepersonal in Schutzkleidung auf der Covid-Station des Sint Blasius-Krankenhauses in Dendermonde (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga

Pflegepersonal in Schutzkleidung auf der Covid-Station des Sint Blasius-Krankenhauses in Dendermonde (Bild: Nicolas Maeterlinck/Belga

„Belgien wird seine Corona-Maßnahmen anspitzen“, titelt Le Soir. Die Regierungen des Landes werden am Freitag im Rahmen eines Konzertierungsausschusses über die Lage beraten.

„Was wird dabei herauskommen?“, fragt sich Het Laatste Nieuws in dicken, roten Blockbuchstaben auf Seite eins. Einige Zeitungen geben die mögliche Antwort: „Es wird strenger, aber kein Lockdown“, meint etwa De Morgen. „Kein Lockdown wie im März, aber beinahe die höchste Alarmstufe“, glaube auch Het Belang van Limburg.

Beim Konzertierungsausschuss soll auch das Corona-Barometer vorgestellt werden. Eine Farbskala also, die Auskunft über das Infektionsgeschehen gibt und auch schon entsprechende Maßnahmen vorsieht. Würde man dieses Barometer gleich in Kraft setzen, dann gelte fast landesweit Code Rot.

Daraus ergeben sich quasi einige Schlagzeilen: „In den kritischen Zonen wird man wohl nur noch engeren Kontakt mit einer Person haben dürfen“, prognostiziert La Libre Belgique. „Weniger Kontakte und auch eine nächtliche Ausgangssperre sind im Gespräch“, schreibt Gazet van Antwerpen auf Seite eins. Die Titelzeile von De Standaard liest sich wie ein Fazit: „Das Corona-Barometer färbt sich gleich rot, unser soziales Leben bezahlt den Preis.“

Besser zu streng als zu lax

Die zweite Welle fühlt sich an wie ein zweiter Schlag mit dem Vorschlaghammer, beklagt La Dernière Heure. Alle Welt schaut auf den Konzertierungsausschuss, in Erwartung von neuen Maßnahmen, die eigentlich niemand hören will. Doch müssen wir der Realität ins Auge blicken: Die Corona-Zahlen sind zu hoch. Jetzt drohen wieder drastische Einschränkungen unserer sozialen Kontakte – ein Leben wie unter einer Käseglocke.

Aber sind die Bürger noch bereit oder in der Lage, diesen zweiten Aufwisch an Beschränkungen zu akzeptieren? In den letzten Wochen und Monaten hat sich Misstrauen breitgemacht. Eine Wahl haben wir aber wohl nicht.

Für Optimismus gibt es im Moment keinen Anlass, ist auch De Standaard überzeugt. Es steht zu befürchten, dass die neuen Maßnahmen drastisch ausfallen werden, gerade noch kein Lockdown. Die explodierenden Corona-Zahlen haben aber dafür gesorgt, dass viele Menschen sich inzwischen auch härtere Maßnahmen wünschen. Der Zweck heiligt die Mittel.

Und genau genommen gibt es drei Ziele: Die Schulen müssen offen bleiben, die Unternehmen müssen weiterdrehen und die Krankenhäuser müssen in der Lage bleiben, jedem Bürger in Not zu helfen.

Es ist besser, jetzt im Zweifel zu streng zu sein, als zu lax, glaubt Het Nieuwsblad. Nach dem Motto: Wenn schon, dann auch richtig. Um diese schmerzliche Phase schnell hinter sich lassen zu können.

Alle sind gefordert!

Es ist zum Verzweifeln, lamentiert La Libre Belgique. Die große Mehrheit der Bürger wird hier zu Opfern des unangepassten, zum Teil riskanten Verhaltens einer kleinen Minderheit. Und das gilt insbesondere für Unternehmen und Selbstständige, die sich aufwendig umgestellt, die in teure Schutzmaterialien investiert hatten. Für sie muss sich das Ganze besonders ungerecht anfühlen.

Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, an dem unangepasstes Verhalten geahndet werden muss. Wir können nicht länger akzeptieren, dass unser soziales, berufliches oder kulturelles Leben von einer kleinen Gruppe Menschen verhagelt wird, die die Risiken entweder leugnen oder kleinreden. Wir müssen alles tun, um einen neuen, allgemeinen Lockdown zu verhindern.

Die Verantwortung für das Gemeinwesen liegt nicht nur bei den Regierenden, wir alle sind gefordert, meint auch das GrenzEcho. Wir, die mündigen Bürger, können eine erneute Verschärfung der Regeln noch verhindern. Und zwar, indem wir in den kommenden Wochen so vernünftig, solidarisch und vorsichtig agieren, wie eben möglich.

Schuldzuweisungen führen im Moment zu nichts. Schuld sind die Unvernünftigen. Diejenigen, die in den letzten Wochen die Zügel haben schleifen lassen. Und das sind wir wohl alle. Entsprechend müssen wir alle uns disziplinieren. Die Lösung ist ganz einfach, meint auch Het Laatste Nieuws: Wir müssen unsere Kontakte einschränken, weniger Menschen sehen.

Laut Berechnungen von Statistikern könnte man die Zahl der Krankenhausaufnahmen auf 400 pro Tag begrenzen, wenn wir alle unsere Kontakte um nur 10 Prozent verringern. Bei 20 Prozent wären es nur noch 250 Krankenhausaufnahmen. Nur um zu sagen: Schon vergleichsweiße bescheidene Verhaltensänderungen hätten in der Summe eine signifikante Wirkung.

Wir müssen jetzt ein paar Wochen lang auf die Zähne beißen. Das schönste Weihnachtsgeschenk, das wir uns in diesem Jahr machen können, wäre, dafür zu sorgen, dass Weihnachtsfeiern im Familienkreis möglich sind. Dann wäre Weihnachten mehr denn je das Fest des Lichts und der Hoffnung.

Eine große Geste von König Philippe

Auf vielen Titelseiten sieht man aber auch ein aufsehenerregendes Foto. Zu sehen sind König Philippe und Delphine von Sachsen-Coburg. Der König hat seine Halbschwester zum ersten Mal empfangen. „Es war ein warmes Treffen“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. „Und das hat sie verdient.“, bemerkt Het Laatste Nieuws.

Eine große Geste, lobt Le Soir in seinem Leitartikel. König Philippe hat hiermit Delphine in den Rang eines legitimen Mitglieds der Königsfamilie erhoben. Er hat dafür den frühestmöglichen Zeitpunkt gewählt. Als Staatsoberhaupt musste der König erst das Ende der Gerichtsprozedur abwarten, auf die Gefahr hin, den Eindruck zu erwecken, dass man die Justiz übergeht.

Mutig ist der Schritt vor allem auf persönlicher Ebene. Indem er Delphine empfangen hat, hat sich Philippe zum Familienvereiniger gemacht, zum Chef einer Familie, die er selbst nie gehabt hat. Das ist ein Akt der Würde und der Menschlichkeit.

In den letzten sieben Jahren hat König Philippe alle Vorurteile aus der Welt geschafft, meint Het Belang van Limburg. Jahrzehntelang verfolgten ihn die Worte des Hofmarschalls Herman Liebaers: „Er kann es nicht“, sagte der 1991 in einem Interview. Seit seinem Amtsantritt 2013 hat Philippe bewiesen: „Er kann es doch.“

Auch De Morgen ist voll des Lobes. Die Geste des Königs ist nicht nur historisch, sondern auch herzerwärmend. Und ganz nebenbei: Das ist nicht das erste historische Ereignis, in dem König Philippe eine zentrale Rolle spielt. Auch innenpolitisch hat er entscheidende Akzente gesetzt, mit dem Resultat, dass wir jetzt doch eine neue Regierung haben.

In diesen düsteren Zeiten wird unser König, zugegebenermaßen unerwartet, zu einer regelrechten Lichtgestalt. Schlicht und einfach, indem er zeigt, dass es immer noch Hoffnung gibt. Und Menschlichkeit.

Roger Pint