Die Presseschau von Dienstag, dem 30. Juni 2020

Heute feiert der Kongo 60 Jahre Unabhängigkeit. Zu diesem Anlass hat König Philippe einen Brief an den kongolesischen Präsidenten verfasst. Fast alle Zeitungen befassen sich mit der Bedeutung dieses Schreibens und den möglichen Folgen, besonders im Parlament. Auch die mögliche Einführung einer Regionalwährung in Ostbelgien wird thematisiert.

König Philippe bei seiner Ansprache zur aktuellen Coronavirus-Krise (Bild: Benoit Doppagne/Belga)

König Philippe bei seiner Ansprache zur aktuellen Coronavirus-Krise (Bild: Benoit Doppagne/Belga)

„Der König äußert sein Bedauern“, titelt De Morgen. „Dem König tut es leid“, schreibt Het Laatste Nieuws auf Seite eins. Het Belang van Limburg wird konkreter: „Philippe bringt sein Bedauern über die Gräueltaten im Kongo zum Ausdruck“.

Fast auf allen Titelseiten liest man heute nahezu dieselben Schlagzeilen. König Philippe hat sich in einem Brief an den kongolesischen Präsidenten Félix Tshisekedi gewandt.

Zunächst scheint es noch, als wolle das belgische Staatsoberhaupt lediglich seine Glückwünsche zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongo übermitteln. Dann formuliert Philippe aber plötzlich sehr persönliche und zugleich historische Worte. „Im Kongo wurden Gewalt- und Gräueltaten verübt und viel Leid verursacht“, zitiert Gazet van Antwerpen aus dem Schreiben.

Und der nächste Satz steht auf Seite eins von Le Soir: „Ich möchte mein tiefstes Bedauern zum Ausdruck bringen“. Auch De Standaard und Het Nieuwsblad heben diese Worte hervor. Het Nieuwsblad veröffentlicht sogar den ganzen Brief auf seiner Titelseite.

Noch keine Entschuldigung aber immerhin ein erster Schritt

„Endlich!“, meint dazu Gazet van Antwerpen. Eigentlich hätte man sich schon zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongo ein klares belgisches Schuldeingeständnis gewünscht. Damals war es aber wohl noch zu früh. König Baudouin und auch König Albert II. haben dazu nie Stellung bezogen.

Mit seinem Brief beweist Philippe, dass er ein König der neuen Generation ist. Ein Staatsoberhaupt, das innerhalb seiner Befugnisse und Einschränkungen dazu in der Lage ist, sich von der Haltung seiner Vorgänger zu distanzieren.

Zugleich geht Philippe damit auf die Befindlichkeiten ein, die auch hierzulande zu spüren sind. Die Stimme der jungen Generation klingt in diesen Black Lives Matter-Zeiten lauter denn je. Der König hat sie gehört. Und das ist historisch.

„Endlich!“, meint auch Le Soir. Diese Geste war nötig. Sie ist ein Zeichen von Größe des Königs und seines Landes. Philippe bringt sein Bedauern zum Ausdruck über „die Wunden der Vergangenheit“.

Schon vor zehn Jahren hatte ein ganzes Volk auf diese Worte gewartet. König Albert II., der eigens nach Kinshasa gereist war, bekam sie aber nicht über die Lippen. Jetzt ist es sein Sohn, der sich zehn Jahre später zur belgischen Kolonialvergangenheit bekennt.

Eine starke und historische Geste. Dies, zumal er sich damit offen von seinem Onkel und Mentor Baudouin distanziert. Es ist freilich keine Entschuldigung. König Philippe setzt hier aber einen ersten wichtigen Schritt, ohne dass er von einer parlamentarischen Kommission dazu gezwungen werden wäre.

Jetzt muss die parlamentarische Aufarbeitung kommen

Mit einer „Entschuldigung“ hätte König Philippe seine Befugnisse überschritten, analysiert De Morgen. Das Staatsoberhaupt schreibt seinen Brief nämlich in eigenem Namen. Es ist also ein persönliches Schreiben. Insofern konnte das Staatsoberhaupt nicht im Namen des belgischen Staates um Verzeihung bitten.

Philippe deutet aber selber an, dass das nur ein erster Schritt sein wird. Schließlich verweist er auf die parlamentarische Aufarbeitung, die jetzt in der Kammer angestoßen wurde. So signalisiert er, dass er jegliche Schlussfolgerungen akzeptieren wird. Jetzt kann man nur hoffen, dass die parlamentarische Kommission endlich die Dinge klar benennen wird.

„Ein erster Schritt“, meint auch Het Nieuwsblad. Und Philippe geht hier unerwartet weit. Zwar erwähnt er nicht ausdrücklich den Namen seines Vorgängers Leopold II. Wenn er aber von den Gräueltaten in der Zeit des „Freistaats Kongo“ spricht, dann ist eben diese Epoche gemeint.

Natürlich ist ein „Bedauern“ auch keine Verurteilung. Insgesamt ist der Brief aber ein mutiger Schritt. Der nächste sollte eine Entschuldigung sein.

Nicht viel zu feiern

De Standaard sieht das ähnlich. Ohne Zweifel hätten viele Kongolesen und Black Lives Matter-Aktivisten mehr erwartet. Nur war mehr im Augenblick nicht möglich. Was nicht heißt, dass diesem wichtigen Signal noch weitere Schritte folgen werden. Davon abgesehen: An diesem 60. Jahrestag gibt es auch nicht soviel zu feiern.

Den Jahrzehnten der kolonialen Ausbeutung folgten Diktatur, Bürgerkrieg und Kleptokratie. Die politisch Verantwortlichen haben das Land regelrecht geplündert und tun das immer noch. Bis heute hören sie auf den Meistbittenden. Und das sind heute die Chinesen.

Auch La Libre Belgique zieht eine nachdenkliche Bilanz nach 60 Jahren Unabhängigkeit. Klar: Der ganze Prozess war schlecht vorbereitet. Das konnte im Grunde nur schiefgehen.

Seit Jahrzehnten herrscht im Kongo tiefster sozioökonomischer Winter. 60 Jahre nach der Unabhängigkeit wäre es unangebracht, immer noch alle Schuld den belgischen Kolonialherren zu geben.

Wenn es dem Kongo heute schlecht geht, dann auch, weil das Land bis heute auf einen Präsidenten wartet, der sich an die Regeln hält und das Beste für sein Volk will. Die meisten Kongolesen verhalten sich immer noch wie Hausbesetzer – ohne langfristige Investitionen, weil niemand dem Kongo so sehr misstraut wie seine eigenen Bürger.

Eine neue Form der Solidarität

La Libre Belgique schließlich widmet sich in einem Artikel den Plänen hinsichtlich der Einführung regionaler Einkaufsschecks beziehungsweise einer Regionalwährung in Ostbelgien. Die würde nicht nur in den deutschsprachigen Gemeinden, sondern auch in neun angrenzenden frankophonen Kommunen gelten.

Hier die Grundzüge einer möglichen künftigen zweisprachigen vierten Region zu sehen, das wäre aber zu weit gedacht, meint der Autor. Aber immerhin wäre das eine neue Form der Solidarität zwischen beiden Sprachgruppen, die ja in Ostbelgien eine gemeinsame Vergangenheit verbindet.

Roger Pint

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150