Die Presseschau von Freitag, dem 11. September 2020

Der Nacktfoto-Skandal um bekannte Flamen beschäftigt heute vor allem die flämische Presse. Andere Blätter hingegen kritisieren vor dem Hintergrund des Brands im Flüchtlingslager Moria die EU-Migrationspolitik. Ein weiteres Thema: sechs Monate Leben mit Corona.

Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos (Bild: Angelos Tzortzinis/AFP)

Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos (Bild: Angelos Tzortzinis/AFP)

„Bekannte Flamen machtlos gegen Verbreitung von Nacktfotos und -videos“, titelt De Standaard. „Nacktbilder von Stan Van Samang und anderen bekannten Flamen kommen von einem ‚Superverbreiter'“, schreibt Gazet van Antwerpen auf Seite eins. „Stan Van Samang reicht als Erster Klage ein“, so die Überschrift bei Het Laatste Nieuws.

Flandern wird von einem Sexskandal erschüttert. Genauer gesagt geht es um die massive Verbreitung pikanter Aufnahmen flämischer Prominenter in den sozialen Medien. Eines der Opfer: der Sänger und Schauspieler Stan Van Samang.

Bildersturm mit Orkanstärke

Nimmt man die Verbreitung als Maß, muss man zu dem Schluss kommen, dass Tausende Flamen kein Problem damit haben, Nacktbilder anderer Menschen weiter zu schicken, kommentiert De Standaard. Selbst, wenn das absolut verboten ist. Moralisten zeigen jetzt mit dem Finger auf die prominenten Opfer oder sagen sogar, dass sie es ja selbst provoziert haben. Aber sexuelle Kommunikation ist so alt wie die Menschheit selbst. Sie hat sich aber mit der Technik weiterentwickelt. Heutzutage ist es so einfach, solche Bilder zu verbreiten. Und einmal verschickt, kann man sie nie wieder zurückholen. Und das kann dramatische Folgen haben.

Bei Promis kann man vielleicht noch erwarten, dass sie ein dickes Fell entwickeln. Aber bei den zahllosen Teenagern, denen so etwas auch zustößt, kann das schwere Traumata verursachen. Es sind nicht die bekannten Flamen, die sich hier falsch verhalten haben, sondern die Menschen, die die Bilder im Internet posten. Diese Tausende von Menschen begehen nicht nur eine Straftat, sie sollten sich auch schämen, wettert De Standaard.

Het Laatste Nieuws glaubt, dass sich wahrscheinlich noch nie so viele Flamen strafbar gemacht haben, wie diese Woche. Ob sie sich damit nur einen Spaß machen wollten, oder vielleicht gar keine schlimmen Absichten hatten, spielt da keine Rolle. Für sich genommen mag das Weiterschicken durch eine einzelne Person wie eine Lappalie erscheinen, aber dadurch, dass so viele Menschen das tun, hat der Bildersturm schnell Orkanstärke erreicht. Auch Prominente haben das gleiche Recht auf Privatsphäre wie alle anderen Menschen auch.

Die ganze Geschichte hat vielleicht nur einen positiven Aspekt: Dass wir besser begreifen, welche vernichtende Macht die sozialen Medien, die wir jeden Tag benutzen, haben können. Viel wichtiger als jede Strafe, ist auch, zu verstehen, welche schrecklichen Folgen das Teilen solcher Inhalte haben kann. Wer aber auch in die Pflicht genommen werden muss, sind die Internetkonzerne selbst. Sie fahren riesige Gewinne ein. Wenn sie nicht freiwillig in die Bekämpfung illegaler Inhalte investieren, dann müssen wir sie eben dazu zwingen, fordert Het Laatste Nieuws.

Machtlosigkeit, Passivität und Aktionismus

L’Avenir greift die verheerenden Brände im griechischen Flüchtlingslager Moria auf. Das Drama illustriert einmal mehr die Machtlosigkeit Europas in der Flüchtlingsfrage. Und seine Passivität dem Populismus gegenüber. Die Corona-Krise hat die Migrationsproblematik natürlich in den Hintergrund gedrängt. Verschwunden ist sie deswegen aber noch lange nicht. Angesichts der Bilder und der unmenschlichen Zustände, die sie wieder gezeigt haben, muss man sich die Frage stellen, was vom europäischen Projekt noch übrig ist. Ein Projekt, das ursprünglich vor allem auf Solidarität aufgebaut wurde. Europa versteckt sich hinter seinen Mitgliedsstaaten und die anderen haben Länder wie Italien und Griechenland mit dem Problem der Flüchtlinge vor allem alleine gelassen. Damit haben sie auch rassistischem Extremismus den Weg geebnet, analysiert L’Avenir.

Das GrenzEcho kritisiert den jetzt ausgebrochenen Aktionismus. Die Politiker übertreffen sich gegenseitig mit Hilfsangeboten für die Flüchtlinge. Ob sie hoffen, dass ihre plötzlich (wieder)entdeckte Fürsorgepflicht vergessen macht, dass die Europäische Union seit vielen Jahren nicht in der Lage ist, eine menschenwürdige europäische Flüchtlingspolitik zu etablieren? Jetzt fühlen sich plötzlich alle bemüßigt, sich zum Feuerwehrmann aufzuschwingen. Der Eindruck verfestigt sich, dass die Politik das Heft des Handelns längst aus der Hand gegeben hat, schon lange nicht mehr gestaltet und lediglich noch auf medienwirksame Ereignisse reagiert, giftet das GrenzEcho.

Das Schlimmste: die Unvorhersehbarkeit

Gazet von Antwerpen schließlich erinnert daran, dass es dieses Wochenende ein halbes Jahr her sein wird, dass Belgien in den Corona-Lockdown gehen musste. Und es fühlt sich noch viel länger an! Das Coronavirus hat sich mittlerweile in unser tägliches Leben eingenistet. Und jedes Mal, wenn wir dachten, zu unserem früheren Leben zurückkehren zu können, sind unsere Hoffnungen betrogen worden. Das ist vielleicht das Schwierigste an diesem Virus: seine totale Unvorhersehbarkeit. Gerade für uns moderne Menschen mit unseren von früh bis spät durchorganisierten Leben ist das ein Albtraum.

Das letzte halbe Jahr hat uns gelehrt, dass wir weiter mit dem Virus leben werden müssen. Und dass es enorm viel Geld und auch Kraft kosten wird, die angerichteten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schäden zu reparieren. Die Frage ist, ob es noch genug Solidarität dafür in der Bevölkerung gibt. Und auch, ob wir vielleicht irgendwann mal eine Regierung haben werden, die sich diesen Herausforderungen stellen wird, so Gazet von Antwerpen.

Boris Schmidt