Die Presseschau von Donnerstag, dem 23. Juli 2020

Alle Blicke richten sich auf den nationalen Sicherheitsrat. Die Vertreter aller Regierungen des Landes werden voraussichtlich einige Corona-Maßnahmen wieder verschärfen. Einige Bürgermeister sind schon vorgeprescht, was aber vielleicht auch nur eine Vorwegnahme ist. Die Antwort auf eine mögliche zweite Welle liegt nämlich wohl auf der lokalen Ebene, und auch bei uns.

Abstandsmaßnahme im Eupener Krankenhaus (Bild: Katrin Margraff/BRF)

Illustrationsbild: BRF

„Die restriktiven Corona-Maßnahmen sind zurück“, titelt L’Echo. „Covid: die Bürgermeister werden zu Hilfe gerufen“, schreibt Le Soir auf Seite eins. Heute kommt erneut der Nationale Sicherheitsrat zusammen. Es wird erwartet, dass die Vertreter aller Regierungen des Landes einige Schrauben wieder anziehen werden. So ist insbesondere eine Ausweitung der Maskenpflicht im Gespräch.

„Bart De Wever weist dem Nationalen Sicherheitsrat den Weg“, bemerkt aber das GrenzEcho. De Standaard formuliert es allgemeiner: „Die Bürgermeister übernehmen im Kampf gegen Corona die Initiative“, so die Schlagzeile. „Jede Gemeinde hat ihren Schlachtplan“, schreibt auch Het Nieuwsblad.

Die Bürgermeister rücken ins Zentrum

Gestern hat die Stadt Antwerpen auf die steigenden Corona-Zahlen reagiert. Vor allem in Antwerpen war ja zuletzt die Zahl der Neuinfektionen spürbar gestiegen. Unter anderem wurde dort jetzt eine Ausweitung der Maskenpflicht beschlossen. Auch Ostende hat einige Maßnahmen verschärft. „Es gibt viel Verständnis für die strengere Vorgehensweise“, so die Schlagzeile von Het Laatste Nieuws. „Mehrere Bürgermeister ziehen die Schrauben wieder an, ohne auf den Nationalen Sicherheitsrat zu warten“, bemerkt ihrerseits La Libre Belgique.

Aber auch das mag eine Vorwegnahme sein. Auf dem Tisch des Nationalen Sicherheitsrats liegt nämlich auch ein „Drehbuch“, das lokale Maßnahmen gegen die Epidemie ermöglichen soll. Damit würden also die Bürgermeister ins Zentrum der Corona-Bekämpfung rücken, meint sinngemäß Het Belang van Limburg. Sie könnten noch gezielter als bisher lokale Krankheitsherde eindämmen. Bis hin zur Verhängung eines lokalen Lockdowns. Hoffentlich muss es nicht so weit kommen, aber immerhin haben wir das jetzt größtenteils selbst in der Hand, in allen Belangen.

„Wir brauchen jetzt Präzisionsarbeit“

Wenigstens hat Bart De Wever als Bürgermeister von Antwerpen aus seinen Fehlern gelernt, meint Het Nieuwsblad. Zu Beginn der Epidemie gehörte er noch zu denen, die auf der Bremse standen und allzu drastische Maßnahmen ablehnten. Jetzt ist es umgekehrt. Jetzt wartet er nicht mal den Nationalen Sicherheitsrat ab, um neue, strengere Maßnahmen zu verkünden. Und damit weist er den Weg. Lokale Wendigkeit ist die beste Antwort auf die drohende zweite Krankheitswelle, da die sich wohl vor allem durch lokale Ausbrüche manifestieren wird. Die schnelle Reaktion der Stadtverantwortlichen in Antwerpen und auch Ostende legt aber zugleich auch die Schwächen der übergeordneten Ebenen offen, vor allem deren Trägheit. Der Nationale Sicherheitsrat wird am Ende eine Woche gebraucht haben, um zu beschließen, was zumindest teilweise schon seit Tagen auf dem Tisch liegt.

