Die Presseschau von Freitag, dem 3. April 2020

Corona-Krise und kein Ende... Die Zeitungen beschäftigen sich zunächst mit den jüngsten Zahlen der Todesopfer, die Covid-19 in Belgien gefordert hat. Grund genug jedenfalls, sich weiter an die Ausgangsbeschränkungen zu halten, meinen einige Blätter. In der Zwischenzeit wird die Kritik an einigen Akteuren immer lauter. Für eine politische Aufarbeitung sei es aber noch zu früh.

Gesundheitsministerin Maggie De Block (Bild: Thierry Roge/Belga)

Gesundheitsministerin Maggie De Block (Bild: Thierry Roge/Belga)

„Die Schwelle von 1.000 Todesopfern ist überschritten“, titelt Gazet van Antwerpen. Het Nieuwsblad ist genauer: „Es gibt schon 1.011 Todesfälle zu beklagen“, schreibt das Blatt. Und die Zeitung veröffentlich auch viele Fotos von Menschen, die an den Folgen von Covid-19 gestorben sind; damit bekommt die Tragödie sozusagen ein Gesicht.

Legt man die Zahl der Todesfälle auf die Gesamtbevölkerung um, dann ergibt sich ein doch besorgniserregendes Bild. „Belgien steht auf Platz 3 der ’schwarzen Länder'“, bemerkt etwa Het Nieuwsblad. In Belgien wurden 87 Todesfälle je eine Million Einwohner gezählt. Dramatischer ist die Situation nur in Italien und Spanien. Dafür gibt es aber vor allem einen Grund, wie Gazet van Antwerpen berichtet: „Belgien ist klein und dicht besiedelt“; da hinken gewisse Vergleiche.

Dennoch: Die Zahl der Toten steigt weiter. Gestern allein wurden 183 neue Todesfälle gemeldet.

Quarantäne-Test

183 Tote…, meint nachdenklich Het Laatste Nieuws. Das muss man doch mal schlucken. 183 Tote, das sind drei vollbesetzte Reisebusse voller Senioren. Und das an einem Tag! 183 Menschen, die betrauert, beweint werden. Naja, man sagt uns, dass wir andere Zahlen beobachten müssen, etwa die der neu ins Krankenhaus eingelieferten Patienten. Und die stagnierte zuletzt mehr oder weniger. Was darauf hinweisen kann, dass der Höhepunkt der Epidemie näherkommt. Das trocknet die Tränen aber nicht. 183 Todesfälle an einem Tag! Diese Zahl ist wohl auch der beste Beweis dafür, dass es für ein Wochenende an der Küste oder in den Ardennen noch viel zu früh ist.

Genau davor haben jetzt die Behörden auch nochmal eindringlich gewarnt. „Die Polizei wird an diesem ersten wirklichen Frühlingswochenende mehr Patrouillen einsetzen“, titelt etwa Het Belang van Limburg. Das ist Abschreckung, um zu verhindern, dass die Belgier jetzt angesichts der tollen Wetterprognosen massiv Richtung Küste oder Ardennen aufbrechen. „Das warme Wochenende wird zum Quarantäne-Test“, bemerkt auch Het Laatste Nieuws.

„Die Sonne ist der Feind der Ausgangsbeschränkungen“, meint La Dernière Heure in ihrem Leitartikel. Doch sind die Ausgangsbeschränkungen eben die wirksamste Waffe gegen den eigentlichen Feind, der ebenso unsichtbar wie tödlich ist. Und, je mehr Dummheiten wir jetzt machen, desto länger werden die Maßnahmen dauern. „Kollaborieren Sie nicht mit dem Feind“, so der Appell von La Dernière Heure an ihre Leser. „Bleiben Sie zuhause!“. Ansonsten setzen Sie nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel, sondern, viel schlimmer noch, das der anderen…

„Eine halbe Million Flamen bangen um ihre Jobs“, so die Schlagzeile von Het Laatste Nieuws. Und in den übrigen Landesteilen ist das wohl nicht anders. Laut L’Avenir sind die Auswirkungen jetzt schon spürbar: „Nach sechs Jahren steigen die Arbeitslosenzahlen erstmals wieder“, titelt das Blatt. „Es ist aber eine europäische Arbeitslosenversicherung in der Mache“, schreibt La Libre Belgique. Entsprechende Pläne hat die EU-Kommissionsvorsitzende Ursula von der Leyen.

