Die Presseschau von Montag, dem 10. August 2020

Viele Leitartikel beschäftigen sich heute mit den Zuständen an den belgischen Badestränden vergangenes Wochenende. Anlass sind unter anderem Ausschreitungen in Blankenberge. In diesem Kontext werden auch die ergriffenen Maßnahmen und allgemeiner das Corona-Krisenmanagement hitzig diskutiert.

Am Bahnhof von Blankenberge, 9. August (Bild: Kurt Desplenter/Belga)

Am Bahnhof von Blankenberge, 9. August (Bild: Kurt Desplenter/Belga)

„Aufgeheizte Gemüter an der Küste“, schreibt Le Soir auf Seite eins. „Chaos, Gedränge und Schlägereien – aber die Sonderzüge bleiben“, so die Überschrift bei Het Belang van Limburg. Und La Dernière Heure titelt: „Die Kollateralschäden nach der ‚Schlacht‘ von Blankenberge – die Tagestouristen sind an der Küste unerwünscht“.

Das Wochenende, vor allem an der Küste, war nicht nur wegen der Temperaturen heiß. In Blankenberge beispielsweise kam es zu einer wüsten Massenschlägerei zwischen Jugendlichen und Ordnungskräften.

Was in Blankenberge passiert ist, war quasi vorprogrammiert, schreibt De Morgen in seinem Leitartikel. Weil die Belgier wegen Corona massenhaft zu Hause bleiben, ist ein Ausflug ans Meer während der Hitzewelle eine offensichtliche Wahl. Schon seit Tagen warnten die Küstenbürgermeister, dass der Touristenzustrom die erlaubten Kapazitäten sprengen würde. Dafür sorgten am Samstag allein schon die Tagestouristen, die mit der Bahn anreisten. Aber die Forderung der Bürgermeister, keine Sonderzüge an die Küste mehr einzusetzen, stieß bei der SNCB auf taube Ohren, sie verwies auf die Regierung. Und eine Antwort der Regierung kam auch viel zu spät. Nach der Saga um die Antwerpener Ausgangssperre ist das ein weiteres Beispiel, wie die Regierung die lokalen Behörden beim Management der Corona-Krise zappeln lässt, kritisiert De Morgen.

Rechte, aber auch Pflichten

Auch La Libre Belgique ist über die Herangehensweise der Behörden in Sachen Corona nicht glücklich. Improvisation, Schlamperei, Verwirrung, Chaos und Durcheinander… Diese Worte kommen einem dazu meistens in den Sinn. Und das Wochenende an der Küste war da keine Ausnahme. Man musste kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass die Hitzewelle Zehntausende an die Küste treiben würde. Schon letzte Woche war die Lage zum Beispiel im Bahnhof von Ostende chaotisch. Dass das inakzeptable und unverantwortliche Verhalten einer kleinen Minderheit zu Zugangsbeschränkungen in manchen Küstenorten geführt hat, war gerechtfertigt.

Das Ziel muss sein, sicherzustellen, dass Einwohner, Urlauber und Tagestouristen wieder in einer gewissen Harmonie die Küste genießen können. Das kann aber nur klappen, wenn die Verantwortlichen vor Ort ihre Strategie und ihr Vorgehen koordinieren. Anstatt widersprüchliche Aussagen in die Welt zu posaunen, wie es beispielsweise zwischen der der föderalen Ebene unterstehenden SNCB und den örtlichen Behörden der Fall war. Es geht nicht darum, Menschen, die das Recht haben, sich überall in Belgien zu bewegen, aus bestimmten Gebieten zu verbannen. Es muss aber klar sein, dass dieses Recht nicht grenzenlos ist und dass es auch Pflichten mit sich bringt, auch und besonders im Kontext des Kampfes gegen das Coronvirus, mahnt La Libre Belgique.

„Vollkommen überzogene Maßnahmen“

Für Het Nieuwsblad waren die Vorfälle in Blankenberge kein aus dem Ruder gelaufener Tumult, sondern die Aktion einer Gruppe, die schon mit dem Ziel, Krawall zu machen, zur Küste gekommen war. Das kann man nicht streng genug verurteilen und es ist absolut inakzeptabel. Aber die politische Reaktion auf das Fehlverhalten einiger Hitzköpfe war vollkommen überzogen. Geschlossene Bahnhöfe, Touristen, die auf den Zufahrtsstraßen zur Umkehr gezwungen wurden und willkürliche Kontrollen von Jugendlichen: Die örtlichen Bürgermeister haben jegliches Augenmaß verloren. Solche Reaktionen haben selten den gewünschten Effekt. Viel öfter führen sie zu Frust bei denen, die es zu Unrecht trifft.

Außerdem waren die Entscheidungen der Bürgermeister kurzsichtig und nicht ungefährlich, wurde das Problem doch teilweise einfach nur über die Gemeindegrenze zu den Nachbarn geschoben. Das vergangene Wochenende hat einmal mehr schmerzlich deutlich gemacht, dass im Krisenmanagement eine „Jeder für sich“-Mentalität vorherrscht. Und das hilft in den seltensten Fällen, befürchtet Het Nieuwsblad.

Was wir in dieser Diskussion überhaupt nicht brauchen können, sind Verallgemeinerungen, hält Het Belang van Limburg fest. Dass die Rechtsextremen die Bilder aus Blankenberge zur Anstachelung rassistischer Gefühle nutzen würden, war genauso vorhersehbar, wie es unverantwortlich ist. Hunderte andere Menschen mit Migrationshintergrund haben sich schließlich am gleichen Strand vollkommen normal verhalten. Das grundsätzliche Problem waren die zu großen Menschenmengen an der Küste.

Die Lehre aus dem letzten Wochenende muss sein, dass wir vor allem ein einheitliches Vorgehen brauchen – und eine Koordination der Maßnahmen. Wofür haben wir denn die Farbcodes an der Küste? Die Züge müssen darauf abgestimmt werden, und dann dürfen auch nicht mehr Menschen an die entsprechenden Strände. Voll heißt voll. Wer dann trotzdem ans Meer will, muss eben an einen anderen Strand. Bei 67 Kilometern Küstenlinie gibt es mehr als genug Platz, erinnert Het Belang van Limburg.

Auch die gesellschaftliche Gesundheit ist wichtig

L’Avenir gibt zu bedenken, dass die ersten Opfer von so radikalen Maßnahmen wie der Streichung von Zügen, oft die Jugendlichen sind, denen oft gar kein anderes Verkehrsmittel zur Verfügung steht. Oder allgemeiner all diejenigen, die sich kein Apartment am Meer oder eine Woche im Hotel leisten können. Die Corona-Krise und mehr noch die dagegen ergriffenen Maßnahmen enthüllen auf schmerzliche Weise die Bruchlinien und Ungleichheiten in unserer Gesellschaft. Das müssen wir nicht zum ersten Mal feststellen. Es gibt Gründe, dass es Jugendliche aus bestimmten Stadtvierteln sind, die explodieren – sie leiden immer mehr unter der Hitze und den vielleicht sehr strengen Maßregeln.

Im Sinne der gesellschaftlichen Gesundheit sind die wahren Herausforderungen, die Spannungen zu entschärfen, über das Wohl der gesamten Bevölkerung zu wachen und sicherzustellen, dass es bei den von den Menschen verlangten Anstrengungen ein Gleichgewicht gibt. Das ist genauso wichtig, wie eine Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern, fordert L’Avenir.

Boris Schmidt