Die Presseschau von Mittwoch, dem 29. Juli 2020

Die Titelseiten und Leitartikel der Zeitungen drehen sich heute quasi alle um die erneute Ausbreitung des Coronavirus in Belgien, beziehungsweise besonders um die vom Nationalen Sicherheitsrat und der Antwerpener Provinzgouverneurin beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionsherde.

Coronavirus-Kontrollzentrum in Antwerpen (Bild: Dirk Waem/Belga)

Coronavirus-Kontrollzentrum in Antwerpen (Bild: Dirk Waem/Belga)

„Liebe Antwerpener, …“ – statt einer normalen Titelseite bringt Gazet Van Antwerpen heute einen ganzseitigen Brief der Provinzgouverneurin Cathy Berx. Darin bittet sie die Menschen um Verständnis für die Einschränkungen und darum, die Regeln zu befolgen. „Berx lässt Bart De Wever durch strenges Vorgehen rot werden“, schreibt De Standaard auf Seite eins. Und das GrenzEcho fasst zusammen: „Ausgangssperre und flächendeckende Maskenpflicht – Provinz Antwerpen zieht die Reißleine“.

Die Beschlüsse des Nationalen Sicherheitsrates und der Antwerpener Provinzgouverneurin werden von Virologen, Epidemiologen und dem Gesundheitssektor begrüßt, hält De Tijd fest. Auch ein Teil der Belgier findet die Maßregeln gerechtfertigt und die verursachten Unannehmlichkeiten akzeptabel. Aber bei anderen stoßen die Entscheidungen auf Unverständnis und sogar Wut. Sie finden die Einschränkungen unverhältnismäßig, zu einschneidend für das gesellschaftliche Leben, wirtschaftlich zu schädlich.

Die Unzufriedenheit der meisten Betroffenen ist nachvollziehbar und nicht immer ungerechtfertigt. Die Maßnahmen sind so brutal und allgemein, dass es unweigerlich zu Begleitschäden kommt. Das ist vielleicht unfair, aber für eine feinere Herangehensweise war keine Zeit. Und praktisch betrachtet sind breite Maßregeln auch leichter zu kontrollieren und zu handhaben. Der Holzhammer musste herausgeholt werden, weil kein feines Chirurgenbesteck vorhanden war, um gezielt und effizient gegen die Infektionsherde vorzugehen. Nach der zweiten Welle kommt vielleicht eine dritte. Oder auch eine vierte. Lasst uns dann verdammt nochmal sicherstellen, dass wir dann die geeigneten Instrumente haben, um örtliche Virusausbrüche schnell und zielsicher zu bekämpfen, fordert De Tijd.

Eingeständnis des Scheiterns

Für Le Soir ist das jetzige Wiederaufflackern der Epidemie nicht mit der ersten Welle vergleichbar. Wir wussten, dass das Virus immer noch da war, aber wir wollten es vergessen. Jetzt ist es uns deutlich ins Gedächtnis gerufen worden: Niemand ist vor einer Rückkehr des Virus‘ geschützt. Aber dieses Mal wissen wir, womit wir es zu tun haben. Und wir wissen, welche Werkzeuge wichtig sind.

Deswegen ist jetzt der Augenblick, um die Lehren aus der ersten Welle anzuwenden. Um bereits gemachte Fehler nicht zu wiederholen. Es besteht nämlich die Gefahr weiterer Neuausbrüche. Und da kann man nicht jedes Mal landesweit Einschränkungen einführen. So eine Lösung wie am Montag ist ein Eingeständnis des Scheiterns. Und bei Wiederholung besteht das Risiko, dass sich die Bürger nicht mehr an die Regeln halten werden, warnt Le Soir.

Es gibt keine schmerzlose Corona-Strategie

Auch Het Laatste Nieuws vermisst eine deutliche Strategie. Eine der wichtigsten Lektionen im Management lautet, dass erst eine Strategie festgelegt werden muss, bevor über deren Umsetzung diskutiert werden kann. In Belgien variiert die Strategie in Abhängigkeit davon, ob die Infizierten-Zahlen steigen oder fallen. Und davon, ob es Virologen oder Politiker sind, die die Initiative ergreifen. Es gibt keine schmerzlose Corona-Strategie. Aber eines ist sicher: Wenn man keine klare Wahl trifft und sie dann konsequent und mutig verteidigt, drohen die Schmerzen noch viel länger anzuhalten, mahnt Het Laatste Nieuws.

De Morgen kommt auf die Kommunikation der Entscheidungen des Nationalen Sicherheitsrates zurück. Die Bürger werden mit undeutlichen neuen Maßregeln und sich widersprechenden Erklärungen verschiedener Minister zermürbt. Dahinter kann man fast schon Absicht vermuten: Um keinen neuen Lockdown verkünden zu müssen, verpacken die Politiker die Entscheidungen so kompliziert, dass die Menschen irgendwann jegliche Lust verlieren, sie nachzuvollziehen. Bis die Bürger irgendwann beschließen, sich quasi selbst und freiwillig in einen Lockdown zu begeben, glaubt De Morgen.

Vor der eigenen Haustüre kehren

Wir alle sollten am besten vor der eigenen Haustüre kehren, meint hingegen Het Belang van Limburg. Hören wir auf, die schlechte Kommunikation des Nationalen Sicherheitsrats zu bemängeln und als Entschuldigung zu benutzen, um strengere Maßregeln zu umgehen. Der Kampf gegen das Virus steht und fällt mit dem individuellen Verantwortungsgefühl von jedem von uns. Und die Situation ist so ernst, dass auch Bürgermeister und N-VA-Chef Bart De Wever und auch andere Politiker ihre Wortgefechte über die Verantwortung für die neuen Ausbrüche besser lassen sollten, findet Het Belang van Limburg.

Apropos Bart De Wever: La Dernière Heure stellt sich die Frage, warum in Antwerpen eigentlich kein neuer Lockdown verhängt worden ist. In anderen Gemeinden wäre das unter vergleichbaren Umständen vielleicht sehr wohl passiert. Die Sperrstunde und die Maskenpflicht werden vielleicht eine wirtschaftliche Rezession in der Stadt vermeiden. Vom sanitären Standpunkt aus gesehen, scheinen diese Maßnahmen aber recht nutzlos beim Kampf gegen das Virus. Hoffentlich liegt die Antwort auf diese Frage nicht in einem politischen Kuhhandel mit der N-VA über die Bildung einer zukünftigen Regierung, stichelt La Dernière Heure.

Boris Schmidt

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150