Die Presseschau von Mittwoch, dem 1. April 2020

Der ungewöhnliche Tod eines zwölfjährigen Mädchens an den Folgen des Coronavirus bewegt wohl nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die belgische Presse. Andere Themen sind die Gefahren der Freiheitsbeschränkungen und die Mahnung zur Solidarität in Europa.

Emmanuel André und Steven De Gucht bei einer Pressekonferenz (Bild: Thierry Roge /Belga)

Emmanuel André und Steven De Gucht bei einer Pressekonferenz (Bild: Thierry Roge /Belga)

„Zwölfjähriges Mädchen stirbt an den Folgen von Corona“ titelt Het Nieuwsblad, La Dernière Heure schreibt: „Der Tod eines zwölfjährigen Mädchens bewegt ganz Belgien“ und Het Laatste Nieuws zitiert auf Seite Eins die Virologen André und Van Gucht: „Jeder ist schockiert, aber es bleibt eine Ausnahme.“

Einige Zeitungen beschäftigen sich mit dem Tod eines zwölfjährigen Mädchens aus Gent, den die Virologen gestern auf der Pressekonferenz verkünden mussten. Het Nieuwsblad schreibt dazu: Dieser Tod passt nicht in die Statistiken. So außergewöhnlich dieser Fall auch sein mag, er verdeutlicht auf tragische Weise, dass sich das Virus nicht an Zahlen und rationalen Erklärungen hält. Es macht keinen Unterschied zwischen Alter, Geschlecht, Nationalität oder Religion. Niemand ist dagegen immun. Auch nicht der, der das glaubt.

Ein großer Teil derjenigen, die infiziert sind, haben nur milde Symptome. Die Erkenntnis, dass sie eine Gefahr sind, für diejenigen, die dieses Glück nicht haben, ist noch nicht zu allen durchgedrungen, warnt Het Nieuwsblad.

Ein Schock

Gazet Van Antwerpen notiert: Bei allem Leid und aller Angst, dass das Coronavirus anrichtet, kam der Tod des zwölfjährigen Mädchens gestern trotzdem wie ein Schock. Weil der Tod eines Kindes immer tief trifft, und weil Kinder normalerweise, gottseidank, vom Coronavirus verschont bleiben, und selten daran erkranken.

Es ist eine absolute Ausnahme, sagen die Wissenschaftler. Eine Laune des Schicksals, ein Unglück, das immer passieren kann. Das aber nicht passiert wäre, wenn es die Pandemie nicht geben würde.

L’Avenir fühlt sich durch den Tod des Mädchens daran erinnert, dass niemand vor dem Coronavirus und dem Unheil, das es anrichtet, sicher ist. Der Tod gibt der weltweiten Gesundheitskrise noch mal eine dramatischere Wendung.

Angst und Misstrauen werden stärker. Aber nicht diese irrationale Angst, die zum Ansturm auf Toilettenpapier geführt hat. Vielmehr eine festsitzende, unbestimmte Angst, die sich auch in den Sozialen Medien immer weiter ausdrückt. Und die jetzt dazu führt, die vermeintlich Schuldigen zu suchen.

Ob Chinesen, Wissenschaftler, Politiker. Die Schuld, ob reell, unterstellt, oder herbeiphantasiert, muss nachdem die Krise vorbei ist, im Lichte der Wahrheit untersucht werden. Aber ist es nicht jetzt, wenn Kinder und Großeltern sterben, an der Zeit alle Energien zu bündeln?

Freiheiten auf Pause

De Morgen beschäftigt sich mit den Freiheitsbeschränkungen, die wir zur Bekämpfung der Coronakrise unserem Zusammenleben auferlegen: Sie fallen schwer – Bürgern, Familien und der Wirtschaft.

Doch die Bereitschaft, nach diesen Regeln zu leben, ist groß. In der Hoffnung, dass sie effektiv sein können, in diesem schweren Kampf gegen einen unsichtbaren Feind.

Aber man sieht auch immer: Wenn der Staat einmal das Vertrauen erhält, um Freiheiten auf Pause zu setzen, folgt automatisch die Neigung, die Grenzen dieser besonderen Macht auszureizen – auch hier.

Noch gilt bis auf weiteres der Lockdown light. Doch es haben auch schon tiefgreifendere Maßnahmen auf dem Tisch gelegen: Ausgangssperre, Hausdurchsuchungen ohne Durchsuchungsbefehl oder die Verpflichtung, immer in der Nähe der eigenen Wohnung zu bleiben.

Was genau nützlich wäre, den heutigen Regeln noch hinzuzufügen, ist nicht klar. Der Belgier mag sich glücklich schätzen, dass der gesunde Menschenverstand vorläufig noch gewinnt. Aber in der heutigen Zeit, weiß man nie, wie lange vorläufig noch vorläufig bleib, meint De Morgen.

Essenz der Solidarität

De Standaard stellt in seinem Leitartikel die Solidarität innerhalb der EU in den Mittelpunkt. Die Bürgermeister, der am härtesten vom Coronavirus getroffenen Gemeinden in Italien, hatten gestern mit einer ganzseitigen Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für gemeinsame Anleihen, sogenannte Corona-Bonds geworben. Deutschland und vor allem die Niederlande wehren sich dagegen.

Die Zeitung schreibt dazu: Wenn die EU nicht zeigt, dass es sie gibt, dann hört sie auf zu existieren. Und da sieht es in der Tat nicht gut aus. Das ist keine Diskussion über Institutionen oder Zuständigkeiten.

Hier geht es um politische Empathie und Schicksalsverbundenheit. Die Bruchstellen zwischen dem Norden und dem Süden sind bekannt. Aber was jetzt zerbricht, ist die Essenz der europäischen Solidarität. Wenn Solidarität nur ganz risikolos den eigenen Belangen dient, dann gibt es sie nicht.

Le Soir zitiert in diesem Zusammenhang Etienne Davignon. Der belgische Geschäftsmann war von 1981 bis 1985 Vizepräsident der EU-Kommission. Davignon ist für die Ausgabe von Coronabonds, die so sagt er, keine Vergemeinschaftung der Schulden, sondern Investitionen nach der Coronakrise seien.

In einem Appel geht Davignon mit den Europäischen Staats- und Regierungschefs hart ins Gericht: Wer sich dagegen ausspricht, verrät die fundamentalen Werte Europas. Wenn man aufeinander zählen soll, dann mit allen Konsequenzen.

Jetzt ist nicht die die Zeit für die üblichen Kleinigkeiten. Jetzt schlägt die Stunde der wirklich Verantwortungsbewussten. Das Überleben der EU steht auf dem Spiel, und es gibt keinen Plan B.

Volker Krings

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