Die Presseschau von Mittwoch, dem 9. September 2020

Das Coronavirus hat jetzt auch in der Rue de la Loi zugeschlagen. Vorregierungsbildner Egbert Lachaert hat sich infiziert. Das wirft die ohnehin schon mühsamen Verhandlungen über den Haufen. Ein anderes Thema ist ein möglicher Corona-Impfstoff der, glaubt man den Experten, schon im Frühjahr 2021 zur Verfügung stehen soll.

Der Open-VLD-Vorsitzende Egbert Lachaert

Der Open-VLD-Vorsitzende Egbert Lachaert (Archvibild: Nicolas Maeterlinck/BELGA)

„Covid wirft Regierungsverhandlungen über den Haufen“, titelt heute Le Soir. „Coronavirus infiziert Regierungsbildung“, schreiben De Standaard und Het Belang van Limburg, und Het Nieuwsblad fasst kurz zusammen: „Auch das noch!“.

Auf einigen Titelseiten ist heute Egbert Lachaert zu sehen. Der OpenVLD-Vorsitzende und seines Zeichens einer der beiden Vorregierungsbildner hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Er muss jetzt zwei Wochen in Quarantäne. Das bedeutet: Die Verhandlungen zur Bildung einer Föderalregierung sind fürs Erste ausgesetzt, sollen aber per Videokonferenz weitergehen.

Le Soir kommentiert das Ganze so: „Die Nachricht der Infizierung von Egbert Lachaert mitten in seiner Mission veranschaulicht perfekt das Risiko, das man eingeht, wenn man ein aktives Leben weiterführt. Es zeigt aber auch die Notwendigkeit, das zu tun. Covid-19 kann nicht alles stilllegen. Jeder von uns muss sein Leben, seine Karriere und seine Projekte wieder aufnehmen. Ja, das Virus geht um. Und trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kann es uns treffen. Das ist aber kein Grund, unser Leben in den Kühlschrank zu stellen auf die Gefahr hin, dass es uns noch einfriert. Und wo wir gerade dabei sind: Schande über diejenigen, die jetzt versuchen, diesen außergewöhnlichen Moment politisch zu instrumentalisieren. Man mag vielleicht nicht mit den Ideen oder den Koalitionen einverstanden sein. Aber man sollte niemals davon profitieren, wenn der Gegner gerade getroffen ist.

Alles hat seine Vorteile

Het Belang van Limburg sieht auch Positives darin. Zweifellos werden die Verhandlungen darunter leiden, denn das Virus hat im schlechtmöglichsten Moment zugeschlagen. Jetzt, wo sowohl inhaltliche als auch wichtige personelle Fragen geklärt werden müssen. Eins ist sicher. Die Deadline vom 17. September war sowieso schon knapp bemessen und wird durch den positiven Corona-Test von Lachaert komplett unhaltbar. Aber wie Hollands Fußballlegende Johan Cruyff einst sagte: „Jeder Nachteil hat auch seinen Vorteil“. Die Quarantäne hält unsere Politiker von den Fernsehstudios fern und schickt sie in die Exerzitien. Das erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit enorm.

Het Nieuwsblad schreibt dazu: Das Ganze zeigt nochmal auf, wie schlecht die Quarantäne-Regeln befolgt werden. Selbst bei den Top-Politikern, die die Politik mit unterschrieben haben. Natürlich wäre Lachaert bei den ersten Symptomen besser im Bett geblieben. Zweifellos arbeitete er weiter, weil seine Arbeit nun einmal wichtig ist. Aber das gilt auch für den Unternehmer, der versucht seinen Betrieb über Wasser zu halten. Oder für den Arbeitnehmer, der eine wichtige Deadline einzuhalten hat, oder sich einfach nur Sorgen um seinen Job macht. Nicht jeder hat den Luxus, zwei Wochen lang von zu Hause aus zu arbeiten. Auch da muss ein lebbares Gleichgewicht gefunden werden. Die Politiker jedenfalls können sich nicht erlauben, andere zu maßregeln und sich selbst nicht daran zu halten.

Das Rennen ist noch nicht gewonnen

De Standaard beschäftigt sich heute in seinem Leitartikel mit einem möglichen Impfstoff gegen das Coronavirus. Dass jetzt bereits ein halbes Dutzend Impfstoffe getestet werden, ist ein wirtschaftlicher und industrieller Triumph. Aber die rasende Schnelligkeit sät auch Zweifel. Der politische Druck wiegt so schwer, dass sogar die Pharmaunternehmen sich um die Glaubwürdigkeit ihres Impfstoffs Sorgen machen. Vorreiter ist Donald Trump. Der US-Präsident beschädigt den vorbildlichen Ruf der Food-and-Drug-Administration.

In Belgien verbreitet der Chef der Föderalen Agentur für Arzneimittel und Gesundheitsprodukte riskante optimistische Prognosen, dass die ersten Ladungen schon im März verfügbar sein werden. Das vergrößert die Befürchtungen, was denn nun das Schimmere ist: ein Impfstoff, der schlecht wirkt, oder einer, der Misstrauen weckt. Oder führt das eine sogar zum anderen? Das Rennen ist nicht gewonnen an dem Tag, an dem der Impfstoff verfügbar ist, sondern an dem Tag, an dem 80 Prozent der Bevölkerung geimpft ist mit einem wirksamen Impfstoff ohne schwere Nebenwirkungen. Die Pharmaindustrie hat begriffen, dass sie ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit nicht von Impfgegnern und Verschwörungsgläubigen aufs Spiel setzen darf. Die Gesundheitsbehörden scheinen das noch nicht begriffen zu haben.

Die Fortschritte sind beachtlich

La Libre Belgique ruft vor diesem Hintergrund zu mehr Optimismus auf. Lasst uns die Wolken für ein Moment mal beiseite schieben und halten wir uns mal an einigen erfreulichen Tatsachen fest, vor allen Dingen im Bereich Gesundheit. Wissenschaft, Forschung, Medizin, Chirurgie und Neuropsychiatrie haben in den letzten Jahren immense Durchbrüche erlangt. Die Fortschritte sind beachtlich und erlauben es, Leiden zu lindern, Erb- und Kinderkrankheiten schneller zu behandeln und manche Beschwerden genauer zu diagnostizieren. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit könnte eine Pandemie gebremst werden durch einen Impfstoff, der gerademal in einem Jahr entwickelt wurde.

Das Alles, bei aller Dringlichkeit, dank eines unerschütterlichen Willens talentierter und entschiedener Forscher in der ganzen Welt. Dieser Fortschritt ist bemerkenswert, wenn nicht sogar unglaublich. Europa hat viel zu viele Kriege erlebt, um jetzt vor einem Virus zu kneifen. Sicherlich hat er viele Opfer gefordert. Aber er hat uns auch an den Wert unserer Leben und das unserer Liebsten erinnert.

Volker Krings