Wut auf Maggie De Block

„Die Pflegekräfte sind wütend auf Maggie De Block“, so derweil die Aufmachergeschichte von Le Soir. Der Unmut wächst quasi mit jedem Tag. Das Personal im Gesundheitswesen wirft der Gesundheitsministerin mangelnde Weitsicht vor; und obendrauf dann auch noch zu späte Entscheidungen. Maggie De Block sei schlichtweg inkompetent, so die Kritik der Pflegekräfte.

„Da braut sich was zusammen“, warnt De Standaard in seinem Leitartikel. Viele Akteure auf dem Terrain fühlen sich im Stich gelassen. Beispiel Alten- und Pflegeheime: Diese Einrichtungen sind in einigen Gegenden quasi die Brutstätten des Virus. Nicht etwa, weil das Personal die Regeln nicht beachtet hätte; auch nicht, weil die Direktionen die drohenden Materialengpässe nicht zeitig genug gesehen oder darauf aufmerksam gemacht hätten. Nein! Man hat einfach nicht auf ihre Alarmsignale reagiert.

Wenn die Politik jetzt immer noch darauf verweist, dass die ganze Welt schließlich auf der Suche nach Schutzmasken sei, dann ist das keine Ausrede mehr. Dass Belgien nicht über eine strategische Reserve verfügte, das ist ein Patzer, auf den die Regierung dann auch noch viel zu spät reagiert hat.

Solidarität ist mehr als nur täglicher Applaus

Doch ist jetzt nicht der Zeitpunkt, schon mit der politischen Aufarbeitung zu beginnen, glaubt Het Nieuwsblad. Viel zu viele versuchen sich im Moment, zu inszenieren oder zu profilieren. Das ist aber kontraproduktiv. Erstmal müssen wir unsere ganze Energie in die Bewältigung der Gesundheitskrise stecken. Jetzt den Rücktritt der einen oder des anderen Ministers zu fordern, bringt uns keinen Schritt weiter. Nach der Krise kann man vielleicht alle Teufel von der Leine lassen. Aber bitte jetzt noch nicht.

Gazet van Antwerpen sieht das genauso. Ob die Kritik etwa an Gesundheitsministerin Maggie De Block nun begründet ist, oder nicht, das wird es zu klären gelten. Aber, jetzt ist erstmal nur wichtig, dass wir diese Krise hinter uns lassen. Und bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig, als dieser Equipe zu vertrauen.

Jetzt Köpfe rollen zu lassen, das würde ohnehin nicht reichen, glaubt Le Soir. Irgendwann wird die Suche nach den Schuldigen beginnen. Doch sollte man darauf nicht zu viel Energie verwenden. Wichtiger ist die Suche nach Lösungen. Und das geht nur über eine Reform des ganzen Systems. Seit Jahren, Jahrzehnten wird im Gesundheitswesen gespart. Die Staaten haben irgendwann aufgehört, strategisch zu denken, und haben stattdessen nur noch wie Buchhalter gehandelt. Da braucht man mehr, als nur einen Untersuchungsausschuss, der einzelne Akteure an den Pranger stellt.

L’Echo sieht das ähnlich: Wenn uns diese Krise eins gelehrt hat, dann dies: Es sind allein unsere Sozialsysteme, die den Schock abgefedert haben. Grund genug, sich die Frage zu stellen, wie man deren Zukunft sichern kann. Und dafür muss man Geld in die Hand nehmen. Es bedarf einer strukturellen Refinanzierung, insbesondere des Gesundheitswesens. Denn: Wer würde es im Moment wagen, bei der Krankenversicherung oder in den Hospitälern den Sparhobel anzusetzen? Das wird Steuererhöhungen mit sich bringen, angefangen bei den hohen Einkünften. Solidarität, das ist aber mehr, als nur jeden Abend um 20:00 Uhr auf dem heimischen Balkon zu applaudieren…