Das alles muss immer noch besser werden, meint auch sinngemäß De Tijd. In den letzten Tagen haben wir wieder Minister gesehen, die sich gegenseitig widersprochen haben. Jetzt sehen wir Bürgermeister, die lokale Maßnahmen beschließen. Vor drei Wochen war der Bürgermeister von Deinze genau deswegen noch zurückgepfiffen worden. Der allgemeine Eindruck ist der eines unglaublichen Durcheinanders. Hoffentlich kann der Nationale Sicherheitsrat da heute endlich mal Klarheit schaffen: Klare Kommunikation und klar definierte Zuständigkeiten, mit anderen Worten: Präzisionsarbeit!

Ein Fall für Verhaltenspsychologen!

Denn im Moment stolpern wir regelrecht langsam, aber sicher in die zweite Welle, beklagt De Morgen. Doch das sind wir letztlich auch kollektiv selbst schuld. Belgier, Europäer, wir alle werden gerade richtiggehend verraten, und zwar durch den Mangel an Ernsthaftigkeit und Vorsicht im Angesicht dieses zerstörerischen Virus. Die mörderische erste Welle hat wohl für einige unserer Zeitgenossen noch nicht gereicht, um sie zur Vorsicht zu ermahnen, oder um unsere Behörden zu mehr Ambition und Reaktionsschnelligkeit anzuhalten. Hier geht es nicht um die Frage, ob die belgischen Regierungen jetzt besser oder schlechter reagieren als die in den Nachbarländern, hier geht es um uns alle. Mehr als das Virus unterschätzen wir die Biegsamkeit des menschlichen Geistes. Eine Haltung nach dem Motto: „Naja, einmal darf ich doch wohl sündigen, morgen bin ich dafür dann auch wieder ganz brav, versprochen!“. Hier braucht man nicht nur Polizisten, hier braucht man auch Verhaltenspsychologen.

„Wir werden doch wohl hoffentlich nicht zwei Mal dieselben Fehler machen?!“, warnt auch L’Avenir. Denn es ist offensichtlich, dass auch die Vorsicht Urlaub macht. Viele von uns sind nachlässig geworden. Die Terrassen sind voll, manchmal auch voll von Sorglosigkeit. Resultat jedenfalls: Die Kurven weisen wieder nach oben. Das darf nicht so weitergehen! Und wichtiger noch: Vor allem muss diesmal alles getan werden, um die Alten- und Pflegeheime aus der Schusslinie zu halten. Eine ebenso mörderische wie skandalöse Katastrophe wie beim letzten Mal muss mit allen Mitteln verhindert werden.

„Do it yourself!“

Gazet van Antwerpen schlägt in dieselbe Kerbe. Reicht es, wenn einige Bürgermeister jetzt die Initiative ergreifen? Die Frage ist und bleibt berechtigt. Es ist nach wie vor zum Haareraufen, wenn man sich die Probleme bei der Kontaktpersonennachverfolgung anschaut. Das dauert immer noch viel zu lange! Angesichts von 10.000 Toten, 50 Milliarden Euro Neuverschuldung und einem zu befürchtenden Heer von neuen Arbeitslosen sollten wir doch eigentlich ein bisschen schlauer geworden sein. Wenigstens ein kleines bisschen.

„Do it yourself“, empfiehlt denn auch Het Laatste Nieuws. „Nehmt es selbst in die Hand!“. Auch wir müssen proaktiver werden. Müssen wir denn darauf warten, dass wir von Kontakt-Tracern angerufen werden? Man kann doch schließlich auch schonmal selbst damit anfangen, seine Kontakte zu verständigen, wenn man positiv getestet wurde. Wir haben vor einigen Wochen alle schon unsere Nähkünste unter Beweis gestellt und Masken selbst angefertigt. Warum können wir jetzt nicht auch zu unseren eigenen Tracern werden? Wir müssen doch nicht immer auf den Staat warten.

Roger Pint

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