Roger Pint

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4 Kommentare
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Belgische Politik war oft genug durch mangelnde Weitsicht und Planung gekennzeichnet.Die Resultate waren dann entsprechend desaströs.Dazu folgende geschichtliche Beispiele : Belgien hatte erst 1913 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und ging 1914 unvorbereitet in den Krieg.Oder der Kongo wurde überhastet und schlecht vorbereitet in die Unabhängigkeit entlassen.Die Folgen sind bis heute zu spüren.Und auch jetzt bei der Coronakrise spürt man die mangelnde Weitsicht besonders.Es wurden keine Vorräte für wichtiges medizinisches Material angelegt.Stattdessen war der Gesundheitssektor permanenten Sparmaßnahmen ausgesetzt.Wichtiger waren das Schaffen von „Schönen Pöstchen“, um die Parteisoldaten aller Couleur zufriedenzustellen.Ich hoffe diese Krise wird zum Schlüsselerlebnis für die politisch Verantwortlichen. Denn diese hatten schlichtweg ihre Verantwortung vergessen für Land und Leute.

  2. Maria van Straelen

    Also der Kommentar ist wohl mehr als daneben: abgesehen davon, dass B vor dem 1. Weltkrieg nr.2 der Industrienationen der Welt war. Belgien wurde als NEUTRALER Staat als Puffer zwischen England-Deutschland-Frankreich gegründet, und ging daher davon aus, dass es keine Kriege führen würde. Belgien GING nicht unvorbereitet in den Krieg, es wurde von Deutschland brutalst und unvorbereitet ÜBERFALLEN. Wie bereitet sich ein neutraler Staat von 7,6 Mio Einwohnern gegen einen kriegerischen Staat von 65 Mio Einwohnern und einer Ausdehnung von Memel bis einschl. Elsaß Ihrer Meinung nach vor ? Beim Kolonialismus war dann andererseits überhaupt keine Vorbereitung auf die Unabhängigkeit geplant, es wurde geplündert und dies sollte so lange wie möglich weitergeführt werden. Die Unabhängigkeit geschah unter Druck der Afrikaner, übrigens in den meisten afrik. Kolonien um den gleichen Zeitraum. in der Coronakrise ist B nicht besser oder schlechter als alle (großen) Staaten drum herum. Hierauf war niemand vorbereitet.

  3. Peter Schallenberg

    Die Menschen, Herr Scholzen, sind lange schon kein Maßstab mehr für das Schalten und Walten der Politik. Wir Menschen sind Schachfiguren, Spielbälle, angefangen bei der Kommunalpolitik, Regierung und von Groß- EU möchte ich mal gar nicht reden. Buchhalter- Mentalität? Ja, passt.

    Weitsicht und Planung hätte etwas Langfristiges, Produktives und Stabilisierendes zur Folge, kein Interesse: man wurschtelt lieber in den Tag hinein, heute Hü, morgen Hott.

    Und nein, das Corona- Theater ist kein Schlüsselerlebnis, man wird sich auf die Schultern klopfen, das Blaue vom Himmel herunter lügen und dann wieder zur Tagesordnung übergehen. Mit dem widerlich- verlockenden Geschmack der Freiheitseinschränkung auf der Zunge.

  4. Marcel Scholzen eimerscheid

    Herr Schallenberg. Mal abwarten, wie sich das alles so entwickelt. Es kommt immer anders, wie man denkt. So etwas wie die Reformation oder die Französische Revolution waren auch nicht geplant. Wurden hervorgerufen durch Missstände. Diese Coronakrise ist eine Bewährungsprobe für die Demokratie und den Rechtsstaat, ob „…eine Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk…“ (Gettysburg Adress) langfristig besteht oder nicht durch etwas anderes ersetzt wird.
    Werte Frau Van Straelen. Die „Unabhängigkeit“ der meisten afrikanischen Staaten geschah mit Billigung und Unterstützung der Kolonialherren. Es war eine Mogelpackung.

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